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Aus: Ausgabe vom 04.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Lyrik

Auf Seiten der Kleinigkeiten

Das Poesiealbum 367 beweist die Unverzichtbarkeit Fritz Eckengas
Von Thomas Behlert
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Passt in jede Jackentasche: Das »Poesiealbum«

Eine der wenigen Zeitschriften aus der DDR, die bis heute überlebt haben, ist das Poesiealbum, das 1967 gegründet wurde. Um eine große Leserschar zu erreichen, erhielt die Reihe eine schmale Form, ein Heft passte in die Innentasche eines Sakkos, damit die leseverrückten Werktätigen der DDR es immer bei sich führen und in Bus und Bahn danach greifen konnten. Man konzentrierte sich auf anspruchsvolle deutsche und internationale Lyrik und gab dem monatlich erscheinenden Heft einen günstigen Preis (90 DDR-Pfennig). Egal, wie berühmt ein Dichter war, er bekam nur ein Album gewidmet, mit dem der Leser aber das gesamte Werk erkunden konnte, von der frühen bis zur späten Phase. Nach einer Idee des Mitbegründers Bernd Jentzsch wurden die Hefte durchnummeriert. Wegen der Papierknappheit in der DDR kam es immer wieder zu Engpässen. Die Hefte zu Bob Dylan (189) oder Dylan Thomas (77) landeten unterm Ladentisch und schürten die Sammelleidenschaft der Leser noch. Natürlich gab es Hefte zu Bert Brecht (1), Wladimir Majakowski (2), Johannes R. Becher (24), Goethe (100) oder Victor Jara (183), die FDJ kämpfte als Besitzer des Verlages Neues Leben auch um Abdrucke von Allan Ginsberg (127) und Charles Bukowski (225). Kurz nach der »Wende« war erst mal Schluss, seit 2007 erscheint das Poesiealbum im Märkischen Verlag.

Nun liegt das 32 Seiten dicke Kunstwerk alle zwei Monate in gut sortierten Buchhandlungen, punktet dabei mit von Künstlern gestalteten Titel- und Mittelseitengrafiken und präsentiert weiterhin auch gerne komische Dichter. Nach zuletzt Ror Wolf (343), Thomas Gsella (351) und F. W. Bernstein (359) erhält nun endlich mit Nummer 367 auch der Humorarbeiter und Lyriker Friedhelm »Fritz« Eckenga sein »Album«. Geboren 1955 in Bochum, sah sein Lebensweg zunächst nicht nach Dichter aus, denn er absolvierte eine Ausbildung zum Kaufmann für Grundstücks- und Wohnungswirtschaft. Weil das wahrscheinlich zu gruslig war, schlug Eckenga den Weg des freiberuflichen Schriftstellers ein, gründete das Musiktheaterensemble »N8chtschicht«, schrieb massig Bücher, Theaterstücke, Hörspiele und Radiokolumnen, auch tingelt er immer wieder mit Soloprogrammen durch die Republik. Andreas Schäfler, der die Auswahl des Bandes besorgt hat, konzentrierte sich auf die Bücher »Mit mir im Reimen« (2015) und »Eva, Adam, Frau und Mann – da muss Gott wohl noch mal ran« (2020), die Illustrationen stammen von Nikolaus Heidelbach. Wer Eckengas so herrlich ironische wie geistreiche Lyrikexplosionen noch nicht kennt, erhält hier eine ausgezeichneten Eindruck. Man liest, lacht und wundert sich über Mafia-Reime, Verse zum grauen November oder den Titel »Geheim: Merkels neues Tattoo« (»Die Kanzlerin, die Kanzlerin / hat ein geheimes Doppelkinn / und in der Falte zwischendrin / da ist sie tätowiert«). Besonders die Gedichte über Fußball, eine flugunsichere Hummel und Liebesglück im Ortsteil Wiedenbrück machen deutlich, wie unentbehrlich Eckenga für die deutsche Literatur inzwischen ist. Sogar die Kritik liefert er mit: »Woran es dem Werk dieses Autors gebricht / ist ganz ohne Frage das Großgedicht. / Es geht unterm Strich, wer will es bestreiten / auf viel zuviel Seiten um Kleinigkeiten.«

»Fritz Eckenga«, Poesiealbum 367, Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2022, fünf Euro

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