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Aus: Ausgabe vom 04.08.2022, Seite 7 / Ausland
Krise im Zedernstaat

Weizen als Waffe

Getreidesilo in Beirut teilweise eingestürzt. Ukraine versucht, Frachter mit Lieferung aus Russland zu blockieren
Von Karin Leukefeld
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Die Getreidesilos im Hafen von Beirut am vergangenen Donnerstag, noch vor ihrem teilweisen Einsturz

Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut ist in der libanesischen Hauptstadt am Sonntag ein damals weitgehend zerstörtes Getreidesilo teilweise eingestürzt. Der imposante Turm ist nicht nur ein Symbol für die Hafenexplosion. An ihm wird auch sichtbar, wie die USA und ihre Partnerländer Lebensmittel als politisches Druckmittel einsetzen.

Das 50 Meter hohe Getreidesilo war bei der schweren Explosion am 4. August 2020 schwer beschädigt worden, jedoch nicht zusammengebrochen. Den westlichen Teil von Beirut bewahrte das imposante Gebäude vor großer Zerstörung, während die direkt am Hafen liegenden alten Viertel der Stadt verwüstet wurden. Damals waren mehr als 2.000 Tonnen Ammoniumnitrat explodiert, die seit 2014 in einem Hangar lagerten. Die Umstände, wie und warum die gefährliche Lieferung in Beirut gestrandet war und was schließlich die Explosion auslöste, sind bis heute nicht geklärt. 200 Menschen kamen damals ums Leben, mehr als 6.000 wurden verletzt.

Nach Angaben des amtierenden Ministerpräsidenten Nadschib Mikati hatte sich in dem nun teilweise zusammengebrochenen Silo lagerndes Getreide erhitzt, ein Brand brach aus. Wiederholte Versuche, diesen zu löschen, seien nicht geglückt, die Feuerwehrleute seien schließlich aufgefordert worden, das Gelände aus Sicherheitsgründen zu verlassen. Tausende Tonnen Getreide waren nach der Explosion vor zwei Jahren in dem beschädigten Silo belassen worden, um das Gebäude zu stabilisieren. Eine Entleerung, so die Befürchtung, hätte das Silo zum Einsturz bringen können.

Der Libanon ist seit 2019 von einer heftigen Wirtschafts- und Finanzkrise gezeichnet. Lebensmittelpreise steigen fast täglich, Hunger ist allgegenwärtig. Seit dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine wird Moskau vom Westen beschuldigt, »Weizen als Waffe« einzusetzen. Das treffe vor allem arme Länder wie den Zedernstaat. Russland ist mit einem Anteil von rund 24 Prozent weltweit größter Getreideexporteur und beliefert vor allem Länder des Nahen und Mittleren Ostens sowie Afrikas.

Getreidelieferungen aus Russland und der Ukraine (auf Platz fünf mit einem weltweiten Anteil von neun Prozent) sind seit Februar erschwert. Grund war die unklare Lage um den Hafen Odessa, der laut Moskau von Kiew vermint worden sei. Russland hat seine Kriegsschiffe von dort zurückgezogen. US- und EU-Sanktionen gegen Moskau führten dazu, dass Reedereien und Versicherungen Getreideladungen aus Russland nicht übernehmen und versichern wollten – aus Angst, selbst von den Sanktionen betroffen zu werden.

Russland nahm daher private Getreidelieferungen teilweise über den Seehafen Sewastopol auf der Krim wieder auf. Von dort startete unter syrischer Flagge auch der im Auftrag der in der Türkei ansässigen Firma Loyal Agro fahrende Frachter »Laodicea«, der 2015 von den USA unter Sanktionen gestellt worden war. Im Auftrag eines privaten libanesischen Getreideimporteurs sollte die Ladung aus 5.000 Tonnen Mehl und 5.000 Tonnen Gerste je zur Hälfte in den Libanon und nach Syrien gebracht werden.

Seit einer Woche wartet das Schiff nun im nordlibanesischen Hafen Tripoli darauf, seine Ladung löschen zu können. Verhindert wurde die Entladung bisher von der Ukraine, die behauptet, Russland habe das Getreide gestohlen. Eine Untersuchung der libanesischen Behörden, über deren Ergebnis unter anderem Bloomberg am Dienstag berichtete, hat den Vorwurf nicht bestätigt. Angeblich soll die Ukraine dem Löschen des Frachters unter der Voraussetzung zugestimmt haben, dass das Geld für die Ladung an Kiew und nicht an Moskau gezahlt werde.

Nach Angaben eines namentlich nicht genannten Mitarbeiters der Loyal Agro gegenüber Reuters kann eine Tonne Mehl im Libanon derzeit für bis zu 650 US-Dollar verkauft werden. In Syrien bringt eine solche rund 600 Dollar. Unter Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei haben sich Russland und die Ukraine inzwischen geeinigt, die Getreidelieferungen über den Hafen von Odessa wiederaufzunehmen. Die erste Lieferung auf dem Frachter »Razoni« soll an den Libanon gehen.

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