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Aus: Ausgabe vom 04.08.2022, Seite 6 / Ausland
Energiekrise

Halbherziger Klimaschutz

Spanien beschließt Energiesparmaßnahmen. Kritik von Umweltaktivisten
Von Carmela Negrete
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Künftig ohne Beleuchtung am Abend: Das Tor der Messe von Sevilla (1.5.2022)

Zum von der EU betriebenen Wirtschaftskrieg gegen Russland will auch die spanische Regierung ihren Beitrag leisten: Der Ministerrat des südeuropäischen Landes hat am Montag eine Reihe von Maßnahmen verkündet, um die von Brüssel geforderten Energieeinsparungen umzusetzen. So soll der Gasverbrauch um sieben Prozent reduziert werden. Auch beim Strom wird künftig gespart: Öffentliche Plätze, Verwaltungsgebäude, Geschäfte, kulturelle Einrichtungen oder Bahnhöfe müssen ihren Verbrauch senken. Schaufenster dürfen ab 22 Uhr nicht mehr beleuchtet werden, Klimaanlagen nicht unter 27 Grad laufen, Heizungen nicht bei mehr als 19 Grad. Um die Kontrolle zu vereinfachen, müssen gut sichtbare Thermometer angebracht werden. Die Regierung erklärte, dass die Maßnahmen bis zum 1. November 2023 gültig seien und im September weitere Entscheidungen getroffen werden könnten.

Laut Regierung bleiben die Privathaushalte von Maßnahmen verschont. Den Bürgern wird lediglich »empfohlen«, so weit es geht, auf Tageslicht zu setzen und auf Energiesparlampen umzusteigen, statt der Klimaanlage einen Ventilator zu benutzen, die Duschzeit zu verkürzen, die Treppe statt des Aufzugs zu nutzen und daran zu denken, was aus dem Kühlschrank entnommen werden soll, bevor er geöffnet und anschließend wieder »schnell« geschlossen wird. Auch sollen in der Nacht oder bei Abwesenheit nicht genutzte Geräte ausgeschaltet werden. Bei Fahrten mit dem Auto soll nicht schneller als 100 Kilometer pro Stunde gefahren werden.

Die Unternehmen des Landes rief Teresa Ribera, Ministerin für Ökologischen Wandel der sozialdemokratischen Regierungspartei PSOE, dazu auf, vermehrt auf Homeoffice zu setzen, um Fahrten zu reduzieren. Zwischen September und Dezember soll zudem das öffentliche Zugnetz kostenlos genutzt werden können. Geplant war diese Maßnahme auch wegen der steigenden Inflation. »Es ist an der Zeit, Solidarität zu zeigen, unsere Fähigkeit, auf Erpressung zu reagieren, und deutlich zu machen, dass jeder Druck auf einen Partner der Europäischen Union ein Druck auf alle ist«, sagte Ribera mit Blick auf die Spannungen mit Russland. Ministerpräsident Pedro Sánchez teilte am Montag via Kurznachrichtendienst Twitter mit, der Krieg in der Ukraine zwinge Spanien, den Energieverbrauch »effizienter zu gestalten«. Seit vergangener Woche tragen er und mehrere Minister seines Kabinetts keine Krawatte mehr, um weniger auf Klimaanlagen angewiesen zu sein.

Angesichts der Klimakrise, deren Folgen Spanien seit Wochen in Form von Dürre, Waldbränden und extremer Hitze fest im Griff haben, ist Energie sparen zwar sinnvoll, doch Golfplätze etwa werden weiterhin bewässert. Für die Organisation Greenpeace gehen die verkündeten Maßnahmen nicht weit genug. Statt befristet müssten sie permanent gelten und viel weitreichender sein, etwa die Transportbranche, die Industrie, die Agrarwirtschaft, die Lebensmittelproduktion und die Stromerzeugung mit einschließen. Auch der Verbrauch von Brennstoffen müsse geregelt werden, fordern die Klimaaktivisten. Das im Mai verabschiedete Gesetz zum Klimawandel (Ley de Cambio Climático), das bis 2030 eine Reduzierung der CO2-Emissionen um 23 Prozent vorsieht und mit dem Klimaneutralität bis 2050 erreicht werden soll, sieht Greenpeace als »wenig ambitioniert« an.

Die rechte Opposition kritisiert die Maßnahmen ebenfalls und fordert unter anderem die Weiterbetreibung von Atomkraftwerken. Die Präsidentin der Region Madrid, Isabel Ayuso von der postfranquistischen Volkspartei (PP), erklärte am Montag via Twitter, dass sie die Maßnahmen nicht umsetzen werde. Die Lichter der Schaufenster und bei Sehenswürdigkeiten auszuschalten führe »zu Dunkelheit, Armut, Tristesse«, schaffe »Unsicherheit« und habe negative Auswirkungen auf den Konsum.

Dabei hätte ihre Partei – wäre sie an der Regierung gewesen – die Politik der EU wohl genauso mitgetragen, wie es der PSOE nun getan hat. Die Sprecherin der linken Más Madrid und Abgeordnete im Madrider Parlament, Mónica García, reagierte auf Ayuso mit einer sarkastischen Äußerung, dass die 1.800 Kinder, die im Madrider Slum Cañada Real leben, ganz genau wüssten, wovon die Regionalpräsidentin spreche: Seit zwei Jahre haben sie keinen Strom.

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