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Aus: Ausgabe vom 03.08.2022, Seite 10 / Feuilleton

Thalbach, Brand, Kuczynski

Von Jegor Jublimov
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»Querdenker und fröhlicher Marxist«: Jürgen Kuczynski (1904–1997)

Als sie in ihrer letzten bemerkenswerten Charakterrolle als verschmähte Braut auf dem Bildschirm zu sehen war, lebte Sabine Thalbach bereits nicht mehr. Im Zweiteiler »Kleiner Mann – was nun?« (1967) nach dem Roman von Hans Fallada spielte Sabine Thalbach die Marie Kleinholz, die eine gute Partie für den Titelhelden gewesen wäre. Sie starb mit 34 Jahren an einer Thrombose. Am Donnerstag wäre sie 90 geworden. Thalbach war 1949 siebzehnjährig ans Berliner Ensemble gekommen, wo sie zunächst kleinere Rollen übernahm. Dort entdeckte sie Regisseur Wolfgang Staudte für seine Heinrich-Mann-Adaption »Der Untertan« (1951). Auch hier spielte sie ein braves Mädchen, eine Fabrikantentochter, die der Held umwirbt und dann sitzen lässt. Der Film wurde ein Welterfolg. Trotzdem blieb es für die Thalbach vor der Kamera beim kleinen Typenarsenal. Sie war Verkäuferin, Wäscherin, Putzfrau, Sekretärin oder Gouvernante; Rollen, die sie meist so spielte, dass sie auffielen. Auch in Inszenierungen aus dem Berliner Ensemble agierte sie vor der Kamera, etwa in Brechts »Herr Puntila und sein Knecht Matti« oder Strittmatters »Katzgraben«. Ihr Talent vererbte sie nicht nur Tochter Katharina, sondern auch Enkelin Anna und Urenkelin Nelly.

Ebenfalls sehr jung, mit 18, begann Peter Brand seine Laufbahn. Er wuchs in Gera auf, begeisterte sich fürs Fotografieren und wurde 1955 an der Babelsberger Filmhochschule in der Sektion Kamera aufgenommen. Nach verschiedenen Praktika konnte er sowohl Spiel- als auch Dokumentarfilme drehen – den ersten in der Mongolei. Seine Profession führte ihn auch nach Kairo als Filmlehrer und 1990 gar als Professor nach New York. Er hat Filme von einigen der besten Defa-Regisseure ins rechte Bild gesetzt, darunter Roland Gräf, Siegfried Kühn und der ewige Avantgardist Egon Günther. Am Montag beging Peter Brand seinen 85.

Ein über 90jähriges Leben in wenigen Zeilen? Der nicht nur von mir hochverehrte Professor Jürgen Kuczynski kam 1904 zur Welt (ein Jahr noch vor Gründung der Weltbühne, für die er in der Weimarer Republik schrieb und in der DDR erst recht), studierte Philosophie und Politökonomie u. a. als Forschungsstudent in den USA, trat 1930 in die KPD ein und musste als Kommunist und Jude 1936 nach Großbritannien emigrieren. Nachdem er schon 1945 nach Deutschland zurückgekehrt war, übernahm er eine Professur für Wirtschaft in Berlin und wurde Mitglied der Volkskammer der DDR. Der Bruder der Kundschafterin und Schriftstellerin Ruth Werner beugte sich mehrfach der Parteilinie, ohne seine Grundüberzeugungen aufzugeben. Seine Lebenserfahrungen befähigten ihn, in Büchern und Presseartikeln als »Querdenker und fröhlicher Marxist« Fragen des Sozialismus und seiner Zukunft zur Diskussion zu stellen, die anderswo bestenfalls angetippt wurden. Er blieb bis zum Schluss unverdrossen aktiv. Noch am Tag, bevor er am Sonnabend vor 25 Jahren starb, sandte er den Text seiner aktuellen Kolumne an die junge Welt.

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