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Aus: Ausgabe vom 03.08.2022, Seite 8 / Ansichten

Bis alles in Scherben fällt

Rufe nach Ausweitung des Ukraine-Kriegs
Von Reinhard Lauterbach
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Einsatz von mobilen US-amerikanischen »Himars«-Raketensystemen durch die Ukraine in Saporischschja (4.7.2022)

Natürlich kann man sagen, Georgij Tuka sei heute ein Politschreihals ohne aktuelle Verantwortung, und deshalb sei es nicht weiter ernst zu nehmen, wenn er fordert, die Ukraine solle Moskau bombardieren. Papier sei geduldig und so weiter. Aber so ganz allein steht der frühere Minister für die »Reintegration der besetzten Gebiete«, der nach eigener Aussage 2011 – in wessen Auftrag eigentlich? – im »arabischen Frühling« in Ägypten den Barrikadenbau lernte, dann 2014 die Prangerwebseite myrotvorets.center mit persönlichen Daten von Gegnern der Maidan-Staatsmacht schuf und sich als Fan von Augusto Pinochet outete, eben doch nicht. Unlängst erklärte ein ukrainischer General im aktiven Dienst, wenn erst einmal die ukrainische Armee entsprechend weit reichende Geschosse für ihre US-amerikanischen Raketenwerfer habe, dann sei natürlich die Brücke vom russischen Festland auf die Krim das Ziel erster Wahl. Denn schließlich sei die Krim ­ukrainisches Territorium, da könne sie bombardieren, was sie wolle. So sangen sie schon einmal: »Wir werden weiter marschieren, bis alles in Scherben fällt.«

Aber dazu muss die Ukraine diese weitreichenden Raketen eben erst noch bekommen. Auch Tuka ereiferte sich in dem Interview mit der nationalistischen Webseite obozrevatel.com über die »amerikanischen Partner«, die uns »an der Leine halten und uns verbieten, russisches Territorium zu beschießen«. Da bellt der Kettenhund auf einmal nicht mehr gegen denjenigen, auf den er angesetzt ist, sondern gegen die Kette, an der er einstweilen (noch) liegt. Es liegt in der Natur der Sache, dass der ukrainische Nationalismus, den die USA über Jahre finanziert und in Kiew an die Macht gebracht haben, seine politische Eigendynamik hat und seine Erfüllung nicht darin findet, zu sein, was er objektiv ist: Washingtons Erfüllungsgehilfe. Schließlich rufen diese Leute »Ukraine über alles« und nicht »Ukraine unter anderem«.

Dabei ist eines klar: Es bräuchte ein Machtwort aus Washington oder einen verweigerten Scheck aus Brüssel, und mit solchem Spuk wäre es vorbei. Aber die westlichen Förderer der Ukraine beteuern ja immer, sie wollten »den Ukrainern« nicht vorschreiben, wann sie der Auffassung seien, gewonnen zu haben. Letztlich können USA und EU solche Ausfälle von ukrainischen Fanatikern ja auch nur recht sein. Vor diesem Hintergrund wirkt plötzlich alles, was sie tatsächlich tun, um den Ukraine-Krieg zu verlängern, maßvoll und nicht, wie es wirklich ist: kalkuliert. Wobei die Option, die von Tuka und anderen verlangten Langstreckenraketen doch noch zu liefern, ja immer noch vorbehalten bleibt.

Immerhin lässt es aufhorchen, dass US-Präsident Joseph Biden seine Bereitschaft erklärt hat, mit Moskau über neue Rüstungskon­trollverträge zu verhandeln. Aufgelöst ist das Rätsel schnell: Russland soll daran gehindert werden, seinen aktuell offenbar vorhandenen Vorsprung bei den Hyperschallwaffen politisch auszuwerten.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam ( 3. August 2022 um 08:44 Uhr)
    In der Ukraine haben nationalistische Faschisten das Sagen. Und diese Extremisten befeuern nun verstärkt die Eskalation. Die Verantwortung, das zu verhindern, liegt eindeutig im Westen, denn von dort kommt das Geld für den Pleitestaat UA und die Waffen. Russland wird sich nicht einschüchtern lassen. Es hat die Mittel und den Willen, diesem Treiben ein Ende zu setzen, und wenn die wollen, dass alles in Scherben fällt, dann wird es so kommen. Die Frage ist, ob das auf das Territorium des von Washington gewählten Schlagfeldes beschränkt bleibt. Denn sollte die UA Gebiete der Russischen Föderation und die dortige Infrastruktur angreifen, ist alles möglich.
  • Leserbrief von Hagen Radtke aus Rostock ( 3. August 2022 um 07:15 Uhr)
    Hier teile ich Herrn Lauterbachs Interpretation nicht. Dass ukrainische Angriffe auf russisches Territorium weitgehend ausbleiben, ist nicht ein Versuch der westlichen Mächte, sich als moderat darzustellen, sondern eine kluge strategische Entscheidung. Sie macht es der russischen Führung schwerer, Russland in diesem Krieg als Opfer darzustellen. Sollten also russische Verluste eine größer angelegte Mobilmachung erforderlich machen, womöglich mit dem Einsatz Wehrpflichtiger an der Front, wäre diese innenpolitisch schwerer zu verkaufen und könnte auf zivilgesellschaftlichen Widerstand stoßen. Angriffe auf russisches Territorium hingegen dürften einen Zustrom an russischen Freiwilligen bewirken, was die Ukraine verständlicheweise vermeiden will.
  • Leserbrief von Holger K. aus Hessen ( 2. August 2022 um 21:34 Uhr)
    Vielleicht kommen die gefallenen ukrainischen Soldaten ja nach ihrem Tod doch noch nach Walhalla, nach dem sie ihre inszenierte Götterdämmerung absolviert hatten. Vielleicht stirbt es sich ja leichter, wenn solch ein schwulstig romantisierter Pathos zelebriert wird. Himmler sprach mal davon, dass die Deutschen, den Goten gleich, gen Osten erneut stürmen. Vielleicht inspiriert ja auch das so manchen Ukrainer. Möglicherweise denkt er auch an Wagner, die Hunnenschlachten usw., so ihm nach rückwärtsgewandter Kultur gelegen ist. Dann wäre da noch Goebbels, der davon schwadronierte, dass seine Soldaten in den Kampf wie in einen Gottesdienst ziehen. Wäre da die Rückeroberung der Krim der passende kleine Altar, dem ein noch größerer folgen möge? Bekanntlich gebieren derlei Gelüste einen waschechten Größenwahn, was ja die Hitler-Faschisten exemplarisch vorlebten. »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«, wie es bei Goya heißt. Dazu gehören auch Fremd- und Selbstzerstörung.

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