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Aus: Ausgabe vom 03.08.2022, Seite 7 / Ausland
Antiziganismus

Pogrom gegen Roma

Spanien: Rassistische Ausschreitungen in Peal de Becerro in Andalusien
Von Carmela Negrete
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Diskriminiert und strukturell benachteiligt: Roma-Siedlung bei Almería in Andalusien in den 1980er Jahren

Sechs Wohnungen wurden zertrümmert und geplündert, eine sogar angezündet, drei Autos wurden beschädigt – die Roma-Familien in Peal de Becerro bei Jaén in Südspanien mussten vor einer aufgebrachten Menge, bestehend aus Dutzenden Nachbarn, aus dem Dorf fliehen. Als Rechtfertigung für die rassistischen Attacken diente den Angreifern, dass am Tag zuvor, dem 17. Juli, vier Männer, die der Roma-Minderheit angehören sollen, einen 29jährigen Türsteher in Peal de Becerro erstochen hätten. Laut dem Onlinemedium CTXT verfügen die Opfer des rassistischen Pogroms allerdings über keine Verbindungen zu den Tätern – außer, dass auch sie zur Roma-Minderheit zählen.

Der Rom und Parlamentsabgeordnete der Linkspartei Podemos, Ismael Cortés, erklärte in der vergangenen Woche, es sei »inakzeptabel, dass eine Ethnie in ihrer Gesamtheit beschuldigt« werde. Die Spanische Gesellschaft der Roma (Sociedad Gitana Española) stellte eine Strafanzeige unter anderem gegen den Bürgermeister von Peal de Becerro, David Rodríguez, die örtliche Polizei und »die materiellen und intellektuellen Urheber oder Anstifter der Angriffe auf Roma-Familien«. Gegenüber der Tageszeitung Diario de Jaén erklärte der Vorsitzende der Gesellschaft, Miguel Ángel Valverde, am 23. Juli, man spreche den Angehörigen des Getöteten »unser tiefstes Beileid aus«, allerdings werde man es nicht zulassen, »dass wir aus unseren Wohnungen gejagt werden, nur weil wir Roma sind«. Die betroffenen Familien hätten zudem keine Ausweichunterkünfte von den Behörden zur Verfügung gestellt bekommen.

Die Taten erinnern an die Geschehnisse im unweit gelegenen Martos 1986: Damals tobte in dem Dorf ein Mob von 200 Bewohnern, die rund 30 Wohnungen von Roma in Brand setzten. Pogrome gegen Angehörige der Minderheit in Spanien sind allerdings alles andere als eine Seltenheit, besonders häufig werden deren Wohnungen angezündet. So brannten 2014 zwei Wohnungen in Estepa, ebenfalls in Andalusien, am Rande einer Demonstration gegen Diebstähle, drei weitere wurden geplündert. 2018 wurde eine Familie mit fünf Kindern in Santurtzi im Baskenland obdachlos, nachdem ihre Wohnung in Flammen aufgegangen war. 2019 versuchten Bewohner des Madrider Viertels Vallecas die Wohnung eines Mannes anzuzünden, der der Tötung eines Rentners verdächtigt wurde. 2000 fand eine Demonstration in Alicante statt, in deren Rahmen zwischen 500 und 1.000 Personen zehn von Roma genutzte Wohnungen demolierten.

Dem versucht die spanische Koalitionsregierung entgegenzuwirken. Seit Mitte Juli ist ein Gesetz in Kraft, das Antiziganismus als spezifische Form des Rassismus anerkennt und bestraft. Tätern drohen nun bis zu 500.000 Euro Strafe. Seit den letzten Wahlen im November 2019 sitzen zudem erstmals vier Abgeordnete im spanischen Parlament, die der Roma-Minderheit angehören.

Laut Schätzungen leben in Spanien rund 750.000 Roma, die sich bis heute einer ganzen Palette rassistischer Vorurteile und Diskriminierungen ausgesetzt sehen. Zwar spricht die Stiftung Fundación Secretariado Gitano davon, dass die Situation von Angehörigen der Minderheit im Vergleich zu anderen europäischen Ländern etwas besser sei, allerdings könne man längst nicht »von gleichen Bedingungen« und einer »Abwesenheit von Diskriminierung« sprechen. Laut einer Statistik der Stiftung hat mehr als die Hälfte der befragten Roma in den vergangenen fünf Jahren Diskriminierung erlebt. Zudem sei Antiziganismus in Spanien der bei Anzeigen wegen Hassrede am dritthäufigsten angegebene Grund nach »Ausländerfeindlichkeit« und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung. Auch erinnert die Stiftung auf ihrer Homepage daran, dass rund 35 Prozent der Roma in Spanien von Erwerbslosigkeit betroffen sind und zehn Prozent in unbefestigten Hütten oder anderen unwürdigen Verhältnissen leben.

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