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Aus: Ausgabe vom 03.08.2022, Seite 7 / Ausland
Krieg in der Ukraine

Streit um Beschuss

USA beschuldigen Russland, Gefängnis von Jelenowka angegriffen zu haben. Zwangsevakuierung von ukrainischem Teil des Donbass
Von Reinhard Lauterbach
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Nicht zerstört genug für US-Präzisionswaffe? So sieht zumindest Washington den Angriff auf Jelenowka (29.7.2022)

Kiew und Washington haben auf die russischen Vorwürfe wegen des Beschusses des Kriegsgefangenenlagers in Jelenowka am Freitag mit Gegenanschuldigungen reagiert. Das in Washington angesiedelte »Institut für das Studium des Krieges« (ISW) schrieb am Dienstag unter Berufung auf zwei anonyme »mit der Sache vertraute Beamte«, der Angriff könne nicht mit den US-Raketenwerfern des Typs »Himars« erfolgt sein, weil Satellitenbilder keine Krater in der Umgebung des Objekts zeigten. Es fehle der sonst übliche »Kollateralschaden«. Freilich gelten die »Himars«-Geschosse ja als besonders präzise.

Der Vorwurf aus Washington und Kiew lautete statt dessen, Russland habe das Gefängnis mit einer »thermobarischen Bombe« oder einer anderen Präzisionswaffe angegriffen, um sich der darin festgehaltenen Kämpfer des faschistischen »Asow-«Bataillons zu entledigen. Moskau behauptete, es habe der UNO Dokumente überlassen, um die Verantwortung der ukrainischen Seite zu beweisen, machte aber nicht deutlich, worauf diese Beweise beruhen sollen. Auf westlicher Seite verlangt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz freien Zugang zu der beschossenen Anlage.

Im ukrainisch kontrollierten Teil des Donbass begann unterdessen die von den dortigen Behörden angeordnete Zwangsevakuierung der verbliebenen Bevölkerung. Es geht nach Angaben der ukrainischen Vizeregierungschefin Irina Wereschtschuk um etwa 220.000 Menschen, darunter 52.000 Kinder. Im frontnahen Gebiet könne Kiew wegen zerstörter Gasleitungen die Versorgung im kommenden Winter nicht mehr garantieren. Das bedeutet, dass sich die Ukraine darauf vorbereitet, Russland im Falle einer neuen Offensive ein zerstörtes und unbewohntes Gelände zu hinterlassen. Der Chef der »Volksrepublik« Donezk, Denis Puschilin, warf der Ukraine vor, die Bewohner würden evakuiert, damit Kiew später die Ergebnisse eines künftigen Referendums über den Anschluss der Region an Russland als nicht repräsentativ anzweifeln könne. Bewohner, die sich weigern zu gehen, müssen offenbar gegenüber den ukrainischen Behörden eine entsprechende schriftliche Erklärung abgeben.

In Kiew erregte der frühere Minister für die »Reintegration der besetzten Gebiete«, Georgij Tuka, Aufsehen mit einem Interview für die Webseite obozrevatel.com. Darin warf er den USA vor, sie hinderten die Ukraine durch verweigerte Waffenlieferungen daran, Moskau und andere russische Städte zu bombardieren. Das sei ungerecht, weil sowohl Russland als auch Belarus eine solche »Gegenleistung« verdient hätten.

An den Fronten gab es keine größeren Veränderungen. Russische Truppen stehen nach eigenen – aus Kiew indirekt bestätigten – Angaben inzwischen in Ortschaften nur noch drei Kilometer außerhalb des Verkehrsknotenpunkts Bachmut. Außerdem haben sie südlich der Stadt das zweitgrößte Kohlekraftwerk Europas nahe der Ortschaft Switlodarsk vollständig besetzt. Nach Angaben des ISW sind die russischen Truppen in einer Umgruppierung begriffen. Die russische Militärführung habe offenbar Pläne für einen Angriff auf die Großstädte Slowjansk und Kramatorsk zumindest vorerst aufgegeben und verstärke statt dessen in Erwartung eines ukrainischen Gegenangriffs die eigenen Einheiten in der Südukraine, vor allem im Bezirk Saporischschja. Ebenso werde die Luftverteidigung rund um Cherson verstärkt.

Auf beiden Seiten der Front geht unterdessen die Rekrutierung neuer Soldaten weiter. Wie das ukrainische Portal strana.news meldete, bilden britische Militärs nach Angaben des ukrainischen Botschafters in London, Wadim Pristaiko, neue Rekruten aus, die vorher keine militärische Erfahrung gehabt hätten. Jeden Monat würden nach viermonatiger Grundausbildung 10.000 neue Soldaten an die Front geschickt. Auf russischer Seite ist die Rekrutierung neuer Kämpfer offenbar an die Regionen delegiert worden. Russische Medien melden, dass allein in der Oblast Leningrad derzeit zwei Artilleriedivisionen und ein Motorschützenbataillon aufgestellt würden. Den Freiwilligen werde eine Antrittsprämie von umgerechnet 3.000 Euro gezahlt, anschließend etwa 1.500 Euro als Monatssold, der für den Dienst in der Ukraine allerdings tageweise berechnet werde. Wer also früh im Monat falle, dessen Angehörige hätten das Nachsehen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gerd Wolfgang W. aus z.Z. Berlin ( 2. August 2022 um 23:02 Uhr)
    Sehr geehrte Damen und Herren der jW-Redaktion, eigentlich sollte es sich langsam herumgesprochen haben, dass das russische Wort »дивизион« auf Deutsch »Abteilung« bedeutet. (Bei der Artillerie wird ein Bataillon meistens als »Abteilung« bezeichnet.) Für »Division« gibt es im Russischen das Wort »дивизия«. Von bürgerlichen Medien ist sicherlich zu erwarten, dass sie eine russische Artillerieabteilung zu einer Division aufblähen; von der jW hätte ich aber eine korrekte Berichterstattung erwartet.

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