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Aus: Ausgabe vom 03.08.2022, Seite 5 / Inland
Verkehrspolitik

»Wenig sinnvoll«

Bahnbeauftragter der Bundesregierung spricht sich gegen Verlängerung des Neun-Euro-Tickets aus
Von Gudrun Giese
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Was kommt danach? Das Neun-Euro-Ticket ist bei den Fahrgästen sehr beliebt (Berlin, 30.6.2022)

Der Schienenverkehrsbeauftragte der Bundesregierung mag den wenigsten Pendlern ein Begriff sein. Wie auch – in Erscheinung trat er bisher kaum. Nun äußerte sich Michael Theurer (FDP) mit verwirrenden Ansichten zum bei Fahrgästen beliebten Neun-Euro-Ticket. Alle bisher ins Gespräch gebrachten Nachfolgemodelle für das auf drei Monate befristete Ticket wies er zurück. Ein Nulltarif sei ebensowenig zielführend wie die Fortsetzung des jetzigen Angebots, und die von Verkehrsunternehmen vorgeschlagene 69-Euro-Fahrkarte bewertete er gegenüber der Rheinischen Post als »wenig sinnvoll«, da in der Folge die Netzkarten in Verkehrsverbünden wie Berlin teurer werden könnten.

Dennoch lobte Theurer das Neun-Euro-Ticket als »ermutigendes Signal, das durch attraktive Preise auf die Schiene gelockt hat«. Es sei erfreulich, dass die Fahrgäste das Angebot trotz des Zustandes der Bahnen angenommen hätten: »Wenn das auch funktioniert, ohne Milliarden in den Ausbau der Schieneninfrastruktur zu investieren, lässt sich das wichtige Ziel des Koalitionsvertrages, nämlich Verdopplung der Fahrgäste bis 2030, leichter erreichen.« Vermutlich meinte er damit die Verdopplung der Fahrgastzahlen und blieb einen Vorschlag schuldig, mit welchem Angebot die Menschen künftig in den Nahverkehr gelockt werden sollen.

In mehreren Bundesländern können sich Politiker die Fortsetzung des Neun-Euro-Tickets zur Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) über den 31. August hinaus vorstellen. Der niedersächsische Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) schlug ein gemeinsames Vorgehen der fünf norddeutschen Bundesländer beim günstigen Monatsticket für den Fall vor, dass die Bundesregierung für keine akzeptable Anschlusslösung sorgt, berichtete dpa am Sonntag. Wie das ausgestaltet werden könnte, führte er nicht aus.

Bereits in der vergangenen Woche hatte die Eisenbahngewerkschaft EVG sich gegen die Fortführung des Neun-Euro-Tickets in der jetzigen Form gewandt. Martin Burkert, der stellvertretende EVG-Vorsitzende begründete die Ablehnung mit der Überlastung der Bahnbeschäftigten als Folge des gut angenommenen Tickets. »Wir haben eine Fürsorgepflicht, die Belegschaft hat die Belastungsgrenze erreicht und teilweise überschritten«, erklärte er laut dpa. Allerdings lehne die EVG günstige Angebote nicht grundsätzlich ab. Dringend nötig sei aber zunächst der »Ausbau des gesamten ÖPNV und mehr Personal und mehr Fahrzeuge«. Auf längere Sicht solle die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs kostenlos werden. Als ersten Schritt könne er sich ein 365-Euro-Jahresticket vorstellen, so Burkert. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) hatte erklärt, dass bis zum Herbst die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe mit den Bundesländern zur Zukunft und zur Finanzierung des ÖPNV vorliegen sollen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam ( 3. August 2022 um 11:26 Uhr)
    Wie so oft in diesem Land: schlecht gedacht und schlecht gemacht. Offenbar ging es den politisch Verantwortlichen mehr um Medienpräsenz als um eine sinnvolle Maßnahme zur Stärkung des Bahn- und zu Lasten des Individualverkehrs. Die Krux: Weder der ÖNPV noch der Schienenfernverkehr sind auf einen Ansturm von Reisenden vorbereitet. Jahrzehntelang wurde die Bahn als Renditebringer des Bundes missbraucht. Statt Milliarden Euro in den Bahnverkehr zu investieren, wurden Milliarden Euro aus dem System DB AG gestohlen und zum Teil in der Infrastruktur Autobahn zweckentfremdet. Der selbsternannte und auf Kosten anderer Länder kreierte Exportweltmeister BRD ist ein Verkehrskrüppel, der immer mehr Lkw auf die schon verstopften Straßen schickt, statt in ein modernes Bahnnetz zu investieren, wie man es, gar nicht weit weg, in Österreich und der Schweiz, bereits hat. Eine Blamage und eine Schande für dieses Land, die mit dem Rohrkrepierer Neun-Euro-Ticket eher größer wird.

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