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Aus: Ausgabe vom 03.08.2022, Seite 3 / Ausland
Konflikt um Ressourcen

»Diese Kriegführung durch Wasser ist einzigartig«

Nordostsyrien: Von Türkei provozierter Mangel soll Selbstverwaltung schwächen. Ein Gespräch mit Ercan Ayboga
Von Annuschka Eckhardt
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Der Staudamm in Tabka, der den Euphrat staut, ist das größte Wasserreservoir Syriens. Der Wasserspiegel ist mehr als vier Meter zu niedrig (Talsperre Tabka, 21.7.2022)

Mit welchem Ziel kappt die türkische Regierung das Wasser des Euphrats, das für Nordostsyrien bestimmt ist?

Das Ziel der türkischen Regierung ist es, die Grundversorgung mit Trinkwasser, Bewässerungswasser und Strom erheblich einzuschränken. Das ist ein Teil der Kriegspolitik der Türkei gegenüber der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, um diese zu destabilisieren.

Welche Vorteile hat die Türkei dadurch?

Durch die Kappung des Wassers kann die Türkei mehr Wasser in den Stauseen ihres eigenen Staatsgebiets aufstauen. Wasser ist die vielleicht wichtigste und wertvollste Ressource.
Die Türkei versucht aber auch durch die Kappung des Wassers Armut und Hunger zu erzeugen, um den Rückhalt der Selbstverwaltung zu schwächen und die Bevölkerung in Nordostsyrien gegen diese aufzuhetzen. Durch Armut und Hunger werden auch der Islamische Staat und andere dschihadistische Gruppen und deren Ideologie gestärkt. Diese offene Kriegführung durch Wasser ist einzigartig in der modernen Menschheitsgeschichte.

Warum fordert niemand die Einhaltung des internationalen Wasserabkommens von 1987 ein?

Das hat mehrere Gründe. Die syrische Baath-Regierung protestiert nicht offiziell dagegen. Kein Staat der internationalen Staatengemeinschaft unterstützt aktiv die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien. Niemand will sich mit der Türkei anlegen, und es besteht kein Interesse, dieses demokratische Projekt zu unterstützen. Die Selbstverwaltung hat es innerhalb weniger Jahre geschafft, die Grundversorgung der Bevölkerung mit Wasser, Energie, Nahrung, Bildung und medizinischer Versorgung sicherzustellen. Davor fürchten sich die anderen Staaten oder sehen schlicht keinen Sinn darin.

Welche Auswirkungen hat der Wasserkrieg für die Zukunft der Region?

Der Einsatz von Wasser als Mittel der Kriegführung intensiviert die bestehenden Konflikte erheblich. Er spielt bei den bestehenden Konflikten im mittleren Osten eine wesentliche Rolle und könnte in der Zukunft dazu führen, dass Wasser der Hauptgrund für militärische Konflikte wird. Die Talsperren und Stauseen in der Türkei, aber auch in Syrien, dem Iran und Irak machen dies erst möglich.

Ercan Ayboga ist Wasserbauingenieur und aktiv in der Ökologiebewegung Mesopotamiens

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