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Aus: Ausgabe vom 01.08.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Faschistische Diktatur

37 Grad im Führerstaat

Verlogener Begriff der »Volksgemeinschaft«: Tillmann Bendikowski versucht sich in »Hitlerwetter« an einer Alltagsgeschichte der Nazidiktatur
Von Ralf Höller
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Propaganda für den »Führerstaat«: Ein Sonnenbad in Berlin im Sommer 1935

Im Jahr 1939 war die Nazipartei seit sechs Jahren an der Macht, sechs weitere standen bevor. Bis dahin hatten die Deutschen, von zunehmend bedrängten und verfolgten Angehörigen von Minderheiten und der geringen Zahl der aktiven politischen Gegner abgesehen, die Diktatur im Frieden verbracht und überwiegend auch ihren Frieden mit den Herrschenden gemacht. Das jedenfalls lässt der Blick auf den Alltag im »Führerstaat« vermuten.

Tillman Bendikowski zeichnet in seinem Buch das Bild einer von der Propaganda beschworenen »Volksgemeinschaft«, in der zumindest oberflächlich vieles funktioniert. Fast alle gehen einer geregelten Arbeit nach und finden genug Gelegenheiten, um Lohn und Gehalt auszugeben; am Ende bleibt oft sogar noch etwas übrig, um mit dem Geld in Urlaub zu fahren. Schaut man jedoch genauer hin, weist das von einer gut geölten Propaganda­maschine gezeichnete Idyll Risse auf. Diese werden sichtbarer, je weiter das in »Hitlerwetter« behandelte letzte Jahr vor dem Krieg voranschreitet. Am Ende steht der bei Georg Elsers Attentat verwüstete Münchner Bürgerbräukeller.

Davon ist bis zum Spätsommer nichts zu spüren. Im Alltag, wohlgemerkt. Zwar meckern viele Deutsche über ihnen auferlegte Pflichten, die ihnen wenig sinnvoll erscheinen oder persönlich lästig sind. Auch Oberschülern und Studenten, denen im Sommer ein »freiwilliger« Ernteeinsatz droht, geht kein Licht auf, dass sie Arbeitskräfte ersetzen, die bereits für militärische Aufgaben abgezogen wurden. Hofbesitzer leiden unter dem Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft und prangern ihn auch öffentlich an. Über die neuen Einsatzorte ihrer ehemaligen Beschäftigten in der Rüstungsindustrie und in den Streitkräften machen sie sich keinen Kopf.

Die Menschen in den Städten haben andere Sorgen. Es fehlen anderthalb Millionen Wohnungen, eine weitere halbe Million ist marode. »Die Wohnungssuchenden überbieten sich gegenseitig«, schreibt Bendikowski, und bekräftigen, »dass sie nicht nur in wirtschaftlich geordneten Verhältnissen leben, sondern überdies ruhige Mieter seien«. Einige weisen »zudem auf den Vorzug hin, dass sie kinderlos seien«.

Hitler feiert im April seinen 50. Geburtstag; dafür gibt es im ganzen Land einen Tag Sonderurlaub. Überhaupt ist die Naziführung darauf bedacht, dass die Deutschen sich gut erholen. Von Organisationen wie »Kraft durch Freude« wird mit Klischees gearbeitet, die auch heutigen Konsumenten öffentlich-rechtlicher TV-Touristik bestens bekannt sind: Schiffe der KdF-Flotte kreuzen systemkonform nicht bei Kaiser-, sondern bei »Hitlerwetter« vor malerischer Kulisse.

Was für eine recht große Mehrheit gelten mag, gilt nicht für Juden, nicht für Sinti und Roma, nicht für Oppositionelle, nicht für Menschen mit Behinderungen, nicht für alle diejenigen, aus denen der Nazistaat keinen Nutzen ziehen kann. Sie gehören ausdrücklich nicht zur »Gemeinschaft«. Bendikowski stört sich mit Recht am Begriff der »Volksgemeinschaft«: Wie so vieles in der Nazipropaganda sei dieser völlig verlogen; das »Zusammengehörigkeitsgefühl« lebt vor allem von der Ausgrenzung.

Es ist diese Politik des Belohnens der Willfährigen und Bestrafens der außen vor Bleibenden, noch dazu vor dem Hintergrund eines zum Zeitpunkt des Anschlags auf Hitler bereits angefangenen Krieges, die Elser beim Verhör als einen Grund für das Attentat anführt. Bendikowski attestiert ihm, gründlich nachgedacht und konsequent gehandelt zu haben. Elsers Landsleuten stellt er ein weitaus schlechteres Zeugnis aus. Weder Angst vor persönlicher Verfolgung noch das Bewusstsein, alles laufe auf einen Krieg hinaus, sei bis zum Herbst 1939 das vorherrschende Lebensgefühl der Deutschen gewesen, sondern eine allgemeine Zufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen. Nachteile meiden, Vorteile nutzen: Nach dieser Devise hätten viele versucht, sich durch den Alltag zu lavieren.

»Das ›Dritte Reich‹ war kein permanenter Ausnahmezustand«, bilanziert Bendikowski. »Wenn wir heute mit einem Abstand von mehr als 80 Jahren über den Alltag der Deutschen in dieser Zeit lesen, so ist er uns nicht fremd.« Bendikowski ist ein gleichsam entlarvendes wie pädagogisch wertvolles, dabei stets unterhaltsames Buch gelungen.

Tillmann Bendikowski: Hitlerwetter. Das ganz normale Leben in der Diktatur. Die Deutschen und das Dritte Reich 1938/39. C. Bertelsmann, München 2022, 560 Seiten, 26 Euro

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