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Aus: Ausgabe vom 01.08.2022, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Multipolar oder unipolar?

Zu jW vom 25.7.: »Zustände wie 1914«

Ist eine »multipolare Weltordnung« einer »unipolaren« vorzuziehen? Es kommt natürlich wie immer auf den Standpunkt an, den wir einnehmen. Der Autor weist richtigerweise darauf hin, dass es eine »multipolare« Welt war, die den Ersten Weltkrieg hervorgebracht hat. Eine Welt mit vielen ähnlich starken Großmächten ist also auch kein Garant für den Weltfrieden – welch Überraschung! Zwar gab es mit dem Britischen Empire auch 1914 schon eine imperialistische Weltmacht, die stärker war als die Konkurrenz, allerdings ist die Macht des Empires niemals annähernd so groß gewesen, wie es die des US-Imperiums bis heute ist, und zwar weder absolut betrachtet, noch – und das ist entscheidender – in Relation zu den anderen imperialistischen Großmächten. Der US-Imperialismus ist heute die Zentrale des Weltimperialismus, und seine Hegemonie (bzw. sein Streben danach) über die Völker ist eine der Hauptursachen für Elend, Krieg, Vertreibung, nationale Spannungen und religiösen Fundamentalismus weltweit. (…) Jede Schwächung der US-amerikanischen Vorherrschaft über die Welt bedeutet eine Erleichterung der Kämpfe der Völker gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg, für nationale Unabhängigkeit und auch für den Sozialismus, also für eine Welt, in der sich die Frage nach Vorherrschaft der einen Großmacht über die anderen letztlich erübrigt hat. In diesem Sinne ist m. E. eine »multipolare« durchaus einer »unipolaren Weltstruktur« vorzuziehen.

Philip Tassev, per E-Mail

Nicht mit 1914 vergleichbar

Zu jW vom 25.7.: »Zustände wie 1914«

Seinen Beitrag tituliert Lucas Zeise »Zustände wie 1914«, womit er die heutige geopolitische Situation mit der von 1914 gleichsetzt. Erstens widerspricht er sich im Verlauf seiner Äußerungen teilweise, und er verkennt bzw. ignoriert mit seinen Aussagen auch einige wesentliche Dinge. 1914 war die Situation so, dass es mehrere kapitalistische Staaten gab, die Entwicklungsmerkmale aufwiesen, die das imperialistische Stadium des Kapitalismus charakterisieren. Die Neuaufteilung der Welt war praktisch abgeschlossen, und der deutsche Imperialismus wollte mit seinem Streben nach »einem Platz an der Sonne« Änderungen zu seinen Gunsten vornehmen. Die USA spielten damals als imperiale Macht noch eine untergeordnete Rolle, die Briten waren die bestimmende Macht, Frankreich und das deutsche Kaiserreich folgten auf den Plätzen. Allen gemeinsam war allerdings, dass der Kapitalismus sich in diesen Ländern, wie von Lenin beschrieben, vom Manchester-Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium entwickelt hatte.

Die jetzige Situation hat zwar mit der damaligen gemein, dass der deutsche Imperialismus wieder einen Platz an der Sonne sucht, aber viele andere Komponenten stellen sich völlig anders dar. So sind jetzt erstens die USA die bestimmende imperialistische Macht. Noch wichtiger ist aber die Tatsache, dass Russland nicht die von Lenin beschriebenen Entwicklungsstufen des Kapitalismus durchlaufen hat, also die Verschmelzung von monopolistischem Industrie- und Handelskapital mit dem Geldkapital so nicht stattgefunden hat. Die Struktur der jetzt kapitalistischen Wirtschaftsordnung in der Russischen Föderation (RF) ist eine Struktur, die aus einer vormals sozialistischen Wirtschaftsstruktur übernommen, aber privatisiert wurde. Von einem Zusammenschluss und einer Bildung von Trusts und Kartellen kann hier keine Rede sein. Die neuentstandene russische Bourgeoisie ist erst dabei, sich zu formieren und verfügt noch nicht über eine einheitliche organisierte Kraft, die mögliche geopolitische Ziele festlegen würde. Die westlichen Staaten dagegen, die das imperialistische Stadium aufweisen, haben sich in einer Militärallianz (NATO) zusammengeschlossen, die das Staatsgebiet der RF nahezu eingekesselt hat und weltweit über Hunderte von Militärstützpunkten verfügt. Ergo, der Zustand ist mitnichten der von 1914!

Was der Autor bezüglich des Einbüßens der Vormachtstellung der USA als bestimmende imperialistische Macht beschreibt, ist richtig. Die folgende Äußerung allerdings ist fatal: »Der Bourgeoisie der USA ist seit mindestens 20 Jahren bewusst, dass die künftige imperialistische Hauptmacht China heißen dürfte.« Er verkennt hier völlig, dass es in China zwar Kapitalisten und kapitalistische Wirtschaftsbetriebe gibt, die Kapitalisten als Klasse dort aber weder organisiert noch an der Macht sind. China ist dabei, unter der Führung der Kommunistischen Partei ein sozialistisches Gesellschaftssystem auf sicherer ökonomischer Grundlage zu errichten, seine Außenpolitik und die Zusammenarbeit mit anderen Ländern findet jeweils auf Augenhöhe und zu beiderseitigem Nutzen statt. Hier ist der Imperialismusbegriff absolut fehl am Platz. (…)

Stefan Natke, Berlin

Friedenskampf

Zu jW vom 21.7.: »Totale Vergesellschaftung«

Diesem wichtigen und präzise verfassten Artikel sind viele Leser zu wünschen, gerade auch deshalb, weil unter vielen Linken große Wirrnis darüber herrscht, was unter Imperialismus eigentlich zu verstehen ist. Eine der verständlichsten Losungen früherer Zeiten lautete: »Imperialismus – das ist der Krieg!« Heute ist es üblich geworden, diese Wahrheit auszublenden oder zu verwässern. Immer wieder treffen wir auch bei den Linken die Vorstellung an, Krieg sei die Folge des irrationalen Handelns von Personen oder Staaten und nicht die vorhersehbare Folge bestimmter gesellschaftlicher (und damit zutiefst ökonomischer) Verhältnisse. Folglich klammern sie sich an die Vorstellung, ein Imperialist möge den anderen zähmen, dann würde schon alles gut. Den eigentlichen Akteur im Kampf um den Frieden, die den gesellschaftlichen Reichtum schaffenden Menschen der Arbeiterklasse, verlieren sie dabei fast immer aus dem Blick. Den Frieden können sich die Massen nicht erbetteln. Sie müssen lernen, wie man ihn erzwingt, indem man den Imperialisten Schranken setzt. Man braucht dazu gewiss auch die Arbeit in den Parlamenten. Viel wichtiger aber ist, die Massen für den Friedenskampf zu organisieren. Das ist das Einfache, das so schwer zu machen ist. Und dennoch ist es der einzige wirklich gangbare Weg in die Zukunft.

Joachim Seider, Berlin

Den Frieden können sich die Massen nicht erbetteln.

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