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Aus: Ausgabe vom 01.08.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Energiewende

Moratorium für Windräder

Israel will Auswirkungen auf die Tierwelt gründlich untersuchen lassen
Von Knut Mellenthin
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Rund 200 Meter hoch sollen die Windkraftanlagen auf den seit 1967 besetzten Golanhöhen werden

Es ist bekannt, dass Hunderttausende Tiere durch Windräder getötet werden oder schwer verletzt qualvoll zugrunde gehen. Als »Kollateralschaden« des angestrebten Wechsels zu erneuerbaren Energien wird diese Tatsache aber nicht nur in Kauf genommen, sondern weithin ignoriert. Jetzt verlangt Israels Umweltministerin Tamar Zandberg von der linken Partei Meretz für ihr Land ein fünfjähriges Moratorium, um die Auswirkungen der Windanlagen auf die Natur, insbesondere auf Vögel und Fledermäuse, gründlicher zu untersuchen und auszuwerten. Zandberg trug diese Forderung vor zwei Wochen in einem Brief an Energieministerin Karine Elharrar und Innenministerin Ajelet Schaked vor. Wann im Kabinett über dieses Thema gesprochen wird, ist jedoch ungewiss: Am 1. November sollen Neuwahlen stattfinden, die Regierung ist nur noch übergangsweise im Amt.

Am selben Tag, an dem Zandbergs Brief bekannt wurde, erteilte die zuständige Behörde die Genehmigung für die Errichtung von sieben weiteren Windturbinen auf den seit 1967 besetzten Golanhöhen. Mit rund 200 Metern werden die Anlagen die höchsten Wolkenkratzer von Tel Aviv übertreffen. Die israelische Naturschutzgesellschaft hatte, unterstützt von Zandbergs Ministerium, vergeblich die Ablehnung des Vorhabens gefordert. Die Golanhöhen haben eine erhebliche Bedeutung als Lebensraum großer Vogelarten wie Geier und Adler, von denen viele als gefährdet gelten. Als Landbrücke zwischen den Kontinenten Europa, Asien und Afrika wird Israel zweimal im Jahr von Millionen von Zugvögeln überquert.

»Die Förderung von sauberer und erneuerbarer Energie ist wichtig, aber das gilt ebenso für offene Räume und Natur«, heißt es in Zandbergs Brief. Israels Kapazität zur Erzeugung von Windenergie sei gering, während das Potential der Windanlagen, der Natur Schaden zuzufügen, groß sei. Aufgrund des Tempos der Erteilung neuer Genehmigungen, der hohen ökologischen Empfindlichkeit der Gebiete, in denen die Anlagen errichtet werden, und des Mangels an Wissen über deren Auswirkungen sei es geboten, in den nächsten fünf Jahren keine neuen »Windparks« zu bauen.

Zusammen mit Zandbergs Brief wurde ein Hintergrundpapier der Generaldirektorin ihres Ministeriums, Galit Cohen, bekannt. Sie weist darauf hin, dass durch die Windanlangen nicht nur viele Vögel und Fledermäuse getötet und verletzt, sondern auch andere Lebewesen beeinträchtigt, geschädigt und vertrieben werden.

Die Intervention des Ministeriums für Umweltschutz stützt sich außerdem auf ein Gutachten der für Israels Naturschutzgebiete und Naturparks zuständigen Behörde über die Effektivität eines in Portugal entwickelten Schutzsystems. Es soll Vögel und Fledermäuse in einer Entfernung von zwei Kilometern wahrnehmen und daraufhin einen Stopp der Windturbinen veranlassen. Das System habe praktisch in keinem einzigen Fall funktioniert, ist das Fazit der Behörde.

Indessen hat der offenbar von tiefster Ignoranz umfangene Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) während einer Veranstaltung Anfang Juli dafür plädiert, Windkraftanlagen auch in »Naturschutzgebieten«, wie er ausdrücklich sagte, zu errichten. Es dürfe nicht alles zu Lasten von Industrieflächen laufen. »Aus meiner Sicht geht es auch, ein Windrad in ein Gebiet zu stellen, in dem es ansonsten nur Natur gibt.« Derartige Eingriffe seien »in der Lage, in der wir sind, in der Interessen- und Zielabwägung vertretbar«.

Die Hamburger Umweltbehörde sah sich genötigt, korrigierend einzugreifen und klarzustellen, dass Windanlagen in Naturschutzgebieten gesetzlich überhaupt nicht zulässig sind. Neben den Naturschutzverbänden BUND und Nabu widersprachen auch Die Linke, die CDU, die AfD und sogar der grüne Koalitionspartner dem Bürgermeister. Der aber ließ sich nicht bremsen, sondern legte weiter nach. Im NDR behauptete er, offensichtlich falsch, Windenergie und Naturschutz seien sehr gut miteinander vereinbar.

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