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Aus: Ausgabe vom 01.08.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Verbrechen katholische Kirche

»Anstiftung zum kulturellen Völkermord«

Reuebekundungen des Papstes bleiben hinter Forderungen der Indigenen in Kanada zurück
Von Jürgen Heiser
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Demo gegen Papst Franziskus in Quebec am Donnerstag

Die Reise von Papst Franziskus zu Kanadas First Nations, Métis und Inuit geht auf Forderungen der kanadischen Wahrheits- und Versöhnungskommission zurück (siehe Spalte). Kritik an den Erklärungen des Papstes kommt laut dem Onlineblog Indigenous Watchdog vor allem aus den Reihen dieser Kommission, von deren drei Vorsitzenden von 2009 bis 2015 einer Murray Sinclair war. Der Stammesrichter der Ojibwe und ehemalige Senator der Provinz Manitoba kritisierte in seiner schriftlichen Erklärung vom vergangenen Dienstag, die Reuebekundung des Papstes gehe nicht weit genug. Sie bleibe weit hinter dem zurück, was der Abschlussbericht der Kommission in seinem »Aufruf zum Handeln« von der römisch-katholischen Kirche forderte, »um ihrer Rolle in der Geschichte der Kolonisierung und dem Erbe der Internatsschulen« gerecht zu werden. Der Papst müsse mehr tun, als sich wegen der Rolle seiner Kirche »beim spirituellen, kulturellen, emotionalen, körperlichen und sexuellen Missbrauch von Kindern« zu entschuldigen, betonte Sinclair. Die Überlebenden hätten außer Reue vor allem die Übernahme der vollen Verantwortung für das erwartet, was ihnen von der Kirche angetan wurde. Statt dessen habe Franziskus »einzelnen Gliedern der Kirche die Schuld zugeschoben«.

Sinclair sagte, seit jeher seien katholische Führer von der »Entdeckungsdoktrin« angetrieben worden, einem päpstlichen Edikt aus dem 15. Jahrhundert, das die koloniale Expansion rechtfertigte und es den Europäern erlaubte, indigenes Land als ihr eigenes zu beanspruchen. Die Regierung Kanadas sei dadurch befähigt worden, das zu begehen, was die Kommission als »kulturellen Völkermord an den indigenen Völkern Kanadas« eingestuft hatte. Das sei eben »nicht nur Zusammenarbeit, sondern Anstiftung« gewesen, so Sinclair. Es gebe eindeutige Beispiele aus der Geschichte dafür, »dass die Kirche die kanadische Regierung dazu aufforderte, bei der Vernichtung indigener Kultur, ihrer traditionellen Praktiken und ihres Glaubens aggressiver und mutiger vorzugehen«.

Das sei über »das Werk einiger weniger schlechter Akteure« hinausgegangen. »Dies war eine konzertierte institutionelle Anstrengung, Kinder aus ihren Familien und Kulturen herauszulösen, alles im Namen der christlichen Vorherrschaft«, sagte der Kommissionsvorsitzende. Er folgerte, Versöhnung erfordere Taten, und die katholische Kirche müsse sich für die Wiederherstellung der Kultur, des Glaubens und der Traditionen einsetzen, »die durch die Assimilation zerstört wurden«. Den Kindern und Nachkommen der Überlebenden reiche es nicht aus, »dass sie nicht mehr missbraucht werden«. Vielmehr müsse die Kirche Heilungsprozesse unterstützen und sich verpflichten, »so etwas nie wieder zu tun«. Es gebe einen besseren Weg für die Kirche und die gesamte kanadische Gesellschaft: »Die Verantwortung für vergangene Handlungen zu übernehmen und sich zu entschließen, es auf dem Weg der Versöhnung besser zu machen.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg ( 1. August 2022 um 12:25 Uhr)
    Ja, noch einmal vielen Dank. - Die Befürchtung, dass die »katholische Kirche hinter dieser oberflächlichen Reuebekundung zurückbleibt«, ist nur zu berechtigt. Aber es war der »Schritt in die richtige Richtung«, und »die Hoffnung stirbt« bekanntlich »zuletzt«.

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