75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Donnerstag, 18. August 2022, Nr. 191
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 30.07.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Namen für Hitzewellen

Von Arnold Schölzel
schwarzer kanal 1100 x 526.png

Man höre jetzt oft, in der Not müssten »alle den Gürtel enger schnallen«, schreibt Tagesspiegel-Autor Malte Lehming am Freitag. Recht hat er, merkt allerdings nicht an, dass das »alle« etwa aus dem Mund von Robert Habeck lustig klingt. Ein Blick auf die Konzernbilanzen für das erste Halbjahr hätte ausgereicht: Selbst Deutsche Bank und die Bahn melden Gewinne, von VW oder den Energie- und Lebensmittelkonzernen nicht zu reden. Kapitalismus? Geht bestens. Am Freitag titelte z. B. die Frankfurter Allgemeine Zeitung: »Nestlé & Co. sahnen ab. Die großen Lebensmittel­hersteller geben die gestiegenen Kosten erfolgreich an die Kunden weiter. Dabei gibt der globale Branchenführer den Takt vor.« Nestlé schaffe es »immer besser, höhere Preise im Markt durchzusetzen«, und sei damit nicht allein. So habe Mondelez (Kraft, Milka, Toblerone) die Preise in Lateinamerika um mehr als ein Fünftel angehoben, ähnliches gelte für Danone und Unilever. Bei den Kollegen im Energiesektor nimmt die Party kein Ende. Das Managermagazin verkündet am Donnerstag: »Big Oil schwimmt nur so im Geld. Shell, Total Energies, Repsol – Europas Energiekonzerne fahren dank der hohen Öl- und Gaspreise Milliardengewinne ein.« Bei soviel Sonnenschein ist alles übrige im Grunde egal. Solange die Konzernkassen klingen, kümmert kaum, was in Gazetten steht oder elektronisch verbreitet wird.

Nach dieser Maxime arbeitet offenbar auch der Linke-Kovorsitzende Martin Schirdewan. Er schlug jedenfalls am Donnerstag vor, Hitzewellen künftig nach Konzernen mit schlechter Klimabilanz zu benennen. Zu dem brennenden Thema sagte er gegenüber AFP: »Viel zu oft wird der Eindruck erweckt, als wäre Klimaschutz eine persönliche moralische Frage.« Der Fokus auf individuellem Konsum lenke von den entscheidenden industriepolitischen Fragen ab: »Ich halte es daher für eine gute Idee, die nächsten Hitzewellen nach den Konzernen zu benennen, die die größten Klimaschäden verursachen.« Im Gegensatz zu Stürmen wurden Hitzewellen bisher nicht offiziell benannt, also wäre eine entscheidende Frage endlich gelöst. Hauptsache, das stört nicht bei der Plusmacherei.

Ähnlich wie auf Schirdewan wirkten sich die heißen Tage und die Kapitaleuphorie auch auf den Tagesspiegel aus. Dessen Sonntagausgabe veröffentlichte ein Interview mit dem britischen Journalisten John Sweeney, der herausgefunden hat, dass Putin jeden umbringen lässt, der ihn einen Pädophilen nennt. Denn der Moskowiter ist einer. Sweeney, dessen Buch »Der Killer im Kreml: Intrige, Mord, Krieg – Wladimir Putins skrupelloser Aufstieg und seine Vision vom großrussischen Reich« am 21. Juli von Heyne verlegt wurde, wörtlich: »Putin hatte auf dem Weg zum Kreml einen etwa fünfjährigen Jungen entdeckt, dessen T-Shirt hochgehoben und ihn auf den Bauch geküsst.« Am Freitag lebte Sweeney wider die eigene Vorhersage immer noch.

Aber nicht nur der Tagesspiegel lebt mit journalistischem Trash ganz ungeniert, auch in der FAZ breitet sich Wurstigkeit aus. Die Volontärin Othmara Glas durfte am 21. Juli im Feuilleton die Äußerung des sächsischen Ministerpräsidenten, den Ukraine-Konflikt »einzufrieren«, als Vorlage zu einer Kalauerkolumne nehmen. Überschrift: »Warmduscher«. Die Moralapostel seien außer Rand und Band. Ihr finales Argument: »Der Vorschlag, aus einem heißen Krieg einen kalten machen zu wollen, ist absurd. So sieht das auch die deutsche Außenministerin.« Gegen die Autorität Annalena Baerbocks lässt sich wenig sagen, nur anmerken, dass noch aus jedem heißen Krieg der Menschheitsgeschichte ein mindestens kalter durch Politik wurde. Jetzt aber muss der Krieg weitergehen, solange Nestlé, Unilever, Shell etc. Kasse machen.

Martin Schirdewan schlug jedenfalls am Donnerstag vor, Hitzewellen künftig nach Konzernen mit schlechter Klimabilanz zu benennen. Also wäre eine entscheidende Frage endlich gelöst. Hauptsache, das stört nicht bei der Plusmacherei.

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.

  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue ( 8. August 2022 um 12:26 Uhr)
    Bei unseren GenossenInnen der Partei Die Linke wird es richtig revolutionär. Nach Konzernen mit schlechter Klimabilanz sollen auf Vorschlag von Martin Schirdewan Hitzewellen benannt werden. Vor Angst zittern werden sie sicher noch nicht in den Konzernzentralen. Vielleicht halten sich einige in den Chefetagen den Bauch vor Lachen. Seit Jahren macht uns die Politik von Die Linke eher sehr traurig, ratlos, und lässt uns nach linker Politik fragen. Jetzt wenigstens mal etwas Belustigendes, Revolutionäres im Kampf gegen die Macht der Konzerne. Den »Ampel«-Grünen, deren verlogene Klimapolitik mal ordentlich um die Ohren zu hauen, das wäre sicher zu viel an Revolutionären verlangt. Oder gar mal Namen der Konzerne in Verbindung zu Kriegen, zum laufenden Krieg in der Ukraine kenntlich zu machen, die gerade Gewinne und Profite wie nie am Krieg machen, auch wohl nicht vorgesehen. Da macht es sich viel besser im gleichen Ton und Klang mit »Ampel«-Regierenden bis Opposition die Putin- und Russland-Kampflieder mitzusingen.
    Das zeigt Verlässlichkeit an, hilft dabei nicht kriegsmüde zu werden, Siegeswillen zu entfalten und vom Volke fernzuhalten, wie »patriotisch, solidarisch, vaterländisch« unsere Konzerne in einer Stimme mit russischen u. a. Konzernen das Lied von den Kriegsprofiten grölen. Es wäre schließlich fatal, wenn Volk endlich einmal begreifen würde, wie es in »Putins Krieg« genauso betrogen wird wie in den vergangenen. Heute auch noch mit Hilfe und Unterstützung einer Partei, die die ihre sein will.

Ähnliche:

  • Im Akropolismuseum in Athen: Mohammed bin Salman (v. l.), Kronpr...
    28.07.2022

    Herzlicher Empfang

    Neue »Deals« mit alten Verbündeten: Saudiarabischer Kronprinz in Athen und Paris
  • Russland liefert wieder, trotzdem warnt der Wirtschaftsminister ...
    22.07.2022

    Volles Rohr

    Habeck legt Sparkatalog für Privathaushalte vor, verbietet u. a. Heizen von Pools – will aber keine Wärmepolizei schicken. Schuld sei das Russland Putins
  • Inniger Händedruck: Wladimir Putin mit Ajatollah Ali Khamenei (M...
    22.07.2022

    Ziel: Dominanz brechen

    Russland, Türkei und Iran gegen die westliche Hegemonie: Kooperation bei Erdöl, Handel mit nationalen Währungen. Differenzen bleiben

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage