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Aus: Ausgabe vom 01.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Keiner macht gern, was er macht

Falls es »ehrliche Literatur« gibt, dann geht sie so: Christian Barons zweiter Roman »Schön ist die Nacht«
Von Stefan Gärtner
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Irgendwie ist in diesen Romanen der Bus immer schon abgefahren

Dass Literaturpreise nicht die Besten auszeichnen, sondern den Selbstverständigungsbedürfnissen des Betriebs dienen, muss hier nicht nochmals ausgebreitet werden, und wenn Christian Baron für sein vielbeachtetes und -verkauftes Debüt »Ein Mann seiner Klasse« unter anderem den Preis »Aufstieg durch Bildung« einer Noon-Foundation erhalten hat, steht es sogar da. Baron, geboren 1985 in Kaiserslautern, ist nämlich Kind der sprichwörtlichen kleinen Leute, deren Leben er in seinem ersten Roman beschrieb, und Aufstieg durch Bildung heißt, dass die Chancengesellschaft Baron dafür lobt, dass er seine Chance genutzt hat, auf der Uni war und jetzt in Berlin Bücher schreiben kann. Zugleich bedeutet es, dass die, die es nicht schaffen, sich bei den Hausaufgaben nur etwas mehr hätten anstrengen müssen, und es bedeutet nicht, dass die Leute von der Noon-Foundation ihre Kinder auf Kleine-Leute-Schulen schicken. Indem er das Versprechen als exklusives markiert, steht der Preis für das Gegenteil dessen, was er auszeichnet, wie überhaupt um so emphatischer von »Bildung« die Rede ist, je düsterer die Armutsberichte werden.

Das soll freilich nicht zu dem Vorwurf führen, Baron sei ein nützlicher Idiot und verrate das Milieu, das er hinter sich gelassen hat; schon vor seinem Romanerfolg hatte er ein Sachbuch über linke Arbeiterverachtung veröffentlicht, danach war er Mitherausgeber der Anthologie »Klasse und Kampf«. Dass das selbstredend nutzlos war, verrät der Klappentext seines neuen Buches, der nicht anders kann, als die Klassengesellschaft gymnasial zu verkitschen: »›Schön ist die Nacht‹ ist ein Roman über die westdeutschen Siebzigerjahre, der Roman einer ganzen sozialen Klasse. Zwischen ihren nach Emanzipation strebenden Frauen und streikwilligen Gastarbeitern, zwischen ihnen entgleitenden Kindern und sie unter Druck setzenden Chefs, zwischen Spekulantenträumen und Baustellenwirklichkeit führen Willy und Horst aussichtslose Kämpfe um ihren Anteil am Wohlstand. Müssen wir sie uns als glückliche Menschen vorstellen?« Eine fabelhafte Frage, denn »Finsternis ist wie das Licht« (Psalm 139,12) und Armut immer noch der größte Glanz von innen, und wenn Willys Kinder kein Badezimmer haben und auf der Matratze vor dem Fernseher schlafen, dann müssen wir sie uns als glückliche Menschen vorstellen, wir, die wir diese Menschen durch Gottes weisen Ratschluss nicht sind.

Baustelle, Wohnklo, Pinte

Schwer vorstellbar, dass dem Autor diese Gemeinheit nicht vorlag; wenn er den Satz stehengelassen hat, dann aus anderen Gründen als die Knallköpfe, die ihn verbrochen haben. Baron nämlich kitscht nicht. Die Leute, die er schildert, sind seine Leute (die schmalzige Danksagung unterstreicht das), Horst Baron ist seinem Großvater nachempfunden, und es geht darum, die Vorstellung zuzulassen, dass das Recht auf Glück in der Sozialsiedlung genauso besteht wie in unseren Altbauten. Baron hat weder einen Agitproproman geschrieben, noch ist er ein Sozialromantiker; seine Helden sind keine und tun, denken und sagen keinesfalls nur das Richtige. Willy ist ein Proletarier ohne Klassenbewusstsein, konform nach oben, misstrauisch nach unten, Horst ein versoffenes, gewalttätiges Großmaul, das aber immerhin Bescheid weiß: »Halt doch mal die Augen offen morgens und abends in deiner ­S-Bahn. Keiner macht gern, was er macht. Heut früh hab ich an der Bushaltestelle so ’ne kleine Blasse gesehen, die muss auf dem Weg zum Wischen gewesen sein oder so. Schöne Beine hatte die, dann kam ein Putzfrauenkittel, und dann hab ich ihr Gesicht gesehen. Die wär lieber im Bett geblieben.«

Dass man Horst und Willy trotzdem rasch liebgewinnt und ihrem Leben zwischen Baustelle, Wohnklo und den Abenden in der Pinte mit dem schönen Namen »Goldmine« gebannt folgt, ist ein Kunststück, dessen Gelingen zwar sicher auch mit dem Voyeurismus des Publikums zu tun hat, aber nicht auf voyeuristischer Absicht beruht. Man merkt, dass hier wer das Milieu kennt, von dem er erzählt, und es respektiert, indem er es sich selbst erzählen lässt. Der Erzähler ist nur dezent anwesend, die erlebte Rede sein bevorzugtes Kunstmittel, und die Prätentionslosigkeit, die mit Lakonie nicht verwechselt werden soll, scheint dem Lektorat ein Vorwand für einen frühen Feierabend gewesen zu sein: Wer mit dem Bleistift liest, wird zu forsche Bilder, Tempusfehler und den falschen Imperativ »ess« anstreichen (der dem Dialekt entstammt, den Baron in kluger Dosierung einigen wenigen Nebenfiguren vorbehält) und sich wundern, dass Udo Jürgens 1973 »Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden« singt, ein reichliches Jahrzehnt vor der Erstveröffentlichung, was, wer mag, natürlich auch als Fiktionssignal deuten kann. Gerade in der schlichten Diktion, deren gewisse Nähe zur Einfalt (»Willys Blick verharrte auf Horsts Augen«) für Momente stiller Größe gut ist: »Es gab Verluste, da blieb einem die Luft weg«, ist »Schön ist die Nacht« allerdings überzeugender als Heinz Strunks verwandter »Goldener Handschuh«, der sich der Welt der Spelunken und kleinsten Leute mit bildungsbürgerlicher Faszination und jedenfalls von außen nähert; Strunks »arme Willis« sind es in einem existentialistischen Sinn, und sein Frauenmörder Honka ist eine Allegorie des Kaputten.

Echte Profis

Der Roman Barons dagegen spielt nicht auf der Reeperbahn, sondern in seiner pfälzischen Geburtsstadt, was schon mal ein romantischer Kamerafilter weniger ist, und Hamburg verhält sich zu Kaiserslautern wie der Manager zur Teeküche, wo die von unten mit »Vormittagssekt vom Plus« das Ende der Frühschicht begießen (es sind noch Zeiten, da der Alkohol die Selbstbehauptung vorspiegelt, nicht die Tätowierung); und vielleicht ist das ein netter, vielleicht sogar links informierter Kerl, aber einer aus einer Welt, die immer noch viel verschlossener ist, als es der »Aufstieg durch Bildung« suggeriert: »Und Bernie schob den Ärmel seines Jacketts hoch, die Rolex glänzte, nun müsse er aber fix zur Arbeit, sonst raste sein Abteilungsleiter noch aus, der Alte verachte ihn wegen seiner politischen Ansichten, aber der Oberboss liebe nun mal sein mathematisches Talent, also suche der Abteilungsleiter permanent nach einer Möglichkeit, ihn aus disziplinarischen Gründen zu suspendieren, also dann, sagte er, bis morgen, und wie er die Türschwelle zum Gang überschritten hatte, schaltete Bernie von feuchtfröhlich auf furztrocken, ein echter Profi, der Mann, musste man ihm lassen, und wie er diesen Bernie selbstsicher davonschreiten sah und sich nach einem gepflegten Bierchen mit diesem selbstsicheren Kerl sehnte, war Horst zugleich schon klar, dass es dazu niemals kommen würde, zumindest nicht in dieser Welt.«

Christian Baron: Schön ist die Nacht. Claassen-Verlag, Berlin 2022, 384 Seiten, 23 Euro

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  • Leserbrief von Herbert Noack aus Mannheim ( 1. August 2022 um 15:07 Uhr)
    Sollte man für das Feuilleton eine gewisse Recherchetiefe fordern? Wozu, wenn freies Assoziieren zum Titel des Literaturpreises »Aufstieg durch Bildung« doch ausreicht. Schließlich wird die profunde geisteswissenschaftliche Bildung, verbunden mit der richtigen Sichtweise auf die Probleme unserer Gesellschaft, doch zu klugen Gedanken führen. Hätte man in Ausschreibung und Pressemitteilungen zum »Aufstieg durch Bildung«-Preis geschaut, hätte man die billige Pointe des »nützlichen Idioten«, der systemstabilisierend wirkt, ja nicht bringen können. Genau das sucht dieser Preis nicht: geradlinige Aufsteigererfolgsgeschichten, die es wahrscheinlich auch gar nicht gibt bzw. die man nur aus sehr weiter Ferne (= Unkenntnis) als solche bezeichnen kann. Geschichten wie »Ein Mann seiner Klasse« entlarven das Märchen einer durchlässigen Gesellschaft, verweisen jenseits der theoretischen Möglichkeiten (explizit ausgenommen: BAföG!) auf die alles bestimmenden Zufälle eines solchen Lebensweges, der im übrigen nicht nur aus Erfolgen, sondern auch erheblichen Verlusten und Entwurzelung besteht. Aber muss man sich mit solchen Aufsteigern denn überhaupt beschäftigen? Bleibt man doch besser unter sich, erklärt den Erfolg des Buches im Zweifel mit »Voyeurismus« des Publikums und weiß es sowieso besser (als das Lektorat). Herbert Noack, noon Foundation (auch so einer von unten)

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