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Was gegen die Rezession hilft

Von Lucas Zeise
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Die Rezession in Deutschland kommt. Wir wissen nur noch nicht, wie tief sie sein wird. In den USA ist das BIP-Wachstum im zweiten Quartal des Jahres bereits »negativ« gewesen (minus 0,9 Prozent gegenüber dem Vorquartal und aufs Jahr hochgerechnet). Da im ersten Quartal schon ein Minus von 1,6 Prozent registriert worden war, gilt nach dem Sprachgebrauch der Volkswirte der Tatbestand der Rezession als erfüllt. Der Internationale Währungsfonds IWF hat vor einer Woche den Ausblick für das Wirtschaftswachstum weltweit weiter reduziert. Interessant dabei, dass die Aussichten für die deutsche Wirtschaft besonders stark zurückgenommen wurden, während die für Russland nach oben revidiert wurden (von allerdings minus 8,5 Prozent auf nur noch minus sechs Prozent im laufenden Jahr).

Über die Ursache dieser beginnenden Rezession alias Weltwirtschaftskrise sind sich die Volkswirte einig wie selten: Es ist die seit 2021 grassierende Inflation. Die binnen zwölf Monaten satt gestiegenen Preissteigerungsraten sind ein internationales Phänomen. Es hat so gut wie nichts mit unterschiedlicher Politik dieses oder jenes Landes zu tun. Es ist – auch das ist Konsens – vor allem eine Folge der rasanten Preissteigerungen bei den Energierohstoffen Öl und Gas. Man verzeihe, dass ich diese Platitüde hier noch einmal aufschreibe. Hier gleich noch eine andere: Die Inflation bremst die Wirtschaft auf zwei Wegen. Erstens, weil die gestiegenen Preise den Bürgern weniger Geld zum Kauf von Waren lassen. Zweitens, weil sie für die Kapitalisten die Kosten erhöht, ihre Absatzchancen verringert, und sie deshalb ihre Investitionen zurückfahren. Natürlich sind nicht alle gleichermaßen betroffen. Als offensichtliche Profiteure der Preisexplosion erweisen sich zur Zeit die Energieunternehmen. Shell zum Beispiel hat den Gewinn im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr verfünffacht und den Börsenpreis gegen den allgemeinen Abwärtstrend in diesem Jahr um 25 Prozent gesteigert.

An dieser Stelle würde sich der Zugriff des Staates vielleicht lohnen. Man könnte Shell als eins der größten Ölförderunternehmen der Welt dazu zwingen, den Abgabepreis für Rohöl zu deckeln (was angesichts der Tatsache, dass die weltweit tätige Firma ihren Sitz in London hat, schwierig ist). Man könnte sie zwingen, Benzin an deutschen Tankstellen nicht über 1,90 Euro zu verkaufen und, falls sie sich weigert, ihre Raffinerien und Tankstellen verstaatlichen. (Ähnliches hat schon bei Gasprom Germany nicht besonders gut funktioniert.) Man kann auch, wie geschehen, die Energiesteuer senken (und damit einen kleinen Effekt beim Abgabepreis erzielen und zugleich Extragewinne bei den Händlern auslösen). Man könnte die Extragewinne wegsteuern (was bei ausländischen Konzernen schwierig ist und Boris Johnson zwar im Ausland populärer gemacht, ihn aber auch das Amt als britischen Premier gekostet hat).

Kurz: Einen Deckel für Energiepreise zu fordern, klingt nett. Er ist aber für den Staat, selbst wenn der Wille bestünde, schwierig durchzusetzen. Aussichtsreicher wäre es, die preistreibenden (von den USA betriebenen) Sanktionen gegen Russland, Iran und Venezuela zu durchbrechen.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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