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Aus: Ausgabe vom 30.07.2022, Seite 14 / Thema
DDR-Strafrechtler

Ein Leben für Recht und Gerechtigkeit

Zum 100. Geburtstag von Friedrich Wolff
Von Ralph Dobrawa
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Anwalt und Klient – Friedrich Wolff und Erich Honecker, der vor 30 Jahren von Moskau nach Berlin ausgeflogen wurde, wo ihm anschließend der Prozess gemacht wurde

Als ich den sympathischen Rechtsanwalt vor über 35 Jahren kennenlernte, da war Friedrich Wolff bereits ein gestandener Mann mit viel Berufserfahrung und prominent im ganzen Land. Die von ihm in den Jahren 1981 bis 1990 moderierte monatliche Fernsehratgebersendung »Alles, was Recht ist« zu Rechtsfragen des Alltags hatte maßgeblich dazu beigetragen. Seine freundliche Art, sich den Rechtsproblemen zu nähern und sie mit seinem Gegenüber zu besprechen, unterschied ihn von manchen seiner Kolleginnen und Kollegen. Man saß ihm nicht auf der anderen Seite des Schreibtisches gegenüber, wie das sonst so üblich ist bei Anwälten und in allen Amtsstuben. Er bevorzugte einen Couchtisch mit Sofa und Sesseln. So kam gleich eine vertraute Atmosphäre auf, die gerade zwischen Anwalt und Mandant besonders wichtig ist. Friedrich Wolff ist wohl einer der letzten seines Berufsstandes, der die verschiedenen Etappen der Entwicklung der DDR aus anwaltlicher Sicht miterlebt hat und auch nach 1990 im vereinten Deutschland weiterhin gefragt war.

Dem am 30. Juli 1922 in Berlin Geborenen war keineswegs in die Wiege gelegt, einmal Jurist zu werden. Über seine Einschulung schrieb er Jahrzehnte später: »1928, ich war noch nicht sechs Jahre alt, wurde ich vorzeitig in der 1. Volksschule in der Boddinstraße eingeschult. Dem waren Diskussionen meiner Eltern mit anderen Eltern vorausgegangen, ob man das Kind auf eine Privatschule schicken solle. Besonders mein Vater war für die Volksschule. Sein Junge sollte sich nicht als etwas Besseres dünken als andere Kinder. In die Schule gingen damals in Deutschland Jungen und Mädchen getrennt (…). In Deutschland existierte die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen vor 1945 nur in den sogenannten weltlichen Schulen, die auch Sammel- oder Einheitsschulen genannt wurden. In eine derartige Schule, die von sozialdemokratischen oder kommunistischen Eltern favorisiert wurde, kam ich nicht. Die Prügelstrafe war an allen Schulen, die ich bis zum Abitur besuchte, eine übliche Strafe.«¹

Unterm Hakenkreuz

Nach dem 30. Januar 1933 erlebte der Junge die erste größere Veränderung in seinem Leben. Er galt jetzt im Nazijargon als »jüdischer Mischling ersten Grades«, denn sein Vater war Jude. Das hatte Folgen, auch für die Familie Wolff. »Am 1. April 1933 standen SA-Männer vor der Praxis meines Vaters. Sie forderten auf Schildern, nicht zum jüdischen Arzt zu gehen. Mein Vater hatte mich an diesem Morgen in die Praxis mitgenommen. Warum er das getan hatte, weiß ich nicht. Es war Anschauungsunterricht. Meine Eltern waren nie wohlhabend oder gar reich, jetzt stellte sich für sie die Existenzfrage.«² Der Vater verstarb bereits 1935.

Nach einer ansonsten eher sorglosen Kindheit war Wolffs Interesse zunächst der Medizin zugewandt, was vermutlich auf den Vater zurückging. Aus dem Medizinstudium, das er ursprünglich Anfang der 1940er Jahre hatte aufnehmen wollen, wurde aber nichts. Die Nazis versagten Wolff den Studienzugang. So machte er zunächst eine Kaufmannsgehilfenlehre. Danach war Wolff bis zum Kriegsende als Munitionsarbeiter »dienstverpflichtet« und entging so einer weiteren Verfolgung durch die Nazis. Er selbst beschreibt das so: »Wesentlich war, dass ich nie der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört hatte, sondern im Gegenteil immer am christlichen Religionsunterricht teilgenommen und dann christlich getauft und konfirmiert worden war. (…) Als Angehöriger der jüdischen Religionsgemeinschaft wäre ich als sogenannter Geltungsjude behandelt worden und letztlich im KZ gelandet.«³

Nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus musste Wolff feststellen, dass Medizin ihm doch nicht lag, und er begann 1946 das Studium der Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Das Fach war zunächst nicht seine erste Wahl gewesen, Wolff hatte auch Interesse an der Philologie. »Schließlich kam ich auf den Rat meiner Freunde und Bekannten zurück, dachte an die vielfachen Möglichkeiten, die sich nach Absolvierung des Studiums bieten, und auch daran, dass es den Weg zu Berufen eröffnet, deren Ideal ein so hohes wie das Finden und Wahren des Rechts ist. Also beschloss ich, Jura zu studieren.«⁴ Nach dem Abschluss im Jahr 1949 war er zunächst für kurze Zeit beim Amtsgericht Weißensee als Hilfsrichter tätig und wurde dann zum Landgericht versetzt. Nach wenigen Monaten kam Wolff als Seminarleiter zur Berliner Richterschule. Nach deren Auflösung begann im April 1951 eine Tätigkeit bei der Abteilung Justiz des Berliner Magistrats als Referent für Strafrecht. Am 18. September 1952 bestand Friedrich Wolff die zweite juristische Staatsprüfung. Aus »kaderpolitischen Gründen« endete seine Tätigkeit in der Abteilung Justiz des Magistrats am 31. Mai 1953.

Für Wolff stand fest, er wollte sich weiterhin nach besten Kräften am Aufbau des neuen antifaschistisch-demokratischen Staates beteiligen. Als im gleichen Jahr die Kollegien der Rechtsanwälte in der DDR gegründet wurden, wirkte Wolff in Berlin an deren Aufbau mit. Seit dem 1. Juni 1953 war er Anwalt und übte diese Tätigkeit bis ins Jahr 2010 aus. Bereits 1954 wurde er Vorsitzender des Berliner Kollegiums und hatte diese Position über viele Jahre inne. Vor allem als Strafverteidiger war er bereits in jungen Jahren aktiv und gefragt. Die Ereignisse des 17. Juni 1953 brachten ihm viele Mandate und Pflichtverteidigungen ein: »Er war der Beginn meiner Tätigkeit als Verteidiger in politischen Strafverfahren.«⁵

Zu seinen Mandanten in jener Zeit gehörte unter anderem Walter Janka, der Leiter des Aufbau-Verlages, dem konterrevolutionäre Verschwörung vorgeworfen wurde. Als man ihn vor Gericht stellen wollte, holte er sich Wolff an seine Seite. Der konnte ihn zwar nicht vor einer Verurteilung bewahren, setzte sich aber mit großem Engagement für ihn ein. Noch Mitte der 1990er Jahre hob das Erich Loest in der Talkshow »Riverboat« im MDR, zu der auch Wolff eingeladen war, hervor. Janka war 1956 als Mitglied der sogenannten Harich-Gruppe in Haft genommen worden. Wolff schrieb dazu Jahrzehnte später in seinen Memoiren »Verlorene Prozesse«: »Mir war aus dem Harich-Prozess, in welchem ich Bernhard Steinberger und Manfred Hertwig vertrat, bewusst, dass dieses Verfahren die Interessen führender Genossen der DDR, insbesondere Walter Ulbrichts, berühren werde. Natürlich wusste ich damals nicht, was ich heute weiß. Die Memoiren der Angeklagten waren noch nicht geschrieben, die Archive noch nicht geöffnet. Die Beteiligten blieben einsilbig. Dennoch wusste ich, worum es ging: Es ging um die Macht, es ging um die Position Ulbrichts. Das war – aus DDR-Sicht – hohe Politik.«⁶ Während Harich und die beiden weiteren Mitangeklagten geständig waren und den Prozess über sich ergehen ließen, kämpfte Janka »verbissen und kompromisslos«. Er erhielt trotzdem fünf Jahre Gefängnis.

1960 wurde vor dem Obersten Gericht der DDR Theodor Oberländer angeklagt, der zu dieser Zeit Bundesvertriebenenminister in der Bonner Regierung war. Zu seinem Verteidiger wurden Friedrich Wolff und ein Erfurter Anwalt bestellt, nicht zuletzt weil Anwälte aus der Bundesrepublik in der DDR nicht zugelassen und nicht auftrittsberechtigt waren. Das war keine leichte Aufgabe für Wolff. Auf der einen Seite standen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen seinen Mandanten, die grausame Verbrechen zum Inhalt hatten. Auf der anderen Seite stand das Recht auf Verteidigung, das jedem Beschuldigten und Angeklagten zusteht, mögen die vorgeworfenen Handlungen auch noch so scheußlich sein. Besonders Wolff hat sich in dieser Hinsicht immer wieder deutlich positioniert und auch in Aufsätzen in der Fachliteratur der DDR, maßgeblich in der Zeitschrift Neue Justiz, für die Rechte von Angeklagten stark gemacht. Dabei hat er stets betont, dass es bei der Verteidigung um die des Täters, nicht die der Tat gehe. Hierin liege der maßgebliche Unterschied. Bei jedem Angeklagten finden sich Aspekte, die für ihn sprechen und die bei der Strafzumessung zu seinen Gunsten Berücksichtigung finden sollten. Diese aufzuspüren, sei nachgerade die Aufgabe des Verteidigers.

Schwierige Prozesse

Durch eine solche Haltung und Herangehensweise war es Wolff möglich, die Verteidigung für Oberländer zu führen, ohne sein eigenes Berufsethos in Frage stellen zu müssen. Das Verfahren fand natürlich in Abwesenheit des Angeklagten statt. Eine Kontaktaufnahme zu Oberländer scheiterte. Der Kalte Krieg zwischen den beiden deutschen Staaten befand sich in einer Phase der Zuspitzung. Im Verfahren wurden 35 Zeugen und sechs Sachverständige gehört. Die von Anwalt Wolff und seinem Mitverteidiger gestellten Anträge wurden vom Gericht abgelehnt. Oberländer wurde wegen der Erschießung von mehreren tausend Juden und Polen in Lwiw (Lemberg) zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Interessanterweise wandte sich Oberländer 30 Jahre später an seinen damaligen Pflichtverteidiger und beauftragte ihn mit seiner Rehabilitierung. Das Landgericht Berlin entsprach diesem Anliegen Ende 1993, allerdings allein deshalb, weil die Hauptverhandlung in Abwesenheit des damaligen Angeklagten durchgeführt worden war und dies rechtswidrig gewesen sei. Eine inhaltliche Überprüfung des Urteils des Obersten Gerichts der DDR vom 29. April 1960 erfolgte nicht.

Drei Jahre später, 1963, wurde auch Hans Maria Globke vor dem Obersten Gericht der DDR angeklagt und nach mehrtägiger Hauptverhandlung in Abwesenheit zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Globke hatte während der Nazizeit an einem juristischen Kommentar zur Auslegung der Nürnberger Rassengesetze mitgewirkt und damit auch eine Grundlage dafür geschaffen, dass die Verfolgung, Deportation und Ermordung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger durch die Nazis umgesetzt werden konnte. Er wurde wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit schuldig gesprochen. Besondere Bedeutung hatte dabei, dass Globke in den Jahren 1953 bis 1963 Chef des Bundeskanzleramtes unter Konrad Adenauer gewesen war. Obgleich die Vorwürfe gegenüber Globke auch im Westen Deutschlands ab Ende der 1950er Jahre immer stärker wurden, hielt Kanzler Adenauer an ihm fest. Hans Maria Globke war die »graue Eminenz« in der Bonner Regierung und ein Paradebeispiel dafür, wie sich Nazijuristen nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus an die neue Situation anpassten und vom bundesdeutschen Staat bedenkenlos in den Dienst genommen wurden.

Zu Beginn des Jahres 1972 wurde Wolff vom Stadtgericht Berlin zu einem der Verteidiger von Hubert Schwerhoff bestellt. Dem wurden Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit vorgeworfen. In dem Verfahren spielte aus Sicht der Verteidigung die so bedeutsame Frage eine Rolle, ob der Angeklagte 30 Jahre nach Begehung der Taten noch derselbe sei, da das Ziel der zu verhängenden Strafe doch nur sein könne, die Menschen vor der Wiederholung solcher schweren Delikte zu schützen. Dies sei aber aufgrund der gefestigten gesellschaftlichen Verhältnisse ohnehin gesichert. Schwerhoff wurde trotzdem zum Tode verurteilt. Bereits im selben Jahr musste Wolff den früheren SS-Hauptsturmführer Paul Feustel verteidigen, dem Mitwirkung bei der Ermordung, Folterung und Deportation tschechischer Staatsbürger während der Nazizeit angelastet wurde. Auch Feustel wurde zum Tode verurteilt. Als noch schwieriger erwies sich ein ihm 1981 angetragenes Mandat zur Verteidigung eines früheren SS-Angehörigen, der an dem Massaker von Oradour beteiligt gewesen war und zwei Jahre später deshalb vom Stadtgericht Berlin zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Nur wenige werden wissen, dass Wolff auch in die Verteidigung von Günter Guillaume eingebunden war. Da der Prozess in der Bundesrepublik stattfand, konnte er dort allerdings nicht als Anwalt in Erscheinung treten.

Juristischer Aufklärer

Im Jahr 1983, da hatte er bereits die 60 überschritten, wurde Friedrich Wolff an der Humboldt-Universität mit einer Arbeit über die Rolle des Rechtsanwalts promoviert. Sie stützt sich auf zahlreiche Veröffentlichungen von ihm in der Neuen Justiz und in Staat und Recht, beides Fachzeitschriften der DDR. Als eine kleine Broschürenreihe – Ratgeber in juristischen Fragen – unter dem Titel »Recht in unserer Zeit« vom Staatsverlag ins Leben gerufen wurde, gehörte auch Wolff zu den Autoren. Von ihm erschienen die Hefte »Vertrauensvoll zum Rechtsanwalt« und »Liebe, Sex und Paragraphen«. Die Schriftenreihe brachte es bis zum Ende der DDR auf fast hundert Hefte und war besonders aufgrund ihrer verständlichen Sprache beliebt. Mit dem Eintritt ins Rentenalter 1987 begann für den engagierten Anwalt keineswegs eine Ruhephase. Er wurde mit dem Ehrentitel »Verdienter Jurist der Deutschen Demokratischen Republik« ausgezeichnet und war weiterhin intensiv anwaltlich tätig.

Als 1990 die strafrechtliche Verfolgung von Mitgliedern der Partei- und Staatsführung der DDR einsetzte, wandten sich mehrere Betroffene an ihn mit der Bitte um Übernahme ihrer Verteidigung. Ohne Zögern sagte Friedrich Wolff zu und stand ihnen nach besten Kräften bei. Sein prominentester Mandant war zu dieser Zeit Erich Honecker, der in den letzten Jahren seines Lebens eine wahre Odyssee hinter sich bringen musste: Wandlitz, Berlin, Lobetal, Beelitz, Moskau, Santiago de Chile. Wo immer er sich gerade befand, konnte er sich auf die juristische und menschliche Verbundenheit von Friedrich Wolff verlassen. Diese Erfahrung machten auch unter anderem Hermann Axen, Hans Modrow, Werner Krolikowski und Siegfried Lorenz. Deshalb war Wolff in dem ersten Jahrzehnt nach dem Anschluss der DDR an die BRD besonders beruflich eingespannt. So kam noch ein weiteres Jahrzehnt der beruflichen Tätigkeit hinzu, auch wenn die Arbeitsbelastung dann schon etwas dosierter war.

Als Wolff schließlich seine berufliche Laufbahn beendete, bedeutete das keineswegs Ruhestand. Nun verfasste er seine 2009 erschienenen Memoiren »Verlorene Prozesse« und war zuvor bereits zu Lesungen aus seinem weiteren Buch »Einigkeit und Recht« (2005) nicht nur im Osten Deutschlands unterwegs. Seine Autobiographie »Ein Leben. Vier Mal Deutschland« kam 2013 in die Buchläden. Zwei Jahre später folgte ein Band mit Dokumenten aus dem »Politbüro-Prozess«. Nicht zu vergessen ist das erst im vergangenen Jahr mit Egon Krenz geführte Gespräch, das unter dem Buchtitel »Komm mir nicht mit Rechtsstaat« bei Edition Ost herausgebracht wurde. Daneben verfasste der Jurist immer wieder Artikel und Aufsätze in verschiedenen linken Zeitungen.

Dem Sozialismus verbunden

Sein politisches Herz schlägt links, und das war schon sehr früh so. Bereits im Juli 1945 war Wolff der KPD beigetreten, die sich ein Jahr später mit der SPD zur SED vereinigte, bis heute ist er Mitglied der Partei Die Linke. Seine damalige Entscheidung wurde auch durch seine erste Frau beeinflusst. »Sie stammte aus einer alten kommunistischen Familie. Ihre Mutter, Lucie Heimburger, war bereits Mitglied im Spartakusbund und ihr Stiefvater, Arthur Heimburger, der sie von klein auf erzogen hatte, war ebenfalls altes KPD-Mitglied und hatte im M-Apparat des ZK gearbeitet, dem die politische Arbeit unter den Soldaten oblag.«⁷

Aus seiner Überzeugung hat er nie einen Hehl gemacht. Die Fehler seiner Partei hat er oft deutlich angesprochen, ohne ihr den Rücken zu kehren. Für ihn gibt es zum Sozialismus keine vernünftige Alternative. Mit wachem Interesse verfolgt Friedrich Wolff die aktuellen politischen Ereignisse und hat immer eine konkrete Meinung dazu. In vielen Gesprächen, die ich mit ihm führen konnte, wurde das deutlich. Seinen Rückblick auf sein Leben fasst er so zusammen: »Ich habe Glück gehabt. Die Nazis wollten mir Übles, doch tatsächlich haben sie mich vor den Schrecken der Front bewahrt. In der DDR durfte ich nicht im Staatsdienst arbeiten, das hat mich vermutlich vor Strafverfolgung in der BRD bewahrt und mir den Zugang zum geliebten Anwaltsberuf verschafft. (…) Dennoch, die DDR war mir das liebste der vier Deutschländer. Sie führte keinen Krieg, ihre Soldaten standen nicht vor Moskau oder in Stalingrad, sie wurde auch nicht am Hindukusch verteidigt. (…) Ich bin zufrieden mit meinem Leben und setze weiter auf den Sozialismus.«⁸

Anmerkungen

1 Friedrich Wolff: Ein Leben. Vier Mal Deutschland, Köln 2013, S. 21

2 Ebd., S. 27

3 Ebd., S. 48

4 Ebd., S. 77

5 Ebd., S. 112

6 Friedrich Wolff: Verlorene Prozesse, Berlin 2009, S. 53

7 Friedrich Wolff: Ein Leben, a. a. O., S. 74

8 Ebd., S. 247 f.

Ralph Dobrawa ist Rechtsanwalt. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 16. August 2016 über das bundesdeutsche Verbot der KPD

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