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Aus: Ausgabe vom 29.07.2022, Seite 8 / Ansichten

Schnäppchenkrieg

Kiew bestellt Panzerhaubitzen
Von Arnold Schölzel
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Panzer und anderes Kriegsgerät werden in der Ukraine verfeuert (Übung mit Haubitze, Grafenwöhr/Bayern, 20.7.2022)

Krieg ist teuer. Die Zahl der im globalen »Krieg gegen den Terror« seit 2001 Getöteten schätzten US-Forscher im September 2021 auf mehr als 900.000. Wesentlich mehr Menschen seien an den Kriegsfolgen gestorben. Sie bezifferten die finanziellen Aufwendungen allein der USA für diesen »Erfolg« auf mehr als acht Billionen US-Dollar. Zum Vergleich: Die Wirtschaftsleistung der BRD betrug 2020 rund 3,8 Billionen US-Dollar. Berlin gab aber für seine Mithilfe bei der Verwüstung Afghanistans gerade mal zwölf Milliarden Euro aus.

Die Zahlen deuten an, in welchem Verhältnis die Vormacht des Imperialismus und dessen deutscher Vorposten bisher zueinander stehen. Der Dichter Peter Hacks drückte das vor gut 20 Jahren so aus: »Gäbe es die USA nicht, hätten beide Kriege (gemeint sind die zwei Weltkriege, A. S.) das Ende des Imperialismus bedeuten können. Dank der USA sind viele Ergebnisse der beiden Weltkriege im Augenblick vielleicht für den Sozialismus verloren. Vielleicht auch nicht.«

Nun schwächeln die USA, und das weckt hierzulande alte Wünsche: Was 1897 »Platz an der Sonne« hieß, ist jetzt die »Zeitenwende«. Gemeint ist, mit oder irgendwann auch ohne USA an der Spitze eines »vereinten Europas« den Krieg gegen Russland zu führen, zwecks dessen Zerlegung und Kolonisierung. Versucht hatte Berlin das schon 1914 und 1918 – u. a. durch Gründung der Ukraine –, machte in den 30er Jahren den Westeuropäern ein neues Angebot und profitierte satt vom Zerfall der Sowjetunion. Osteuropa ist wirtschaftlich ein deutscher Hinterhof. Nun geht es um den »Rest« – es handelt sich ja lediglich um das größte Land der Erde.

Krieg ist billig, jedenfalls der mit Hilfe von Ukrainern gegen Russen. Im Dezember 2013 bezifferte z. B. die US-Staatssekretärin Victoria Nuland die US-»Investitionen« seit 1991 zur Umwandlung des Landes in ein westliches Protektorat auf fünf Milliarden US-Dollar. Die lächerliche Summe trug im Maidan-Putsch vom Februar 2014 Früchte, danach wurde eine NATO-Armee außerhalb der NATO aufgestellt. Seit dem Angriff Russlands am 24. Februar überwies Washington 50 Milliarden US-Dollar nach Kiew – immer noch ein Schnäppchen. Die russischen Streitkräfte kontrollieren allerdings etwa 20 Prozent des Landes, soviel wie halb Großbritannien, da ist einfach Berlin gefragt. Also meldete der Spiegel am Mittwoch: Die Ukraine hat 100 deutsche Panzerhaubitzen direkt beim deutschen Rüstungskonzern Krauss-Maffei Wegmann (KMW) bestellt und erhielt von der Bundesregierung im Juli innerhalb von zwei Tagen die Genehmigung. Kosten: 1,7 Milliarden Euro, Produktionszeit: mehrere Jahre.

Das ist mal ein Anfang. Wer hierzulande demnächst friert, hat die Gewissheit, dass KMW voll ausgelastet ist und das Ostproblem des deutschen Imperialismus nach einigen Wintern ein für allemal gelöst wird. Selten war deutsche »Führungsmacht« so preiswert. Da greift Berlin zu.

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  • Leserbrief von Lis Kern aus Berlinn (29. Juli 2022 um 15:02 Uhr)
    »Dank der USA sind viele Ergebnisse der beiden Weltkriege im Augenblick vielleicht für den Sozialismus verloren. Vielleicht auch nicht.« Machen wir uns keine Illusionen. So wie Mensch gestrickt ist, ist er in seiner Masse nicht geeignet, im Sozialismus zu leben! Der Kapitalismus macht sich selbst kaputt und damit auch das Leben auf der Erde. Nicht heute, nicht morgen, aber das Ende ist fast absehbar. Bin Jahrgang 1943 und muss bis zum Ende mein Tage unter westdeutscher Okkupation leben dank der tumben Masse, die brüllte »Wir sind das Volk!« und dank des Verräters »Gorbi«. Daher mein Pessimismus.
  • Leserbrief von Holger K. aus Hessen (28. Juli 2022 um 23:14 Uhr)
    Die Annexion der DDR durch die BRD war wohl das schlimmste Ereignis für die Bevölkerung im jetzigen Großdeutschland seit 1945 sowie für Europa. Durch diesen verhängnisvollen Anschluss gelüstet es dem neuen-alten Deutschland wahrhaftig nach einem Platz an der Sonne, der Auftakt dazu war der Überfall auf Jugoslawien durch die »Wertestaaten«, vorneweg Berlin mit seiner übereilten Anerkennung Kroatiens und Sloweniens als eigene Staaten. Etwa zur selben Zeit bemühte sich Deutschland unter der Federführung des Grünen-Außenministers Fischer um einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der UNO, was vorerst indes scheiterte, was aber noch nicht vom Tisch ist. Mit der absoluten Dominanz des hiesigen »Wertestaates« innerhalb der EU, lässt dieser zusehends die Muskeln spielen. Wann endlich werden Fritzchen und Lieschen erwachen und ihre Michel-Zipfelmützen abnehmen und endlich den hiesigen Herrschenden den wohlverdienten Marsch blasen? Das ist an sich kein Ding der Unmöglichkeit, viel wäre gewonnen, würde die Linke endlich das Ruder rumreißen und die Massen mobilisieren. Da dies nicht geschieht, sind diese sich selbst überlassen, sehr zur Freude der Herrschenden.
  • Leserbrief von R.Prang aus Berlin (28. Juli 2022 um 21:41 Uhr)
    Danke für diesen Artikel. Er greift exakt das auf, was ich in meinem »letzten« Leserbrief schreiben wollte, aber nicht in 2.000 Zeichen unterbringen konnte. Deshalb ist mein Leserbrief nach der Kürzung auf das beengte Format wie ich bei einem Marathonlauf: Man hinkt hinterher und erreicht das Ziel nicht. Schade für mich, danke an Sie. Aus Erfahrung füge ich hinzu, den dritten Weltkrieg überlebt kein Homo sapiens. 1983 konnte er vermieden werden, diesmal wird er stattfinden.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (28. Juli 2022 um 21:24 Uhr)
    Wenn es Schnäppchenkrieg gibt, sind dann die USA die Schnäppchenjäger?

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