75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Donnerstag, 18. August 2022, Nr. 191
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 29.07.2022, Seite 2 / Inland
Klimaschutz und Kapitalismuskritik

»Konzerne sollen verzichten, nicht die Bevölkerung«

Bündnis protestiert gegen Ausbau des Flughafens Leipzig/Halle. Kritik an ausuferndem Frachtverkehr. Ein Gespräch mit Thea Schulze
Interview: Gitta Düperthal
Blockade_der_Zufahrt_70124100(1).jpg
Lärmschutz: Sitzblockade von »Cancel LEJ« vor einer Lkw-Zufahrt des Logistikkonzerns DHL am Flughafen Leipzig/Halle (9.7.2021)

Das Protestbündnis »Transform LEJ« protestiert dieser Tage gegen den Ausbau des Flughafens Leipzig/Halle. Was stört Sie an den Plänen?

Wir kämpfen gegen die Politik der Ignoranz und Ungerechtigkeit, die mit dem Ausbau einhergeht. Dieser Flughafen ist der klimaschädlichste und dreckigste in der Bundesrepublik. Wir werden es nicht zulassen, dass die sächsische Landesregierung von CDU, Bündnis 90/Die Grünen und SPD mit dem Ausbau den kapitalistischen Wachstumswahn fördert und immer mehr Frachtflugzeuge fliegen lassen will, während sich die Klimakrise weiter verschärft. Alle Regierungsparteien bekennen sich offiziell zur Einhaltung des Pariser 1,5-Grad-Klimaziels, tun aber nichts für dessen Umsetzung. Der Flughafen LEJ verpestet die Atmosphäre jährlich mit Millionen Tonnen CO2. Weil wir das nicht mehr weiter hinnehmen, machen wir an diesem Freitag eine Mahnwache vor der Landesdirektion Sachsen. Dort läuft das Planfeststellungsverfahren, das über den Ausbau entscheidet. Am Samstag wird es zudem eine Demo geben, auch Aktionen zivilen Ungehorsams sind geplant.

Sie richten Ihren Protest vor allem gegen den wachsenden Frachtflugverkehr. Weshalb?

In Zeiten der Klimakrise ist diese Entwicklung aufgrund der damit einhergehenden hohen CO2-Emissionen nicht tragbar. Für eine überflüssige Expresslogistik wird Kerosin in die Luft geblasen – und das wird auch noch staatlich subventioniert. Anders als der Strom für die Bahn wird Kerosin nicht besteuert. In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Konzerne ihre Produktionen von Deutschland ins Ausland verlegt, wo Menschen unter äußerst prekären Bedingungen arbeiten und Konzerne dadurch noch höhere Profite generieren. Deren Produkte werden dann über weite Flugstrecken wieder importiert. Das dahinterstehende System ist durch und durch von Ungerechtigkeiten geprägt.

Was fordern Sie?

Wir verlangen ein sofortiges Ende des Ausbaus, ein Ende der Subventionen durch Steuergelder sowie eine Transformation des Flughafengeländes. Unser Protest richtet sich gegen die kapitalistische Ausbeutung, die insbesondere auf Kosten der Menschen im globalen Süden geht. Aber auch die Angestellten des Flughafens verdienen zukunftsfähige Arbeitsplätze, die ihnen in Zeiten der Klimakrise nicht von Flughafenbetreibern geboten werden können. Wir fordern, alternative Arbeitsstellen zu schaffen, die sozialökologische Kriterien erfüllen.

Mitten in den Sommerferien und nach den Coronabeschränkungen könnten viele Menschen Ihren Protest so verstehen, dass ihnen jedes Reisen mit dem Flugzeug versagt werden soll. Ist das Ihr Ziel?

Wir vertreten nicht die Position, dass gar nicht mehr geflogen werden soll. Der Rückbau der Flugindustrie soll Schritt für Schritt erfolgen, beginnen muss er aber sofort. Wir beschäftigten uns, wie gesagt, vor allem mit den Frachtflügen. Doch auch hier gilt: Wichtige Flüge, die etwa medizinische Güter wie Impfstoffe transportieren und schnell von A nach B kommen sollen, müssen selbstverständlich weiter stattfinden.

Wie wollen Sie eine durch penetrante Verzichtsappelle der Bundesregierung bereits weitgehend genervte Bevölkerung von Ihren Zielen überzeugen?

Unsere Verzichtsforderungen richten sich nicht an die Bevölkerung, sondern an kapitalistische Konzerne wie DHL. Individuelle Konsumkritik wird die Klimakrise nicht lösen – ein grundlegender Systemwandel hingegen schon.

Ein weiteres Problem im Zusammenhang mit dem Airport LEJ ist der Fluglärm. Wie wehren sich die Bewohner im Leipziger Land dagegen?

Seit Jahren protestieren Anwohnende, weil sie wegen des Fluglärms nachts nicht schlafen können. Dazu muss man wissen, dass es keine Nachtflugbeschränkung für den Frachtverkehr gibt. Viele haben Einwände geschrieben, Gespräche mit den zuständigen Politikerinnen und Politikern geführt, Demonstrationen veranstaltet und bis vor dem Europäischen Gerichtshof gezogen. Sie sind wütend, weil ihnen seit Jahrzehnten Versprechungen gemacht werden, ihr Protest aber ungehört bleibt. Deshalb wollen wir nun unsere Kämpfe gemeinsam führen und neue Protestformen wählen.

Thea Schulze ist Sprecherin des Protestbündnisses »Transform LEJ«

Demo: Sonnabend, 11 Uhr, S-Bahnhof Schkeuditz

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Hier fliegt man nicht nur in den Urlaub: Der Flughafen Leipzig-H...
    26.10.2020

    Airport für Kriegslogistik

    »Schleichende militärische Umnutzung«: Bundeswehr plant neues Logistikzentrum am Flughafen Halle-Leipzig. Eine Initiative will das verhindern
  • Unionspolitiker Peter Tauber, Horst Seehofer, Reiner Haseloff un...
    04.07.2019

    Rüstungsprojekt wackelt

    Bundesrechnungshof kritisiert Finanzpläne für neue »Cyberagentur« des Bundes. Flughafen Leipzig/Halle als Standort auserkoren

Mehr aus: Inland