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Aus: Ausgabe vom 28.07.2022, Seite 16 / Sport
Eurogames

Queere Spiele

Bei den Eurogames im niederländischen Nijmegen geht es auch um Respekt und Solidarität
Von Gabriel Kuhn
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Hockey in Pink

Seit Mittwoch finden in Nijmegen in den Niederlanden die diesjährigen Eurogames statt. In den Niederlanden wurden auch die ersten Eurogames veranstaltet, 1992 in Den Haag. Gegründet wurden sie, um schwulen und lesbischen Sportlern die Möglichkeit zu bieten, regelmäßig zu Wettkämpfen zusammenzukommen, ohne mit Diskriminierung und Beleidigungen rechnen zu müssen. Niemand sollte gezwungen sein, aufgrund der Ausübung eines Sportes seine sexuelle Orientierung zu verbergen. Heute werden die Eurogames oft als LGBT-Event beschrieben, nach den englischen Begriffen für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle. Die Teilnahme an den Wettbewerben steht freilich allen offen. Im Zentrum stehen Respekt und Solidarität, nicht Ausschluss.

Mit Europameisterschaften haben die Eurogames nichts zu tun. Wie im Europacup vieler Wintersportler verweist das »Euro« im Namen einzig darauf, dass die Veranstaltungen auf dem europäischen Kontinent stattfinden. Vorbild für die Eurogames waren die erstmals 1982 in San Francisco abgehaltenen Gay Games. Die Geschichte dieser Spiele zeigt, dass LGBT-Sportevents immer wieder Steine in den Weg gelegt wurden. Eigentlich waren die Gay Games als Gay Olympics angekündigt worden, doch das Internationale Olympische Komitee (IOK) klagte gegen die Veranstalter. Niemand außer dem IOK dürfe Spiele unter dem Namen »Olympics« organisieren, meinten die Sportfunktionäre, die sich angeblich für Völkerverständigung zuständig fühlen.

Die Eurogames finden in der Regel jährlich statt, auch wenn es immer wieder zu Ausfällen kam, zuletzt 2020 aufgrund der Coronapandemie. Es wären die fünften Eurogames in Deutschland gewesen, Düsseldorf stand als Austragungsort bereit. 1995 fanden die Eurogames in Frankfurt am Main statt, 1996 in Berlin, 2001 in Hannover und 2004 in München. Auch die alle vier Jahre stattfindenden Gay Games gab es einmal in Deutschland, 2010 in Köln. Bei Gay Games gehen etwa 10.000 Teilnehmer an den Start. Die größten Eurogames, 2008 in Barcelona, sammelten mehr als 5.000 Teilnehmer aus 40 Ländern. In Nijmegen haben sich knapp 2.000 Athleten gemeldet.

Die sportlichen Leistungen sind überschaubar. Es sind primär Hobbysportler am Start, das Gemeinschaftserlebnis und die Freude an der Bewegung stehen im Vordergrund. Es gibt Wettbewerbe in klassischen olympischen Disziplinen wie der Leichtathletik oder dem Schwimmen, aber auch im Pickleball (eine Kombination aus Badminton, Tennis und Tischtennis), Tanz und Bridge. Beliebt sind Teamsportarten wie Fußball, Feldhockey und Volleyball.

Reibungsfrei verlief die Geschichte der internationalen LGBT-Sportevents nicht. Das liebe Geld schuf Unstimmigkeiten wie im Kapitalismus üblich. Auf der einen Seite gibt es in LGBT-Sportverbänden Menschen, die die Veranstaltungen größer, professioneller und teurer machen wollen. Auf der anderen Seite gibt es viele an der Basis, die sich gegen Kommerzialisierung und den Einfluss öffentlicher wie privater Sponsoren aussprechen. Das Organisationskomitee der Gay Games spaltete sich Anfang der 2000er Jahre entlang dieser Frage, und bis 2017 wurden Outgames als kleinformatige Alternative zu den Gay Games angeboten. Doch danach ließen sie sich nicht mehr finanzieren. Seither gibt es Versuche, die Organisationskomitees der Gay Games und der Outgames wieder zusammenzuführen. Bisher erfolglos.

Auch die Entwicklung der Eurogames gefällt nicht allen Teilnehmern. Manche bemängeln fehlende Transparenz, was die Finanzierung angeht, andere meinen, dass die Show oft wichtiger als der Sport sei. Tatsächlich bauen die Events auf dem Einsatz Hunderter freiwilliger Helfer und der Förderung durch Steuergelder auf. Gleichzeitig sind es oft private Akteure, die für das Programm, das Marketing und die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich sind. Es ist nicht immer klar, wer am Ende wie viel Geld an den Spielen verdient hat – oder durch die Finger schaut. Auf die Teilnehmer wird nicht immer Rücksicht genommen. Es kam vor, dass Wettbewerbe kurzfristig aus dem Programm gestrichen wurden, wenn ihre Durchführung zu kostspielig schien. Das betraf auch Triathleten, die mit ihren Rädern und der weiteren Ausrüstung um die halbe Welt gereist waren.

In einem Interview mit dem Schweizer LGBT-Magazin Mannschaft erklärt Henk Beerten, einer der Organisatoren der Eurogames in Nijmegen, er sei sich der Kritik an vergangenen Eurogames bewusst. Gleichzeitig zeigt er sich davon überzeugt, die Spiele in Nijmegen bestens über die Bühne zu bringen. Auf die Frage, ob Events dieser Art wirklich noch notwendig seien, da sich doch immer mehr LGBT-Sportler outen würden und ein gewisser Normalisierungsprozess eingesetzt hätte, antwortet Beerten: »Das ist eine Frage, die ich oft gestellt bekomme: ›Muss das noch sein?‹ In den Schulen ist es für viele immer noch nicht einfach, ihre Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung selbstverständlich zu leben. Vor und nach dem Sportunterricht fallen in der Umkleide immer noch dumme Sprüche. In den Sportvereinen kann es unter Umständen noch schwieriger sein.«

Für Sonnabend ist in Nijmegen ein großes Abschlussfest geplant. Die nächsten Eurogames sollen 2023 in Bern stattfinden.

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