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Aus: Ausgabe vom 28.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
China verstehen

Der Phönix verbrennt nicht

Moral im Staatsdienst: Helwig Schmidt-Glintzer berichtet Erhellendes über chinesische Weltbilder
Von Marc Püschel
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Wie wird man ein guter Kommunist? Konfuzius weiß Rat (William Alexander: »Mandarin«, 1805)

Die Tradition hat Tradition in China. Anders als im Westen ist das Anknüpfen an philosophische Lehren und ethische Konventionen der Vergangenheit im »Reich der Mitte« auch unter Kommunisten immer selbstverständlich geblieben. Als etwa der große Revolutionär Liu Shaoqi 1939 sein Buch »Wie wird man ein guter Kommunist« schrieb, bezog er sich bedenkenlos auch auf Konfuzius. Wie wirkmächtig solche Einflüsse heute noch sind, führt Helwig Schmidt-Glintzer in »Der Edle und der Ochse«, einem kleinen, bei Matthes & Seitz erschienenen Band aus.

»Um die Zivilisation und ihr Fortbestehen geht es im chinesischen Selbstverständnis seit jeher«, konstatiert der Sinologe, der unter anderem mit einer guten Mao-Biographie hervorgetreten ist, und macht sich an die Untersuchung des moralischen Kompasses der chinesischen Kommunisten. Insbesondere das dem Konfuzianismus entstammende Ideal des gebildeten und sich für das Gemeinwohl aufopfernden »Literatenbeamten« wird durchaus auch von den Parteikadern weiter gepflegt. Noch der kulturrevolutionierende Mao betätigte sich ja – durchaus demonstrativ – als Dichter und Kalligraph.

Heute ist die prägende Kraft traditioneller Vorstellungen fast noch stärker. Gerne werden für die Schärfung des eigenen Selbstverständnisses Bilder bemüht, die in der Volksrepublik noch jedem Kind geläufig sind: »Der Ochse steht für den sich abmühenden Staatsdiener, der keine Anerkennung erfährt – eine Erfahrung, die in China bis heute wohlbekannt ist.« Im Gegensatz zur hierzulande oft herrschenden Imagination, es herrsche im Osten fast sklavische Kollektivität, hat dieses Anknüpfen viel mit Selbstkultivierung und einem ganz eigenen chinesischen Verständnis autonomer Subjektivität zu tun. Auch politisch ist die Kommunistische Partei auf die Eigenverantwortlichkeit lokaler Kader angewiesen. Schmidt-Glintzer stellt die prominente Veröffentlichung des Sammelbandes »Zhejiang, China: Eine neue Vision für Entwicklung« mit älteren Texten des Staatspräsidenten Xi Jinping in diesen Zusammenhang. Die Artikel zeigen Xi – ehemals Gouverneur der Provinz Zhejiang – als besorgten und tüchtigen Provinzpolitiker, der seine Urteile nicht auf Befehl »von oben«, sondern aus eigener Anschauung und Bildung gewinnt. Auf lokaler Ebene bleiben auch daoistische Rituale und mythologische Vorstellungen lebendig, wobei die Religionen »durch den Staat in den Dienst genommen werden«. Vorschnelle Parallelisierungen zur europäischen Gedankenwelt und zum widerspruchsvollen Verlauf der Aufklärung sind dabei zu vermeiden. Schmidt-Glintzer verweist auf das Bild des Phönix. Anders als in Griechenland geht das in China sehr beliebte Fabelwesen nicht in Flammen auf, um sich zu erneuern, sondern bleibt und pflanzt sich fort, wenn Ordnung herrscht – ein Symbol der angestrebten Kontinuität selbst in allen Wandlungen.

Trotz seiner Kürze mäandert das Büchlein in seiner zweiten Hälfte etwas, Schmidt-Glintzer referiert noch über Mensch, Klima sowie künstliche Intelligenz und appelliert, auch auf chinesische Stimmen zu hören und »vertrauensvolle Beziehungen mit China im Interesse friedlicher Aushandlungsprozesse zu pflegen«. Es bleibt der Eindruck eines recht allgemeinen Essays über chinesische Weltbilder – dem man jedoch anmerkt, wie wohlfundiert alle seine Urteile sind.

Helwig Schmidt-Glintzer: Der Edle und der Ochse. Chinas Eliten und ihr moralischer Kompass. Matthes & Seitz, Berlin 2022, 125 Seiten, 14 Euro

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  • Leserbrief von Peter Duell ( 5. August 2022 um 11:23 Uhr)
    Der »aufrechte Revolutionär Liu Shaoqi« wurde von Mao abserviert. Die Revolution frisst ihre Kinder. Man hat ihn übel behandelt. Er ist im Gefängnis gestorben. Man hat ihm die medizinische Hilfe verweigert. Mao hat eine Menge geleistet, er ist aber auch für sehr viele Opfer verantwortlich: zweistellige Millionenzahlen. Der einzelne Mensch, das Individuum, gilt in China nicht sehr viel.
    Bei aller Wertschätzung des Landes und der Menschen sollte man die Opfer nicht vergessen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred E. aus Bremen (28. Juli 2022 um 21:51 Uhr)
    Rückbesinnung auf Meister Kǒng Fūzǐ benutzt Harmoniebedürfnisse zur Stabilisierung der Ordnung. Der zentralistische Staatssozialismus in China fürchtet drei Dinge: 1. Widersprüche und Klassenkampf 2. Unordnung im Sinne von unkontrollierter Bewegung 3. Autonomie der Peripherie als Auflösung der Hierarchie.
    Wie anders doch Mao Zedong, der in jungen Jahren sich auch mit dem Anarchismus eines Peter Kropotkin beschäftigt hatte und für den eine Welt ohne Widersprüche eine Welt von Lügen war. Unter den Revolutionsführern seiner Zeit hatte Mao Hegel verstanden: Tod ist die Abwesenheit von Bewegung. In Maos Version: »Es herrscht große Unordnung unter dem Himmel, die Lage ist ausgezeichnet.« Konfuzius war für ihn historisch ein Reaktionär, seine Ideen taugten für eine Ordnung aus Herrschern und Sklaven. Daher waren sie Gegenstand der Massenkritik in der Großen Proletarischen Kulturrevolution. Im Grunde wird der Kurs der chinesischen KP dominiert von Ökonomismus und Patriotismus, da stören offen ausgetragene Widersprüche. Allein die Dialektik schlägt letztlich den Materialismus, selbst die Idealphilosophie des Heiligen bringt keine Stabilität auf Dauer. (Kastrierter) Ochse versus Phönix, das ist das Verhältnis von Quantität und Qualität. Der Phönix kommt nur alle 500 Jahre, baut ein Nest und verbrennt darin. Allerdings hinterlässt er ein Ei, aus dem er neu entsteht, prächtiger als zuvor. Was aber dient dem Volke mehr? Der Quantensprung oder wie Goethes Mephisto gegenüber Faust offenbart: »Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.«

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