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Aus: Ausgabe vom 28.07.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Umweltverbrechen

Abholzen, was geht

Brasilien: Entwaldung im Amazonasgebiet wird weiter vorangetrieben. Folgen katastrophal
Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
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Platz für Rinderzucht und Sojaanbau statt Regenwald: Rodung an der Grenze Amazoniens (28.7.2021)

Die Entwaldung im brasilianischen Amazonasgebiet schreitet weiter voran. Während der ersten sechs Monate dieses Jahres wurden 3.988 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt, zehn Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Das geht aus den aktuellen Satellitendaten des für die Waldüberwachung zuständigen Weltraumforschungsinstituts INPE hervor. Die gesteigerte Abholzung führte zu vermehrten Waldbränden im Juni. In den kommenden, trockeneren Monaten könnte sich die Situation noch verschlimmern, befürchtet die Ökologin Manoela Machado vom Woodwell Climate Research Center, wie die Nachrichtenagentur Reuters am 8. Juli berichtete. »Wenn wir viel Entwaldung haben, ist es unvermeidlich, dass wir auch viele Brände haben werden«, so die Forscherin.

Nach Rodung und Abtransport der wertvollen Bäume setzten die Abholzer in der Regel den Restwald in Brand, um Nutzflächen für Rinderzucht oder Sojaanbau zu gewinnen. Alarmierend sei zudem, dass die Abholzung insbesondere im zentralen Amazonasgebiet ausgeweitet wurde. So verzeichnete der Bundesstaat Amazonas von Januar bis Juni dieses Jahres erstmals mehr Regenwaldvernichtung als die bisherigen Spitzenreiter Rondônia, Mato Grosso und Pará im Süden und Südosten der Region. Machado: »Das sind extrem schlechte Nachrichten.«

Mitten ins Herz des Amazonasbeckens zielt auch die seit Jahren diskutierte Runderneuerung der knapp 900 Kilometer langen Bundesstraße BR-319. Für den renommierten Wissenschaftler Philip Martin Fearnside vom Nationalen Amazonasforschungsinstitut INPA ist dieses Projekt die aktuell schlimmste Bedrohung für die gesamte Region und darüber hinaus, wie er in einem Interview mit der Tageszeitung O Estado de S. Paolo am 17. Juli erklärte.

Die brasilianische Militärregierung hatte die 1976 eingeweihte BR-319 durch den Regenwald klotzen lassen, um die Amazonashauptstadt Manaus mit Porto Velho im Staat Rondônia im Südwesten Amazoniens zu verbinden. Doch Baumängel und hohe Unterhaltskosten führten dazu, dass die »Urwaldpiste« zunehmend unpassierbar und schließlich 1988 gänzlich aufgegeben und sich selbst überlassen wurde.

Zwar wollte bereits Präsident Fernando Henrique Cardoso (1995–2003) die in der Diktatur gebaute Straße erneuern, doch erst sein Nachfolger, Lula da Silva, begann 2005 mit ihrer Wiederherstellung. Umweltverträglichkeitsprüfungen allerdings stoppten das Projekt 2015. Nun ist es der noch amtierende rechte Präsident Jair Bolsonaro, der es vehement unterstützt und ohne Rücksicht auf Verluste durchboxen will.

Noch fehlen rund 400 Kilometer Asphalt im Kernbereich und eine Umweltgenehmigung zur Komplettierung der BR-319, die nach Ansicht Fearnsides niemals ausgestellt werden darf.

Der 75jährige Amazonasforscher ist sich sicher, dass die Wiederherstellung dieser Überlandstraße zur Abholzung des bislang noch weitestgehend intakten, großen Regenwaldblocks im Herzen Amazoniens führt. Und dies könnte der sogenannte Point of no Return für die gesamte Region sein, sprich, das amazonische Ökosystem zusammenbrechen lassen mit schwerwiegenden Klimafolgen weltweit und vor allem für die Trinkwasserversorgung Südostbrasiliens, die zu einem Großteil von den aus dem Amazonasgebiet kommenden Regenfällen abhängig ist. Im Jahr 2018 schätzte der brasilianische Klimaforscher Carlos Nobre, dass dieser Punkt ohne Rückkehrmöglichkeit bei einer Abholzung des Amazonasregenwaldes von 20 bis 25 Prozenterreicht sein könnte. Heute, so Fearnside, seien bereits 20 Prozent des Regenwaldes vernichtet.

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