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Aus: Ausgabe vom 26.07.2022, Seite 12 / Thema
Globale Geschäfte mit Öl und Gas

Fragmentierter Welthandel

Die EU fällt als Handelspartner aus, China und Indien springen in die Bresche. Zu den Auswirkungen der westlichen Sanktionen gegen Russland
Von Jörg Kronauer
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Russland hat mit der Ausfuhr seiner Rohstoffe, vor allem Öl und Gas, trotz oder gerade wegen der vom Westen verhängten Sanktionen derzeit keine Probleme (Entladung der Fähre Marschall Rokossowski in Ust-Luga, Juli 2022)

Natürlich wirken sie, die Sanktionen. Da mag der Rubel sich erholt haben, ja so stark sein wie seit Jahren nicht mehr; da mag der Export russischer Energieträger boomen; und da mag die US-Investmentbank J. P. Morgan sich noch so sicher sein, die russische Wirtschaft werde in diesem Jahr nur um 3,5 Prozent einbrechen, nicht viel mehr als im ersten Jahr der Covid-19-Pandemie: »Es ist klar«, räumte Russlands Präsident Wladimir Putin am 18. Juli ein, dass die Sanktionen, die die westlichen Mächte verhängt haben, »eine große Herausforderung für unser Land« seien. »Aber wir werden nicht nur nicht aufgeben«, kündigte Putin an – »im Gegenteil: Während wir die kolossale Menge an Schwierigkeiten anerkennen, die vor uns stehen, werden wir intensiv und kompetent nach neuen Lösungen suchen.« Und dabei werde Moskau erfolgreich sein, denn schließlich sei es unmöglich, Russland mit einem »riesigen Zaun« von der ganzen Welt zu isolieren.

Hat Putin recht mit seiner optimistischen Einschätzung, Russland werde es letzten Endes gelingen, die Sanktionen zu überwinden? Oder lag doch eher die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock richtig, als sie bereits Ende Februar erklärte, die Sanktionen würden »Russland ruinieren«? Der Wirtschaftskrieg zwischen den transatlantischen Mächten und Moskau, der parallel zum Ukraine-Krieg eskaliert ist, wird erbittert und auf allen Ebenen geführt. Er dreht sich um russische Rohstoffexporte und um russische Technologieimporte, um Halbleiter und um Ausrüstung für die Flüssiggasproduktion; er führt dazu, dass sich Russland von Europa ab- und Asien zuwendet, dass womöglich China in der Elektronik-, vielleicht auch Indien in der Erdgasbranche des Landes eine führende Stellung einnehmen werden. Und dass, wer weiß, Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate, die sich immer mehr von ihrer einstigen einseitigen Orientierung am Westen lösen, ganz neuen Einfluss gewinnen. Wirklich entschieden ist allerdings noch nichts.

Exportgewinne

Recht günstig für Russland laufen die Dinge bisher auf einem finanziell äußerst wichtigen Feld: beim Export von Energieträgern. Mitte Juni sorgte das in Helsinki ansässige Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) für Schlagzeilen, als es vermeldete, zwar gingen die Exportvolumina inzwischen spürbar zurück; doch könne Moskau, da die Energiepreise dramatisch gestiegen seien, Rekordeinnahmen erzielen: gut 93 Milliarden Euro in den ersten 100 Tagen seit dem Überfall auf die Ukraine. Kurz zuvor hatte die Nachrichtenagentur Bloomberg eine Hochrechnung vorgelegt, der zufolge Russlands Einkünfte allein aus der Ausfuhr von Erdöl und Erdgas von 235,6 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 auf rund 285 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 steigen könnten. Die Rekordeinnahmen schlagen sich bereits jetzt im Staatshaushalt nieder. Wie das russische Finanzministerium Mitte Juli bekanntgab, konnte Moskau im ersten Halbjahr 2022 schon zwei Drittel der ursprünglich für das Gesamtjahr erhofften Einkünfte aus dem Verkauf von Öl und Gas erzielen. Das brachte einen Etatüberschuss von rund 23 Milliarden Euro ein.

Ob es bei solch stolzen Exportgewinnen bleibt, ist allerdings ungewiss. Mitte Juli wies das CREA darauf hin, dass Russland im Juni mit der Ausfuhr fossiler Energieträger nur noch 22,5 Milliarden Euro erzielen konnte, 16 Prozent weniger als im Mai, 25 Prozent weniger als im März. Der Grund: Der für August angekündigte Ausstieg der EU aus dem Kauf russischer Kohle und das für Ende 2022 geplante EU-Erdölembargo warfen ihre Schatten voraus, auch die russischen Erdgaslieferungen nach Westen waren reduziert worden; der Anteil der EU an den insgesamt schrumpfenden russischen Energieexporten war von 60 Prozent im April auf nur noch 51 Prozent im Juni gesunken. Zwar hatten andere Staaten ihre Einkäufe von Energieträgern in Russland systematisch erhöht; China nahm im Juni bereits 25 Prozent der russischen Ausfuhr von Öl, Gas und Kohle ab, Indien vier Prozent. Doch bleibt unsicher, wie schnell sich ihr Import weiter steigern lässt. Kann Kohle noch recht flexibel zu anderen Käufern verschifft werden – ihr Anteil am russischen Export von Energieträgern ist ohnehin relativ gering –, so sieht es beim Erdöl wie auch beim Erdgas schon schwieriger aus.

Beim Erdöl steckt der Teufel im Detail. Das Bestreben der transatlantischen Mächte, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate zur Aufstockung ihrer Ölforderung zu bewegen, um russisches Öl per Embargo ganz vom Weltmarkt verdrängen zu können, hat bis heute keinen Erfolg erzielt. Saudi-Arabien kauft sogar selbst wachsende Mengen russischen Heizöls, um Strom für seine im Sommer auf Höchsttouren laufenden Klimaanlagen zu produzieren. Russisches Öl erhält es billiger, weil Moskau den Staaten, die sich nicht an den Sanktionen beteiligen, einen kräftigen Rabatt von rund 30 Prozent einräumt; das eigene Öl, das Riad auf diese Weise einspart, kann es zu teureren Preisen auf dem Weltmarkt verscherbeln. Spekuliert wird zuweilen, ob eine globale Rezession den Ölkonsum und damit auch den Ölpreis senken könnte; Experten der Citigroup hielten kürzlich einen Preissturz auf 65 US-Dollar pro Barrel Ende 2022 und auf sogar nur noch 45 US-Dollar im Jahr 2023 für denkbar. Das brächte das russische Staatsbudget in die Bredouille. Zugleich aber wiesen Analysten von J. P. Morgan darauf hin, Russland könne jederzeit seinen Export dramatisch senken und so den Erdölpreis in die Höhe treiben – auf 190 US-Dollar pro Barrel, im Extremfall vielleicht sogar auf 380 US-Dollar.

Probleme

Probleme drohen Russland womöglich in der Logistik. Zum einen sind neue Kunden wie Indien weiter von den russischen Verladehäfen entfernt als die bisherigen Hauptkunden. Dies führt dazu, dass die Öltanker länger unterwegs sind als bisher – und dass deshalb für dasselbe Exportvolumen mehr Tanker benötigt werden. Hinzu kommt, dass die EU im Rahmen ihres Ölembargos Versicherungs- und Rückversicherungsleistungen für Tanker mit russischem Erdöl verboten hat. Zwar hat Moskau inzwischen begonnen, Tankschiffe selbst zu versichern, und Versicherer aus China, Indien oder weiteren Staaten könnten folgen. Völlig problemlos ist die Umstellung allerdings nicht: Es handelt sich um riesige Volumina – bislang lagen annähernd 90 Prozent bei Versicherern aus der EU –, und es ist unklar, ob neue Versicherer überall anerkannt werden. Allerdings: Gelingt die Umstellung, dann haben die Versicherer in der EU neue, nichtwestliche Konkurrenz am Hals. Gelingt die Umstellung nicht, dann kann Russland zwar weniger Erdöl exportieren, doch wegen des unveränderten globalen Verbrauchs bei reduziertem Angebot steigt auch der Ölpreis noch weiter, siehe die Berechnungen von J. P. Morgan. Für die Wirtschaft im Westen wäre das fatal.

Hat Russland noch so manche Hürde zu überwinden, wenn es seine Profite aus dem Export von Erdöl auf hohem oder zumindest ausreichendem Niveau halten will, so stehen auch beim Erdgas allerlei Hindernisse im Weg. Grundsätzlich werden die Staaten der EU noch eine Weile auf russisches Gas angewiesen sein; wie lange, das ist ungewiss. Die Bundesregierung will schon 2024 nicht mehr von Moskau abhängig sein; ob der ehrgeizige Plan gelingt, muss sich zeigen. Russland hat wohl noch ein wenig Zeit, aber nicht viel, um seinen Erdgasexport zu neuen Kunden umzuleiten. Das allerdings ist kein Kinderspiel. Moskau plant zum Beispiel, seine Gaslieferungen per Pipeline gen Westen zumindest teilweise durch solche nach China zu ersetzen. Der Anfang wurde mit der Pipeline »Power of Siberia« gemacht, die im Dezember 2019 in Betrieb ging und über die 2021 rund 10,4 Milliarden Kubikmeter Gas in die Volksrepublik geliefert wurden, ein Fünftel des Volumens, das jedes Jahr durch Nord Stream 1 fließt. Gasprom gibt an, die Erdgasmenge im ersten Halbjahr 2022 um 63,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesteigert zu haben. Das Maximalvolumen von 38 Milliarden Kubikmetern sollte laut ursprünglichem Plan 2025 erreicht sein. Ob es schneller geht, wird man sehen.

Das reicht freilich bei weitem nicht aus. Gasprom musste eigenen Angaben zufolge das Exportvolumen in Länder jenseits der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) im ersten Halbjahr 2022 um 31 Prozent reduzieren – trotz des Anstiegs der Ausfuhr von Erdgas nach China. Es kommt hinzu, dass »Power of Siberia« Erdgasfelder in Ostsibirien anzapft, während Europa aus westsibirischen Feldern beliefert wird; eine Pipelineverbindung von dort nach China besteht noch nicht. Zwar will Russland 2024 mit dem Bau von »Power of Siberia 2« beginnen; die Leitung soll von den Feldern Westsibiriens über die Mongolei nach China führen und gut 50 Milliarden Kubikmeter jährlich transportieren können, fast soviel wie Nord Stream 1. Ursprünglich sollte sie 2030 in Betrieb genommen werden – zu spät, um bei einer beschleunigten Abkehr der EU von russischem Erdgas Nord Stream 1 pünktlich abzulösen. Zwar hat Gasprom-Chef Alexej Miller auf dem Sankt Petersburg International Economic Forum Mitte Juni angekündigt, Russland werde künftig stärker auf den Gaskonsum im Inland setzen, etwa auf Gas- statt Kohlekraftwerke; darüber hinaus ist der Ausbau der Weiterverarbeitung von Gas im eigenen Land im Gespräch. Ob dies nun aber die sinkenden Exportmengen und Moskaus steigende Abhängigkeit von einem hohen Erdgaspreis auf lange Sicht wettmachen kann, ist nicht wirklich klar.

Bliebe noch Flüssiggas als Alternative. Bestehende Projekte – »Sachalin 2« auf der Insel Sachalin am Pazifik, »Yamal LNG« auf der Halbinsel Jamal an der russischen Nordküste – haben den Vorteil, dass sie mit Tankschiffen beliebige Länder beliefern können. Der russische Konzern Nowatek baut seit Jahren an einem weiteren Großprojekt an der Nordküste (»Arctic LNG 2«), mit dem sich die Exportmenge weiter steigern ließe. Zumindest für »Arctic LNG 2«, langfristig aber auch für die anderen Flüssiggasprojekte, wiegt allerdings schwer, dass die westlichen Staaten ein Lieferverbot für Förder- und Verflüssigungstechnologien erlassen haben, darunter auch Ersatzteile. Zudem haben europäische Konzerne Investitionszusagen zurückgenommen – etwa Total für »Arctic LNG 2« – oder gar den kompletten Ausstieg angekündigt, so Shell für »Sachalin 2«. Ob Russland den Verlust an Finanzmitteln und vor allem an Technologien wirklich ersetzen kann, ist ungewiss. Helfen könnte, dass Konzerne wie Saudi Aramco oder der größte indische Öl- und Gaskonzern, ONGC (Oil and Natural Gas Corporation) über den Einstieg in Russlands Flüssiggasbranche nachdenken. Zudem legt Japan großen Wert darauf, dass seine beiden Konzerne Mitsui und Mitsubishi ihre Anteile von 12,5 bzw. zehn Prozent an »Sachalin 2« behalten, das immerhin fast ein Zehntel des japanischen Flüssiggasbedarfs deckt. Das gibt Moskau, das »Sachalin 2« quasi verstaatlichen will, ein Druckmittel in die Hand.

Einfuhrstopp

Die westlichen Sanktionen treffen nicht nur Russlands Flüssiggasbranche, der dadurch wichtige Hightechprodukte vorenthalten werden, sondern auch allerlei andere Industriezweige. Auf wieviel Einfuhren – darunter dringend benötigte Technologien, Halbleiter etwa, Ersatzteile für Flugzeuge und vieles mehr – Russland verzichten muss, das hat Ende Juni das Washingtoner Peterson Institute for International Economics (PIIE) untersucht. Gestützt auf Exportdaten aus 54 Ländern, die im vergangenen Jahr rund 90 Prozent der gesamten russischen Einfuhr stellten, kommt das PIIE zu dem Ergebnis, der Kollaps sei gewaltig. Demnach ist der Import aus Staaten, die Sanktionen gegen Russland verhängt haben, um 60 Prozent eingebrochen. Auch der Import aus Ländern, die sich der westlichen Sanktionspolitik verweigern, ist abgestürzt – entweder weil die betreffenden Produkte einen zu großen Prozentsatz an westlichen Bauteilen enthalten oder weil die Hersteller aus anderen Gründen fürchten, von den westlichen Mächten für Ausfuhren nach Russland bestraft zu werden. Der Einbruch bei der Einfuhr aus eigentlich nicht sanktionierenden Staaten beläuft sich laut dem PIIE auf erstaunliche 40 Prozent.

Ein Beispiel bietet China. Während das Land seine Einfuhren aus Russland, vor allem Öl und Gas, erheblich steigert – um bemerkenswerte 48,2 Prozent im ersten Halbjahr 2022 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum –, kommt die Ausfuhr nach Russland nicht voran; im Gegenteil: Der chinesische Russland-Export brach in den ersten fünf Monaten 2022 laut dem PIIE gegenüber dem starken zweiten Halbjahr 2021 um 38 Prozent ein. Das mochte, wie das PIIE festhielt, zum Teil daran gelegen haben, dass chinesische Exporte oft Exporte von Ablegern westlicher Unternehmen in China sind, Stichwort: Apple. Diese halten die westlichen Sanktionen natürlich ein. Doch scheuen sich auch chinesische Firmen, sich mit Ausfuhren nach Russland mit den Vereinigten Staaten anzulegen. Mitte April wurde beispielsweise bekannt, dass Huawei, seinerseits in höchstem Maß sanktionsgeplagt, einen Teil seines Russland-Geschäfts auf Eis gelegt hat. Andere chinesische Unternehmen taten es ihm gleich. Nicht ohne Grund: Im Juni verhängte die US-Regierung Sanktionen gegen fünf chinesische Firmen, denen sie vorwarf, weiterhin in der einen oder anderen Form Russlands Streitkräfte zu beliefern. Derlei Vorfälle blieben allerdings Ausnahmen. Am 1. Juni räumte US-Außenminister Antony Blinken ein, es gebe »keine systematische Anstrengung« Chinas, »Russland zu helfen, die Sanktionen zu umgehen«.

Dass chinesische Unternehmen alles, was ihnen US-Sanktionen einbrocken könnte, penibel unterlassen, bedeutet freilich nicht, dass sie ihr Russland-Geschäft ohne weiteres aufgeben. Huawei etwa weitet laut Branchenberichten seine Aktivitäten in Russland inzwischen wieder aus; der Konzern hat offenbar Mittel und Wege gefunden, dies ohne Verstoß gegen US-Sanktionen zu tun. Folgenreiche Schlachten werden um die Lieferung von Halbleitern nach Russland geschlagen. Nicht umsonst haben die transatlantischen Mächte Wert darauf gelegt, neben Japan auch Südkorea und Taiwan zur Teilnahme an den Russland-Sanktionen zu veranlassen: Diese Staaten zählen zu den bedeutendsten Chipproduzenten weltweit. Das heißt nicht, dass für Russland nichts mehr geht. Neben China haben weitere Staaten erkennen lassen, dass sie nach Möglichkeiten suchen, russische Firmen mit Chips zu beliefern – Malaysia etwa, das mittlerweile in der Halbleiterendverarbeitung sehr aktiv ist. Und Moskau schlägt zurück: Es hat vom 1. Juni bis – vorläufig – zum 31. Dezember die Ausfuhr von Edelgasen wie Neon, die zur Halbleiterproduktion unentbehrlich sind, an feindlich gesinnte Staaten verboten. Russland und die Ukraine stellten vor Kriegsbeginn rund 30 Prozent des Neonangebots weltweit. Wer Russland sanktioniert, für den droht das Edelgas teuer zu werden.

Neue Handelspartner

Kämpft Moskau zur Zeit in einem wilden Handgemenge und mit wechselndem Erfolg um die Einfuhr dringend benötigter Güter, so nahmen Wirtschaftsvertreter und Experten aus Russland und aus China auf einem Treffen am Rande des Sankt Petersburg International Economic Forum Mitte Juni die langfristige Perspektive in den Blick. Alle Beteiligten seien sich völlig einig gewesen, dass Russlands Handel mit der EU »praktisch tot« sei und »nicht wiederkommen« werde, heißt es in einem Bericht der auf Asien spezialisierten Unternehmensberatung Dezan Shira & Associates. Keiner der anwesenden Russen habe auch nur irgendwelche Pläne geäußert, künftig wieder mehr Güter aus der EU einzuführen. Statt dessen habe Konsens geherrscht, Russlands Wirtschaft werde in Zukunft ganz auf Asien ausgerichtet sein. Dabei seien konkrete Strategien diskutiert worden; zwar müsse die chinesische Seite US-Sanktionen zu vermeiden suchen, doch führe kein Weg daran vorbei, dass vor allem chinesische Unternehmen russische Einfuhren aus anderen europäischen Staaten ersetzen müssten. Man könne gemeinsame Projekte in Branchen anstoßen, in denen bislang noch die EU und die USA dominierten, so beispielsweise in der Luftfahrt; man könne mit russisch-chinesischen »Technologieparks«, mit neuen Handelskorridoren die Kooperation intensivieren. »Brüssels Handelsverluste«, urteilte Dezan Shira & Associates, seien »Beijings Gewinn«.

Freilich habe Russland noch andere Optionen, hielt die Unternehmensberatung fest – »nicht zuletzt Indien«. Das Land weitet seine Wirtschaftsbeziehungen zu Russland tatsächlich systematisch aus. Schlagzeilen macht insbesondere, dass Indien – wie China – rasant wachsende Mengen russischen Erdöls importiert. Teile davon liefert es mutmaßlich nach Europa. Der Trick: Indische Konzerne kaufen russisches Öl mit attraktiven Rabatten, verarbeiten es in ihren Raffinerien und liefern auch europäischen Staaten Benzin und Diesel, die aller Wahrscheinlichkeit nach größere, aber nicht deklarierte Volumina mit Ursprung in Russland enthalten. Hervorgetan hat sich dabei unter anderem Reliance Industries, einer der größten Konzerne Indiens, dessen Eigentümer Mukesh Ambani der zur Zeit reichste Inder ist; die Agentur Bloomberg führt Ambani auf ihrer Milliardärsweltrangliste mit einem Vermögen von 99,7 Milliarden US-Dollar auf Rang acht. Da sich das Geschäft mit der Weiterverarbeitung und dem Export russischen Öls als überaus profitabel erwies, wurden im Frühjahr zeitweise Benzin und Diesel in Indien knapp; New Delhi hat daher, sehr zu Ambanis Ärger, inzwischen einen Sonderzoll auf Benzin- und Dieselexporte verhängt.

Indien beschränkt sich nicht auf den Kauf wachsender Mengen russischen Öls. Es weitet seine Importe aus Russland auf andere Güter aus – zuletzt auf Stahl, den indische Kunden zur Zeit ebenfalls verbilligt erwerben können. Zugleich hält New Delhi am Kauf russischer Rüstungsprodukte fest; bekanntestes Beispiel: das Raketenabwehrsystem S-400, das die indischen Streitkräfte trotz gewaltigen Drucks aus den USA erwerben. Darüber hinaus hat die indische Wirtschaft Investitionen in Russland im großen Stil im Blick. Ganz neu ist das nicht; der Öl- und Gaskonzern ONGC etwa ist bereits am Öl- und Gasprojekt »Sachalin 1« beteiligt. Die Pläne aber, die heute mit Blick auf den Rückzug westlicher Unternehmen aus Russland geschmiedet werden, nehmen neue Dimensionen an. Indische Einzelhändler orientieren auf den Einstieg in den russischen Markt; die russische Einzelhandelsgruppe X5 Retail plant, sich künftig verstärkt mit indischen Lebensmitteln einzudecken. Indische Pharmakonzerne, etwa Dr. Reddy’s aus Hyderabad, denken über die Ausweitung ihres Russland-Geschäfts nach: »ein Silberstreif« am düsteren Firmament der Weltwirtschaft, äußerte Ende Juni gegenüber Bloomberg ein in Mumbai ansässiger Analyst der japanischen Finanzholding Nomura.

Abkehr vom Dollar

Begleitend hat die indische Zentralbank, die Reserve Bank of India, vor rund zwei Wochen einen neuen Zahlungsmechanismus eingeführt, der es gestattet, den Handel mit Russland und mit weiteren Ländern – mit Iran, aber auch mit Staaten Afrikas oder Lateinamerikas – nicht mehr in US-Dollar, sondern in Rupien abzuwickeln. Das ermöglicht es Ländern, die von US-Sanktionen getroffen werden, ihre Geschäfte mit Indien fortzuführen. Russland treibt die Umstellung seines Handels vom US-Dollar hin zu anderen Währungen systematisch voran – und plant konkret, dies in seinen Geschäften mit Iran und der Türkei zu tun. So sollen etwa russische Lieferungen in die Türkei künftig in türkischer Lira bezahlt werden, die Moskau dann wiederum nutzen will, um seine Importe aus der Türkei zu finanzieren. Wie die Agentur Reuters berichtet, haben sich russische Konzerne ihre Lieferungen nach Indien jüngst auch schon in Dirham bezahlen lassen, der Währung der Vereinigten Arabischen Emirate. Zentral dabei ist der Plan, sich Schritt für Schritt vom US-Dollar zu lösen – zum einen, um immun gegen US-Sanktionen zu werden, zum anderen, um auf lange Sicht und nach Möglichkeit die bisherige Weltleitwährung vom Thron zu stoßen. Für die USA wäre das ein herber Schlag.

Wie kommen russische Konzerne eigentlich darauf, sich ausgerechnet in Dirham bezahlen zu lassen? Nun, russische Rohstoffe wurden bis vor kurzem vor allem über die Schweiz gehandelt. Dann kam der Ukraine-Krieg, es kamen die westlichen Sanktionen – und plötzlich war die Schweiz, da sie sich trotz ihrer vermeintlichen Neutralität umfassend an den Sanktionen beteiligte, für Unternehmen aus Russland kein geeigneter Handelsplatz mehr. Russische Rohstoffhändler begannen sich nach alternativen Standorten umzusehen – und ihre Wahl fällt mehr und mehr auf ein Land, das sich seit geraumer Zeit als ein neutraler, ein nicht sanktionsanfälliger Finanz- und Handelsplatz zu positionieren sucht: auf die Vereinigten Arabischen Emirate. Vor allem Abu Dhabi und Dubai waren schon kurz nach Kriegsbeginn ein früher Zufluchtsort für russische Oligarchen geworden, als diese nach Russlands Überfall auf die Ukraine ins Visier der westlichen Mächte gerieten; immer mehr von ihnen zogen in die Emirate um. Ihnen folgen jetzt allerlei russische Unternehmen, vor allem aber die großen russischen Rohstoffkonzerne – Gasprom, Rosneft, Lukoil und andere. »Der Handel wird weitergehen«, zitierte das Magazin Capital im Juni den Direktor des Erasmus Commodity & Trade Center in Rotterdam, Wouter Jacobs: »Staaten im Nahen und Fernen Osten werden (…) an Bedeutung gewinnen« – gegenüber der »bisher eher eurozentrischen Situation des Rohstoffgeschäfts«. Ein weiteres Beispiel dafür, dass sich die globalen Gewichte in hohem Tempo verschieben – weg von der bisherigen westlichen Dominanz.

Jörg Kronauer schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 2./3. April über die Festigung des transatlantischen Bündnisses im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (26. Juli 2022 um 15:35 Uhr)
    Herzlichen Dank an Jörg Kronauer für diese Übersicht über die komplizierten Veränderungen, die sich momentan in weltwirtschaftlich bedeutsamem Größenordnungen vollziehen. Die USA und ihre Vasallen haben bewusst eine Entscheidungsschlacht provoziert, die Russland als großen Konkurrenten ausschalten sollte, um sich anschließend China vorzuknöpfen. Aber wie das so ist mit den großen Schlachten: Sie können auch verlorengehen. Manch einem der neuen wichtigen Akteure der Weltwirtschaft scheint zu schwanen, dass Unipolarität à la USA häufig auch ein sehr schlechtes Geschäft zu werden droht. Da beim Geld aber die Freundschaft aufhört, vollziehen sich gegenwärtig in atemberaubender Geschwindigkeit Prozesse, die in Richtung einer Multipolarität auf den Weltmärkten zeigen. Ob das den Völkern dienen wird oder nicht, das wird sich erst noch zeigen müssen. Dass aber der American way of life langsam an Bedeutung verliert, ist zu begrüßen. Denn er vertritt eine besonders ungezügelte, höchst aggressive und rücksichtslose Entwicklungsrichtung des Imperialismus. Die Jahre unter Trump haben ahnen lassen, dass es von da zum Faschismus nicht mehr so unendlich weit sein könnte. Auch was kommt, könnte von Übel sein. Dennoch sollte auch Linken die Wahl zwischen größerem und kleinerem Übel nicht so unendlich schwerfallen.

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