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Aus: Ausgabe vom 26.07.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Folgen der Klimakrise

Heiße Fischsuppe

Frankreichs Atomkraftwerke vertragen die Hitze nicht – Flüsse zu warm für die Kühlsysteme. 30 der 56 Meiler des Landes stehen still
Von Hansgeorg Hermann
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Folge des Klimawandels: Die Flusstemperatur am AKW Golfech erreichte am Wochenende 29 Grad Celsius

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron wird es nicht gerne gehört haben: 30 der 56 Kernkraftwerke des Landes stehen aktuell still. Der Energieriese EDF (Électricité de France) versichert nahezu täglich, dass normale Wartungsarbeiten den Betrieb bremsen. In Wahrheit warnen die Ingenieure der Kontrollbehörde ASN (Autorité de sûreté nucléaire) seit Jahren vor schweren Korrosionsschäden an den Stahlmänteln der Druckbehälter. In diesen Tagen, in denen im Département Gironde (Bordeaux) fast 30.000 Hektar Pinienwald verbrannten, kommt auf Macron und seine parlamentarischen Schönredner der Kernenergie ein neues, kaum zu lösendes Problem zu: Flüsse wie die Garonne, die – aus den Pyrenäen kommend – vier Reaktoren zu kühlen hat, sind nicht erst in diesem Sommer zu warm geworden. Ihre Wassertemperatur überstieg in der vergangenen Woche die 29 Grad Celsius – der von der ASN vorgegebene Alarm muss bereits bei 28 Grad ausgelöst werden.

Französische Medien wie die Pariser Tageszeitung Libération meldeten am Montag, dass die EDF – wie schon während der Hitzewellen der vergangenen zehn Jahre – erneut Ausnahmegenehmigungen beantragen musste, um ihre nukleare Stromerzeugung fortsetzen zu können. Da in den kommenden Jahren nicht mit weniger, sondern mit deutlich mehr Sommerhitze zu rechnen sei, stehe Macrons fast ausschließlich auf die Atomkraft konzentrierte Energiepolitik auf dem Prüfstand. Der Gigant EDF, der auch finanziell auf tönernen Füße wankt und daher in der vergangenen Woche rückverstaatlicht wurde, kann ganz offensichtlich die vom Staatschef versprochene, vollkommene Stromversorgung der 67 Millionen Franzosen zumindest über die Kernkraft nicht mehr garantieren.

Die Garonne, ein Fluss, der sich bei Bordeaux mit der Dordogne vereinigt und danach unter dem Namen Gironde in den Atlantik mündet, versorgt seit rund vierzig Jahren die Kühlsysteme zweier Reaktoren der Zentrale Blayais mit Wasser. Deren Betrieb nahm das Werk in den Jahren 1981 und 1983 auf, rund zehn Jahre früher als die beiden Reaktoren in Golfech, wo das Wasser am vergangenen Wochenende einer »heißen Fischsuppe« glich, wie Libération in ihrem Bericht beiläufig erwähnte. In der Tat waren Garonne und ­Dordogne ursprünglich keine Gewässer, die der menschlichen Technik zuliebe aus den kalten Höhen der Pyrenäen zu Tal donnerten. Sie gehören vielmehr zu den wichtigsten Fischgründen des Landes, über ihre Stromschnellen mühen sich seit Jahrhunderten große Lachse aufwärts, um an den Quellen ihre Brut abzusetzen.

Fischexperten und Naturschützer, von der EDF selbst um Rat gebeten, waren bei der Planung der nuklear betriebenen Reaktoren noch von klimatischen Verhältnissen ausgegangen, die dem Lachs zwar zunehmend Schwierigkeiten bei der Rückkehr zu den Laichgründen bereiten würden. Dass Gewässer wie die Garonne eines Sommers mehr als 29 Grad Celsius warmes Wasser mit sich führen würden, hatten die Planer nicht auf ihrer Rechnung. Der große Fisch, früher Beute und Lebensgrundlage der armen Leute in den sumpfigen Terrains der Girondemündung, schwimmt bereits ab 27 Grad im roten Bereich, bei mehr als 29 Grad schwimmt er gar nicht mehr, sondern verreckt in der suppigen Brühe.

Die Organisation Migado, die seit Jahren versucht, den Lachs in der Garonne und der Dordogne zu retten, zählte seit Jahresbeginn ganze 167 Lachse, die in den Betonkanälen der Zentrale Golfech flussaufwärts zogen. In den warmen Wasserströmen, die das Kraftwerk nach der Reaktorkühlung in die Garonne entlässt, fühlt sich inzwischen ein anderes Tier offenbar viel wohler. Die Kontrolleure der ASN und die Migado-Aktivisten erzählten jüngst Journalisten von riesigen Welsen, auch Katzenfisch genannt, die sich rund um die Kühltürme der Zentralen breit- und schwer gemacht hätten. Und die, zum Entsetzen der Fischer, am liebsten Lachse fressen.

Den Fisch haben die EDF-Verantwortlichen längst nicht mehr im Auge. Sie beunruhigt vielmehr die Vorstellung, wo in den kommenden Jahren das viele kalte Wasser herkommen soll – sechs Kubikmeter pro Sekunde –, das ein einziger Reaktor für seine Kühlung benötigt.

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