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Aus: Ausgabe vom 26.07.2022, Seite 8 / Ansichten

Pendelpolitik

Rede von Marcos jr. an die Nation
Von Jörg Kronauer
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Neuer Präsident, neues Glück? Kaum war Ferdinand Marcos jr., Sohn des gleichnamigen Exdiktators, im Mai zum neuen Staatsoberhaupt der Philippinen gewählt worden, da bemühten sich die außenpolitischen Apparate der Vereinigten Staaten und Chinas um ihn. Wie wird Marcos das südostasiatische Land international positionieren? Die Antwort auf diese Frage hat hohe Relevanz. Die ehemalige, erst 1946 formal unabhängig gewordene US-Kolonie, in den langen Jahren des Kalten Kriegs Standort zweier hochbedeutender US-Militärstützpunkte, liegt strategisch zentral auf der sogenannten ersten Inselkette, die das Ost- und das Südchinesische Meer begrenzt und von Japans südlichen Inseln über Taiwan und eben die Philippinen bis nach Borneo reicht. Wer die Inselkette kontrolliert, kann nicht nur Chinas Marine hinter ihr einschließen, sondern auch von ihr aus die Volksrepublik angreifen.

Der transpazifische Kampf um Einfluss in Manila tobt seit Jahren. Beijing hat dabei klare Pluspunkte: seine gewaltige Wirtschaftskraft wie auch die Tatsache, dass ihm, wenn es seinen Aufstieg fortsetzen kann, in der Asien-Pazifik-Region die Zukunft gehört; welcher kleinere Staat will es sich schon mit ihm verderben? Ziemlich negativ schlägt auf den Philippinen allerdings zu Buche, dass China im Streit um diverse Inselchen und Riffe im Südchinesischen Meer, die auch Manila beansprucht, seine Interessen klar, zuweilen rüde vertritt. Washington nutzt dies, um sich Manila als hilfreicher Verbündeter gegen die Volksrepublik anzudienen. Für die USA läuft es freilich auch nicht immer rund. Schachfigur im weltpolitischen Ringen gegen China zu sein, das ist für die Philippinen auf Dauer wenig attraktiv. Zuweilen rief auch starke Empörung hervor, dass ein Stationierungsabkommen US-Militärs vor Strafverfolgung durch die philippinische Justiz schützt, faktisch sogar in Fällen von Vergewaltigung.

Marcos’ Amtsvorgänger Rodrigo Duterte ging zu Beginn seiner Amtszeit etwas stärker auf Distanz zu den USA, musste ihnen allerdings in späteren Jahren Zugeständnisse machen; im Gegenzug zur Lieferung von US-Coronaimpfstoffen etwa kam er nicht umhin, das Stationierungsabkommen zu verlängern. Sein Nachfolger hält sich noch bedeckt, äußert sich höflich in beide Richtungen; es sich mit einer der beiden Seiten wirklich zu verderben, das kann er sich kaum leisten. Am Montag hob er in einer Rede vor beiden Kammern des Parlaments hervor, er sei nicht bereit, im Inselstreit mit China »auch nur einen Quadratzentimeter Land« preiszugeben. Kurz zuvor hatte er betont, die Kooperation mit Beijing ausweiten zu wollen – vielleicht sogar inklusive einer gewissen Militärkooperation. Das wäre neu – die philippinischen Streitkräfte gelten als klar US-orientiert, was kein Präsident des Landes ignorieren darf. Wie auch immer: Das lange Ringen um die erste Inselkette ging mit Marcos’ Amtsantritt am 30. Juni in die nächste, womöglich wechselvolle Runde.

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