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Aus: Ausgabe vom 26.07.2022, Seite 6 / Ausland
Drohende Invasion

Widerstand in Rojava

Zunehmende Angriffe der Türkei in Nordostsyrien: Demonstrationen in mehreren Städten. Trauer um getötete Kommandantinnen
Von Annuschka Eckhardt, Derik
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Demonstration am Sonntag in Derik gegen die Angriffe der Türkei auf die nordostsyrische Selbstverwaltung

Es ist brütend heiß auf den Straßen Deriks. Die syrische Stadt liegt im Dreiländereck Türkei, Syrien und Irak. Normalerweise sind im Hochsommer um diese Uhrzeit, fünf Uhr nachmittags, nur wenige Personen auf der Straße. Es ist einfach zu warm. Doch an diesem Sonntag haben sich Tausende Menschen versammelt, mit Bussen sind sie aus der ganzen Region angereist. Trommler heizen die Stimmung an, aus einem Lautsprecher ertönen die Klänge des kurdischen Zupfinstruments Tambur. Seit die Türkei ihre Angriffe auf Nordostsyrien und die Autonome Region Kurdistan im Nordirak intensiviert hat, häufen sich die Proteste gegen Ankara. In mehreren Städten Nordostsyriens gibt es am Sonntag Demonstrationen, unter anderem in Derik und Kamischli.

Fatima Yousif ist 67 Jahre alt und mit fünf Freundinnen erschienen. Alle fünf tragen lange Kleider und Schlappen. »Die türkischen Angriffe werden schlimmer«, sagt Yousif. »Wir haben keine Angst vor den islamistischen Soldaten, aber vor den Flugzeugen, die uns und unsere Kinder töten!« Am Sonntag morgen wurden zwei Menschen in der Kleinstadt Tel Tamir durch türkische Raketenangriffe ermordet. Acht Personen wurden verletzt, wie die kurdische Nachrichtenagentur Mezopotamya Agency berichtete. In dem Ort leben viele assyrische und syriakische Christen. Der Beschuss dauert an. Bereits am Sonnabend sind dort drei Mitglieder der assyrischen Miliz Chabur-Wachen durch türkischen Artilleriebeschuss verletzt worden. Auch die Umgebung der Stadt Tel Rifat in der Region Scheba und die umliegenden Dörfer werden heftig bombardiert.

Am Freitag abend gab es einen gezielten Drohnenangriff auf ein Auto, in dem drei Frauen saßen, die auf dem Rückweg von der Frauenkonferenz »Forum für die Frauenrevolution von Rojava und Nord- und Ostsyrien« in der Stadt Kamischli waren. Bei der Konferenz sprachen und diskutierten Frauen verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen der Region und auch einige Gäste aus dem Ausland über die feministischen Kämpfe und Errungenschaften der Frauenrevolution. Die Kommandantinnen der Antiterroreinheiten der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK), die gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) gekämpft hatten, starben bei dem Angriff. »Dass die Türkei unsere Frauen so ins Visier nimmt, untergräbt den Kampf gegen den IS. Unsere Partner müssen größere Anstrengungen unternehmen, um diese Verstöße zu unterbinden«, forderte der Oberkommandierende der SDK, Maslum Abdi, am Sonntag bei Twitter. Am Abend kamen Tausende zusammen, um in Hasaka Abschied von den drei Kämpferinnen zu nehmen.

Seit dem »Astana«-Treffen am vergangenen Dienstag in Teheran, bei dem der iranische Präsident Ebrahim Raisi, der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan und der russische Präsident Wladimir Putin unter anderem über die Zukunft Nordostsyriens diskutierten, nehmen die Angriffe – auch auf zivile Gebiete – zu. Artilleriebeschuss und Drohnenattacken, oft ausgeführt von dschihadistischen Söldnern unter dem Befehl Ankaras, sind für die Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens zwar nichts Neues, doch die Häufigkeit, in der in den vergangenen Tagen angegriffen wurde, fordert die Region heraus.

Der türkische Präsident hat momentan nicht viele Erfolge zu verzeichnen. Bei seinem Krieg in den Bergen der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak beklagt er hohe Verluste, die Inflation im eigenen Land beutelt die Bevölkerung. Mohammed Gemil ist mit der halben Familie aus einem 20 Kilometer entfernten Ort gekommen, um zu demonstrieren. »Erdogan rächt sich gerade mit Bomben an uns, weil er bei der ›Astana‹-Konferenz in Teheran kein grünes Licht bekommen hat, hier einzumarschieren.« Er zeigt auf einen nahe gelegenen Gebirgszug, der auf türkischem Staatsgebiet liegt. »Obwohl wir es waren, die den IS besiegt haben, werden wir jetzt wieder von allen Staaten im Stich gelassen.«

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