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Aus: Ausgabe vom 25.07.2022, Seite 1 / Titel
Krieg in der Ukraine

Viel Lärm um wenig

Russland räumt Angriff auf Militärobjekte im Hafen von Odessa ein. Weizenexport nicht betroffen, Kiew sieht Abkommen torpediert und will Waffen
Von Reinhard Lauterbach
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Löscharbeiten nach dem Angriff: Der Hafen von Odessa am Sonnabend

Mit eintägiger Verzögerung hat Russland den Raketenangriff vom Sonnabend auf Ziele im Hafengebiet von Odessa eingeräumt. In einer Stellungnahme des Moskauer Verteidigungsministeriums vom Sonntag vormittag hieß es, getroffen worden seien eine Marinewerft sowie ein Lagerhaus mit Antischiffsraketen des US-Modells »Harpoon«. Dabei seien ein ziviles und ein militärisches Schiff versenkt und die Werft für längere Zeit lahmgelegt worden.

Auch die ukrainische Seite bestätigte, dass Verladeeinrichtungen für Getreide nicht getroffen wurden. Die für die Seehäfen zuständige Behörde teilte mit, die Arbeiten für die Wiederinbetriebnahme der Häfen in Odessa, Tschornomorsk und Juschne seien im Gange, die Vorbereitung der Getreidetransporte habe begonnen. Gleichwohl nannte Wolodimir Selenskij den Angriff ein »Dementi der russischen Unterschrift« unter die am Freitag unterzeichnete dreiseitige Vereinbarung, die die Ausfuhr ukrainischen Getreides aus den Silos im Hafen von Odessa ermöglichen soll. Selenskij sagte in seiner routinemäßigen Videobotschaft am Sonnabend, wer jetzt noch Illusionen darüber habe, mit Russland verhandeln zu können, sei eines Besseren belehrt. Die Ukraine brauche mehr und schwerere Waffen.

Aus den USA wurde am Wochenende klargestellt, dass der sehnlichste Wunsch der ukrainischen Führung zumindest einstweilen nicht erfüllt wird: Raketen größerer Reichweite für die Mehrfachraketenwerfer des Typs »Himars«. Sicherheitsberater Jacob Sullivan erklärte in Washington, dies habe Präsident Joseph Biden entschieden. Es gehe darum, nicht den Vorwand für die Entfesselung des dritten Weltkriegs zu liefern. Das ukrainische Militär macht sich Hoffnungen, mit Hilfe der Raketen größerer Reichweite (300 Kilometer) aus den »Himars«-Systemen Ziele auf der Krim und tiefer in Russland angreifen zu können. Einstweilen beschädigte das ukrainische Militär eine weitere Brücke am östlichen Stadtrand von Cherson, über die die dort stationierten russischen Einheiten versorgt werden könnten.

Vertreter der ukrainischen Landwirtschaftskammer äußerten ebenso wie ein auf Landwirtschaftsfragen spezialisierter Selenskij-Berater Zweifel daran, dass das am Freitag erzielte Abkommen über sichere Exportkorridore zu Wasser viel bringen werde. Das liege erstens daran, dass die Vereinbarung nur drei von sechs potentiellen Exporthäfen betreffe, zweitens viele Elevatoren an der Küste durch Beschuss zerstört seien und drittens insgesamt 50 Millionen Tonnen Getreide aus der Ernte 2021 und der angelaufenen dieses Jahres auf den Export warteten. Sie verwiesen auch darauf, dass die Durchfahrtskapazität des Bosporus sowohl bei der Menge der Schiffe als auch bei ihrer Größe beschränkt ist. So darf insbesondere zu Nachtzeiten nur ein einziges Schiff pro Richtung die Meerenge passieren, und der Bosporus ist mit 50.000 Schiffsbewegungen pro Jahr schon jetzt eine der am dichtesten befahrenen Wasserstraßen der Welt.

Die türkische Zeitung Sabah schrieb, die Türkei habe sich ein Vorkaufsrecht auf das ­ukrainische Getreide gesichert, so dass die ­Ukraine nicht den vollen Weltmarktpreis dafür erzielen werde. Das ukrainische Portal strana.news zitierte einen in Kiew tätigen westlichen Agrarexperten mit der Erwartung, die auf vier Monate begrenzte Geltungsdauer der Einigung werde gerade dafür reichen, dass westliche Agrarmultis ihre bereits vor Kriegsbeginn im Rahmen spekulativer »Futures«-Kontrakte bestellten und bezahlten Getreidemengen außer Landes bringen könnten.

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  • Leserbrief von Volker Wirth aus Berlin ( 1. August 2022 um 12:29 Uhr)
    Russland setzt weiter darauf, dass sich »die Ukrainer«, also die russisch- wie die ukrainischsprachige Bürger der Ukraine, selbst von dieser »Quislingsregierung« von Washingtons und Londons Gnaden befreien, die die nationalistische, russlandfeindliche Karte mit immer weniger Aussicht auf Erfolg ausspielt. Im »normalen« parlamentarisch-demokratischen Wege waren diese Kräfte 2010–2012 unterlegen – da blieb dann nur der Weg der sogenannten Revolution der Würde, also einer »farbigen Revolution«, richtiger also eines Putsches. Diese undemokratischen, chauvinistischen Kräfte waren siegreich durch extreme Gewalt und ihre Todesdrohungen gegenüber »Vaterlandsverrätern«. Durch Wahlen durften sie kaum zu besiegen sein, solange ihre terroristische Gewalt fortbesteht. Nach acht Jahren intensivster ideologischer Bearbeitung, aber auch des vor sich hin köchelnden »antiterroristischen« Kiewer Krieges im Donbass werden linke und verständigungsorientierte oppositionelle Kräfte diese Gewaltstrukturen vielleicht nicht brechen können. Nur dann wird die russische Armee vielleicht doch eine ausschlaggebende Rolle bei der Zerschlagung der Russophobie übernehmen (müssen). Einen Strategiewechsel gibt es aber dennoch m. E. nicht!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (31. Juli 2022 um 19:35 Uhr)
    Das Abkommen zur Sicherung des ukrainischen Getreideexports wird also »gerade dafür reichen«, bereits bezahlte Mengen spekulativer »Futures«-Kontrakte zu liefern. Geht es dem Westen vielleicht eher um die Gewinne seiner Konzerne als um die Linderung des Hungers? Letzteres mag man ohnehin nicht glauben, wo die Amerikaner dem hungernden Afghanistan zehn Milliarden US-Dollar Devisenreserven geraubt hatten und mit dem Ausschluss Afghanistans aus dem SWIFT-System das Erhandeln von Lebensmitteln zusätzlich massiv erschwerten. Sollen sie doch hungern. Von den geraubten Devisenreserven werden nämlich je am 11.9.2001 getöteten Amerikaner eine Million Dollar einbehalten. Keiner der dafür in den Hunger getriebenen Afghanen hatte Schuld am Angriff auf das WTC. Trotzdem sollen sie zahlen. Ein Ami ist nun mal soviel wert. Ein Afghane ist übrigens 5.000 Dollar wert, soviel Blutgeld zahlte die BRD nach dem von Oberst Klein angerichteten Massaker an afghanischen Zivilisten für jeden Toten. Und für einen toten deutschen Soldaten kassieren die Hinterbliebenen rund 100.000 Dollar. »Saul hat 1.000 erschlagen, David aber 10.000«, heißt es in der Bibel (1. Sm 18,7). Je mörderischer, um so wertvoller, das dürfte die faktische westliche Werteskala gut widerspiegeln. Die Ukrainer nahmen 2003 am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der USA gegen den Irak teil. Drei Millionen Tote sind dort deswegen zu beklagen. Das (und Banderas russophobe, von Selenskij neuerdings auch nuklear aufgepeppte Vernichtungsphantasien) macht die Ukrainer offenbar so wertvoll. Russen bleiben da weit zurück. Bis zum russischen Eingreifen in den Donbass-Krieg starben durch Beschuss fünfmal so viele Zivilisten östlich der Demarkationslinie wie westlich der Linie. Russische Opfer zählen im Wertewesten nix, ukrainische Opfer dagegen sehr viel. Dass alle Menschen »frei und gleich an Würde und Rechten geboren« sind, wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt, ist dem Westen offenbar nicht viel mehr als ein Lippenbekenntnis wert.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Uwe H. aus Greding (25. Juli 2022 um 14:41 Uhr)
    Da passt ein Karl Marx mal wieder nur allzusehr: Zitat: »Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.« (MEW, Bd. 23, S. 788)
    • Leserbrief von Joán Ujházy (26. Juli 2022 um 19:58 Uhr)
      Hinweis: Das Zitat stammt nicht von Karl Marx, sondern Karl Marx zitiert den Funktionär der englischen Gewerkschaftsbewegung und Publizisten Thomas Joseph Dunning (1799–1873). Siehe MEW Bd. 23, S. 788, FN 250.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (24. Juli 2022 um 22:16 Uhr)
    Viel Lärm um wenig was? Was ist das für ein Titel? »Viel Lärm um nichts« ist eine Komödie von William Shakespeare, aber hier geht es nicht um nichts, hier geht es nicht um wenig, hier geht es um – sowohl von der Ukraine, als auch von anderen Ländern – viel! Sonst ist der Artikel in Ordnung, mit der Grundaussage: »Vertreter der ukrainischen Landwirtschaftskammer äußerten ebenso wie ein auf Landwirtschaftsfragen spezialisierter Selenskij-Berater Zweifel daran, dass das am Freitag erzielte Abkommen über sichere Exportkorridore zu Wasser viel bringen werde.« - Das ist zwar absolut richtig, jedoch aus sehr unterschiedlichen Gründen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (24. Juli 2022 um 20:53 Uhr)
    Die Angriffe Russlands gegen den Seehafen in Odessa wurde von der Marionettenregierung Selenskij und den westlichen Medien reflexartig zu antirussischer Propaganda voller Lügen und ausgedachter Details jenseits der Wahrheit benutzt. Jetzt steht fest, dass nicht der Hafen für den Weizenexport getroffen wurde, wie Selenskij und seine Entourage wider besseres Wissen behaupteten, sondern der militärische Teil des Hafens mit Reparaturdocks für Kriegsschiffe und Waffen aus dem Westen. Russland hat mehrfach davor gewarnt, Waffen aus dem Westen zu liefern, und als mögliche Antwort darauf eine Ausweitung des Ziels der Militäroperation genannt. Das Geschrei im Westen ist daher an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten.

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