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Aus: Ausgabe vom 23.07.2022, Seite 14 / Thema
Probleme des Sozialismus

Reise in den Widerspruch

Der wichtigste Wirtschaftssektor hält zwar das Land über Wasser, schafft aber gesellschaftliche Ungleichheiten. Kubas gebeutelter Tourismus steht vor dem Umbruch
Von Ken Merten
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Probleme des karibischen Sozialismus: Wer mit Touristen im pinken Cadillac die angesagtesten Sehenswürdigkeiten Havannas abklappert, der verdient innerhalb von zwei, drei Stunden das Dreifache des durchschnittlichen Monatsgehalts

Als auf dem mit Waffenmaterial beladenen Frachter »La ­Coubre« am 4. März 1960 im Abstand von etwa 50 Minuten zwei Bomben detonierten, waren die Explosionen weit über den Hafen von Havanna zu hören. Als am 6. Mai dieses Jahres im Hotel »Saratoga« ein Gastank in die Luft flog, hörte man auch das über das Zentrum der kubanischen Hauptstadt hinaus. Letzteres war zwar ein Unfall und eindeutig kein konterrevolutionärer Anschlag. Mit den Folgen der Explosion in einem Luxushotel schräg gegenüber dem Parlamentssitz Capitolio hat das direkt oder indirekt von Blockade, Krieg, Krise und Pandemie gebeutelte sozialistische Land in der Karibik allerdings ebenso zu kämpfen. Das hat Einfluss auf den wichtigsten Wirtschaftssektor Kubas: den Tourismus.

Nackenschläge

Die Nackenschläge, die Kuba in den letzten Jahren erfährt, sind mannigfaltig. Unter der Präsidentschaft Donald Trumps (2017–2021) wurden die Milderungen der Wirtschaftsblockade der USA zurückgenommen; an einer Wiederaufnahme der Strategie des Systemwandels durch Annäherung seines Parteikollegen Barack Obama scheint Joseph Biden aktuell wenig Interesse zu haben; er setzt Trumps Linie weitgehend fort. Immerhin: Am 16. Mai dieses Jahres kündigte Biden mikroskopisch kleine Lockerungen an, darunter der Wegfall der Obergrenze von 1.000 Dollar (955 Euro), die US-Bürgerinnen und US-Bürger an ihre Verwandten auf der Insel überweisen dürfen, sowie die Erlaubnis von Gruppenreisen aus den USA nach Kuba.

Wäre die vom US-Imperialismus besorgte Drangsal für eine kleine, ökonomisch schwache Inselrepublik mit 11,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern nicht schon genug des Unglücks, brachte die Coronapandemie Kubas Tourismusindustrie ab 2020 bis ins Folgejahr hinein komplett zum Erliegen. Zum Pech kommt auch noch Humanismus dazu: Kuba strengte seine medizinische Forschung an und investierte in die Produktion von Vakzinen; während in den westlichen Ländern die »Freedom Days« purzelten, behielt die kubanische Regierung die Gesundheit der Bevölkerung im Fokus, erlaubte zuerst nur Geimpften die Einreise, lange Zeit waren noch PCR-Tests notwendig. Erst am 31. Mai entfiel die allgemeine Maskenpflicht in öffentlichen Räumen, Verkehrsmitteln und auf der Straße. Auch wenn sicher keiner der Touristinnen und Touristen je Strafe wegen fehlendem »Nasobuco« vorm Gesicht zahlen musste, lädt das nach außen hin nicht zu postpandemischen Sorglosferien ein.

Wenn sie denn überhaupt kommen dürfen: Neben Kanadierinnen und Kanadiern sowie im Ausland lebenden kubanischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern frequentieren vor allem Russinnen und Russen Kuba als Urlaubsziel. Denen ist die Reiseroute durch Sanktionen von EU und USA gerade verbaut. Wie das 2000 in London gegründete Unternehmensnetzwerk »The Caribean Council« in seinem für Nichtmitglieder zugänglichen Onlinebereich mitteilt, kamen 2018 137.000 Besucherinnen und Besucher aus Russland. In der vom staatlichen Statistikbüro »Oficina Nacional de Estadística e Información« (ONEI) veröffentlichten vergleichenden Zahlenzusammenstellung der Monate März 2021 und 2022 ist Russland das einzige Land der einzeln aufgelisteten 42 Nationen, aus dem in diesem Jahr weniger nach Kuba reisten als im gleichen Monat des Vorjahres – während selbst die Zahl der Ukrainerinnen und Ukrainer in dieser Statistik um das Sechsfache anstieg.

Zuwenig Zuwachs

Der Besucherzuwachs reicht grundsätzlich nicht: Zwar meldete die spanische Nachrichtenagentur Efe am 17. Juni, dass zwischen Januar und Mai 2022 564.847 Menschen Kuba besucht hätten – ein Anstieg um 640 Prozent im Vergleich zu den ersten fünf Monaten des Jahres 2021 – die planmäßig von der Regierung angestrebte Zielzahl von 2,5 Millionen Gästen für das gesamte laufende Kalenderjahr wird nichtsdestotrotz immer mehr zu einem aussichtslosen Kampfziel.

Dabei mag die globale Krise des Kapitalismus ihren Beitrag leisten. Der Blick allein auf die Preisschilder in deutschen Supermärkten reicht aus, zu erahnen, wie es um die Kaufkraft eines Großteils der westlichen Kundschaft steht und damit um die Chance, sich ein Flugticket in Kubas Ferienparadies leisten zu können. In der Peripherie wiederum wirken sich Preisexplosionen und Produktverknappung um so drastischer aus: Die Schlangen vor den Läden in Kuba sind seit Beginn der Pandemie nicht wieder kürzer geworden. Die Waren, die man als Kubaner staatlich subventioniert zu kleinen Preisen kaufen kann, reichen nur für eine oder zwei Wochen. Für den Rest des Monats bedeutet das, bei privaten Marktständen oder – sofern man eine Kreditkarte hat – in Devisenläden einzukaufen. Allgemein gilt: Was alle ist, kann auch nicht verbilligt unter die Leute gebracht werden. Gibt es kein Öl zum Braten, dann gibt es keins. Im April kostete eine Flasche Olivenöl in den Devisenläden satte zehn US-Dollar.

Das senkt nicht nur den grundsätzlich zwar von der Grundsicherung des sozialistischen Staats im Mindestmaße garantierten, aber weitgehend sehr bescheidenen Lebensstandard der kubanischen Bevölkerung, es wirkt sich auch auf die Attraktivität des Urlaubsortes aus. Waren vor der Coronapandemie Bierpreise an privat betriebenen Kiosken in Höhe von 40 kubanischen Pesos schon Indiz für einen gefährlichen Anstieg der Inflation, geht die Bierbüchse 2022 nicht unter 180, meist aber zu 250 Peso von der Verkäuferin an den Durstigen. Am 6. Februar dieses Jahres schrieb Andreas Knobloch in ND: »Der inoffizielle Umtauschkurs steigt und steigt derweil. Allein im Januar verlor der CUP (»Peso Cubano«, die nach der Währungsreform Anfang 2021 und der Abschaffung des an den US-Dollar gekoppelten konvertiblen Peso, CUC, nunmehr einzige Währung Kubas, Anm. K. M.) mehr als 30 Prozent an Wert und durchbrach erstmals die Schallmauer von 100:1 zum US-amerikanischen Dollar.«

In einem Reisebericht der Deutschen Presseagentur über das Viñales-Tal in Westkuba, den die Süddeutsche Zeitung am 4. Mai publizierte, heißt es im Rahmen eines Aufenthalts in einer »Casa Particular«, also einer als mietbare Unterkunft registrierten Privatwohnung: »Separater Eingang, Klimaanlage, Bad und Kühlschrank sind meist Standard: ab 25 US-Dollar für zwei Personen pro Nacht. Wer mit der Familie isst und plaudert, lernt auch, dass der nationale Peso (CUP) die Schwindsucht hat und es privat für Euro dreimal soviel zurück gibt wie in der Bank.« Abseits davon, dass sich die Kolleginnen und Kollegen der dpa beim Straßenpreis eiskalt haben verarschen lassen, ist nichts so offene Wahrheit wie der Währungstausch auf den Straßen Kubas. Von Regierungsseite wurden wiederholt die aktuellen Schwarzmarktkurse, die sich beim Vier- bis Fünffachen des offiziellen Wechselkurses (24 Pesos für einen Euro) bewegen, ausgesprochen und problematisiert. So geschehen u. a. im öffentlichen Bericht des Wirtschaftsministers Alejandro Gil Fernández, der nicht nur auf die aktuellen Preissteigerungen bei Importwaren hinwies, sondern auch das Thema Inflation ansprach: Der inoffizielle Wechselkurs von 125:1 führe dazu, dass »die Inflation explodiert«, wie ihn das Onlinenachrichtenportal Cubadebate am 14. Mai zitiert.

Eine Existenzfrage für die Kubanerinnen und Kubaner, deren Durchschnittsgehalt Fernández für den März 2022 auf 4.094 Peso bemisst. Eine Attraktivitätsfrage für Touristinnen und Touristen, die neben der für den Kontinent wahnsinnig niedrigen Kriminalitätsrate eben auch von günstigen Preisen vor Ort angelockt wurden.

Geschichtliches

Die Geschichte des Tourismus in Kuba in aller Kürze: Bis zur Revolution kamen reiche US-Amerikaner auf die Insel geschippert, traten dort als Spieler, Säufer und Freier auf und schipperten zurück nach »God’s own ­Country«. Nach dem Sturz der Batista-Diktatur zur Jahreswende 1958/59 wurde damit Schluss gemacht – einerseits durch Enteignung auch US-amerikanischer Unternehmen, andererseits durch den Abbruch der diplomatischen Beziehungen seitens der USA. Kuba rückte den inländischen Tourismus ins Zentrum. Ausländische Gäste, erfährt man auf Schautafeln des Tourismuspavillons des Messegeländes »Expocuba« am Rande Havannas, kamen seit den 1970ern vorrangig aus Kanada, Westeuropa und den Ländern des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) aus »Interesse an den sozialen Veränderungen des Landes, seiner Natur und seiner Kultur«. Den Höhepunkt des Besuchs aus den sozialistischen Ländern erlebte Kuba in den 1980ern.

Damit war nach dem Zusammenbruch des europäischen Teils des Realsozialismus Schluss. Kuba verlor mit einem Schlag seine wichtigsten Wirtschaftspartner und stürzte in die Sonderperiode der 1990er ab. 1994 war nicht nur das Jahr der heftigsten Antiregierungsproteste, der sogenannten Maleconazos, sondern auch das Jahr, in dem Kuba erstmals seit 1989 wieder ein leichtes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hatte. Dem vorangegangen war »der Einstieg in den Massentourismus, die Öffnung des Landes für ausländische Investoren und die Schaffung von ›Joint Ventures‹«, wie Volker Hermsdorf in seinem 2018 erschienen Buch »Die kubanische Revolution« schreibt. Damit wurde der ökonomisch-politische Grundstein für die heutige Tourismusindustrie Kubas gelegt.

Im Rahmen der staatsorganisatorischen Umgestaltung wurde das Nationale Institut für Tourismus aufgelöst und das Ministerium für Tourismus (Mintur) etabliert. »Es hat die Aufgabe der Gestaltung und Leitung der Tourismuspolitik, den Entwicklungsprozess zu steuern, den Sektor global wettbewerbsfähig zu machen, langfristig seine Rentabilität und Nachhaltigkeit zu gewährleisten und dabei die ständige Verbindung mit der Erhöhung des Lebensstandards und der Lebensqualität der Bürger des Landes zu garantieren«, so Mintur auf seiner Webseite.

Inflation als Grätsche

»Eklektische Architektur, Art Deco und maurisch«, schreibt das Onlineportal »Ecured«, Kubas eigenes Wikipedia, über das Hotel Nacional de Cuba. Es ist jährliche Routine, dass die »World Travel Awards« dorthin die Auszeichnung als bestes Hotel des Landes adressieren. Seit 1998 Weltkulturerbe, bietet das 1930 erbaute Hotel 426 Zimmer, drei Restaurants, mehrere Bars, ein Kabarett und ein Fitnesscenter. Auf einer Erhöhung direkt am Malecon geht der Blick vom Garten weit übers Meer. Während man genüsslich Mojito schlürft und versucht, den siebenjährigen Havana Club herauszuschmecken, tapsen die Babys der Pfauenfamilie umher, die dort im Garten leben. Ein Ort, den Kubanerinnen und Kubaner zum Arbeiten betreten.

Trotzdem kostet der Cocktail keine 200 Pesos. Schließlich ist das Hotel staatlich, Getränke- und Essenspreise, wie auch in Joint Ventures wie dem »Iberostar«-Hotel am Parque Central, sind Ergebnis sozialistischer Preisgestaltung. Der Unterschied aber ist so offensichtlich wie der Pfauenkot auf dem Weg zur Gartenbar des Hotel Nacional: Anders als in den Restaurants der Strandabschnitte, wo Kubanerinnen und Kubaner zur Erholung hingehen und subventionierte Verköstigungen angeboten bekommen, sitzen in den großen Hotels die kaufkräftigen Ausländer. Die »Yumas«, wie man sie in den Gassen Havannas mittelschwer despektierlich nennt, haben es nicht nötig, dass der kubanische Staat ihnen unter die Arme greift.

Andersrum ist schließlich das Abfetten derer das Ziel, die sich den Urlaub auf Kuba leisten können, um wiederum Sozialleistungen zu finanzieren. Auch hier grätscht die Inflation dazwischen: Zahlt die Touristin ihr Bier mit Kreditkarte, greift der offizielle Wechselkurs, und die bitter notwendigen Devisen kommen rein. Fragt sie danach, ob sie in bar und mit Pesos zahlen kann, hat sie vorher mit Sicherheit an einer Straßenecke getauscht. Abschlagen wird ihr das der Kellner nicht, höchstens etwas weniger freundlich gucken.

Das 15. Internationale Journalismus- und Tourismusseminar im Sitz des Internationalen Journalismusinstituts »José Martí« in Havanna brachte im Juni einige Datensätze auf den Tisch: Der Tourismusdozent José Luis Perelló, so Cubadebate (21.6.2022), sprach in seinem Referat in bezug auf den Strandtourismus Kubas von »80.000 Hotelzimmern und 20.000 Privatzimmern«, die dafür zur Verfügung stünden.

Doch die Konkurrenz ist groß in der Karibik: »Es gibt 30 Reiseziele, die um einen festen Marktanteil konkurrieren. Der Tourist, der nach Jamaika reist, kommt nicht nach Kuba, und derjenige, der in die Dominikanische Republik fliegt, reist nicht nach Jamaika oder Kuba (…)« Und die Zeiten sind hart: »Wir können einen Tourismusrückgang in der Karibik von mehr als 50 Prozent feststellen«, so Perelló.

Marmor fürs Auge

Allein für einen Badeurlaub muss kein Europäer mehr für zehn Stunden in einen Flieger steigen. »Kuba muss seine Angebotspalette diversifizieren«, sagt Yojany Maso, Tourismusdozent an der Universität der Isla de la Juventud, gegenüber jW, »vor allem im Bereich des Ökotourismus«. Die südwestlich gelegene zweitgrößte Insel des Landes ist dafür bestens geeignet: ländliche Strukturen, ein großflächiges Naturschutzgebiet mit seltenen Tierarten wie Krokodilen im Süden, Marmorfelsen für das Auge, Berge und Wanderrouten. Wir besuchen dort Farmer, die das Land vom Staat gestellt bekommen haben und neben der Viehzucht, die sie betreiben, Arbeitsurlaub auf dem Bauernhof anbieten. Doch die in den Ferien Arbeits- und Sportwilligen aus dem globalen Westen bleiben der Insel weitgehend fern. Ein Grund bisher ist die Infrastruktur: Wer zur Hauptstadt der Isla de la Juventud, Nueva Gerona, will, musste bisher bereits in Kuba sein und entweder eines der raren Flugtickets von Havanna aus ergattern oder mit dem Bus von dort aus quer durchs Land zum Küstenort Batabanó fahren und den Katamaran nehmen – unklar, ob die Reise wirklich stattfinden kann, denn es mangelt an Sprit und Ersatzteilen für Busse und Schiffe.

Das soll sich jetzt ändern: Am 6. Juli berichtete Prensa Latina vom Besuch des kubanischen Premierministers Manuel Marrero auf der Isla de la Juventud. Er besichtigte Bauvorhaben, darunter die Sanierung des Flughafens Vilo Acuña. Neben dem grundsätzlichen Ausbau der Anbindung und Versorgung der Insel zielt das Projekt darauf ab, den Tourismus dort in Schwung zu bringen: »Der Direktor des Tourismusunternehmens ›Gran Caribe‹ in Cayo Largo del Sur, Lázaro Esperanza Rodríguez, berichtete, dass der Betrieb voraussichtlich im kommenden November mit 1.100 Zimmern und acht wöchentlichen internationalen Flügen aufgenommen werden soll«, so Prensa Latina. Hier zeichnet sich ab, wie sich Kubas Tourismus umsortieren könnte.

Unikat Gesundheit

Einen Monat nach Veröffentlichung auf Youtube hat das Werbevideo zur neuen Tourismuskampagne »Única« nur 82 Views zu verzeichnen. Anfang Juli warben 16 kubanische Hotelgruppen für die Kampagne in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires, und Tourismusminister Juan Carlos García Granda stellte »Única« am 26. Mai persönlich in Berlin vor. Auch vor dem Eingang zum Hotel Nacional erfährt man durch übergroße Buchstaben auf der Grünfläche der Wendeschleife von der Existenz der Kampagne. Atemberaubend ist daran nicht viel, wenn man das Werbevideo schaut. Aber dann tritt ein junger, adretter Arzt vor die Kamera. »Weil wir uns um dich kümmern«, sagt er. Kuba mag für Rumliebhaber und Zigarrenfetischisten einzigartig sein, komme, was wolle. Die Kulturpraktiken und -einrichtungen Kubas finden sich in Summe auch kein zweites Mal. Aber wirkliches Unikat auf lange Sicht ist Kuba als Südseenation mit gotteslästerlich gut ausgebautem Gesundheitssystem. Dazu gehört nicht nur, sich als Tourist mit Blick auf den Atlantik seine Dosis »Soberana« abzuholen.

Am 22. Juni berichtete die Zeitung der Kommunistischen Partei Kubas, Granma, darüber, dass eine Vertreterin des spanischen Unternehmens Meliá auf dem Journalismus- und Tourismusseminar in Havanna angekündigt hatte, in die Gesundheitskerbe zu schlagen und 2023 Hotels in Trinidad und Varadero wiederzueröffnen. Für dieses Jahr hat Kuba bereits die »1. ­Messe für medizinischen und Wellnesstourismus« angekündigt. Messen wie diese sind Orte der Hoffnung. Bei der 40. Tourismusmesse »Fit Cuba 2022« betonte der anwesende Präsident Miguel Díaz-Canel Bermúdez persönlich die Rekordzahl von 5.260 Messegästen aus insgesamt 53 Ländern.

Blick nach außen

Die Abhängigkeit von außen kommt nicht erst mit dem Tourismus. Kuba ist so oder so auf Importe angewiesen, wie den von José Luis Perelló in seinem Seminarreferat angesprochenen Weizen. Um die Hotelanlagen auszustatten, muss davon weit mehr angeschafft werden – auch wenn die Preise für Nahrungsmittel und Verfrachtung in die Höhe schnellen.

Auf das Weltgeschehen hat Kuba politisch wie ökonomisch nur sehr bedingt Einfluss. Dagegen brandet hier jeder Mist an, ob der nun bewusst fabriziert wurde, um dem kubanischen Volk und der sozialistischen Insel zu schaden oder nicht. Ein bewusster Akt war der Urteilsspruch des Gerichts im Contra-Epizentrum Miami gegen vier Kreuzfahrtkonzerne, die während der gelockerten Blockade unter Obama vor Havanna ankerten und laut Gericht »touristische Aktivitäten« an Land angeboten hätten.

All das, mag man bedenken, trifft nicht nur die Tourismusbranche eines kleinen Landes schwer, sondern auch dessen Volk. Die konkreten Zahlen, was die seit 60 Jahren installierte Blockade des US-Imperialismus angerichtet hat, sind schwer zu evaluieren, realistische Schätzungen gehen aber bis in die Höhe von einer Billion Dollar. Leid lässt sich bekanntlich schlecht quantifizieren, dass aber u. a. während der Coronapandemie die Lieferung von Beatmungsgeräten an Kuba sanktioniert wurde, zeugt vom menschenverachtenden Charakter der Blockade, obwohl es weitere Beweise nun wirklich nicht braucht.

Widersprüche im Inneren

Grundsätzlich raubt die Blockade dem kubanischen Sozialismus weite Teile seiner Entscheidungsgewalt. Kuba kann politökonomisch kaum etwas anderes tun, als zu reagieren. Eine Generalausrede ist das aber nicht, es gilt, Widersprüche aufzuheben.

Der Ausbau des Tourismus zum wichtigsten Wirtschaftssektor des ehemals größten Zuckerproduzenten der Welt entspricht dem aktuell Möglichen und ist unbestreitbar die richtige Politik zur Zeit. Mit dieser spezifischen gesellschaftlichen Arbeitsteilung handelt man sich jedoch Besitzunterschiede ein, die es in diesem Maße in Kuba lange Zeit nicht gab.

»Der Tourismus schafft zweifellos wirtschaftliche Ungleichheiten, wenn keine Mechanismen gefunden werden, die sicherstellen, dass die Devisen alle erreichen«, sagt Pepe González gegenüber jW. Er arbeitet als Guide in der Altstadt Havannas und ist »Cuentapropista«, Freiberufler. Wer mit pinkem Cadillac und zwei Touristinnen und Touristen der naiveren Sorte die angesagtesten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt Kubas abklappert, der verdient innerhalb von zwei, drei Stunden das Dreifache des durchschnittlichen Monatsgehalts, zumal in Dollar oder Euro. Das lässt die Einkommensschere weiter auseinandergehen, die bereits allein dadurch bestand, dass einige Kubanerinnen und Kubaner spendierfähige Verwandtschaft im Ausland hatten, manche nicht.

Das vertieft auch Kubas Bildungsproblem: Dem Land fehlt der materielle Anreiz für seine überbordend gut ausgebildete Bevölkerung. Ausstudierte Fachkräfte schlagen Karrieren in der Forschung und in staatlichen Einrichtungen aus, weil sie als Kellnerin oder Taxifahrer im Stadtzentrum das Zigfache verdienen. Wenn sie sich nicht gleich entscheiden, das Land zu verlassen; der Wille zum Auswandern unter jungen Kubanerinnen und Kubanern aktuell ist krisenbedingt hoch.

Die Schieflage zeigt sich auch am Wohnraum: Um Kubas Häuser steht es schlecht, Plattenbaustecksysteme aus Osteuropa zur Schaffung neuen und modernen Wohnraums landen schon lange nicht mehr an. Für die alten Kolonialbauten Havannas und insbesondere des UNESCO-Weltkulturerbes Habana Vieja fehlt es an Geld und Material, um die Gebäude vor dem Verfall zu schützen. »Der große Wert, den im Tourismusbereich genutzte Gebäude schöpfen, öffnet eine große Lücke in Sachen Kaufkraft der Bewohner«, schreiben Mireia Carrasco Ferri und María Jiménez Campos in ihrem Beitrag »Habitat Management in Old Havana: Housing Cooperatives as an Urban Resilience Mechanism for Comprehen­sive Rehabilitation and Sustainable Tourism« zu dem 2021 von Bert Hoffmann herausgegebenen Band »Social Policies and Institutional Reform in Post-Covid Cuba«. Auf Kuba gilt das Recht auf Wohnraum, Sanieren muss man sich aber auch hier leisten können.

Zynisches Glück

Bei der Explosion im Hotel »Saratoga« kamen 47 Menschen im Alter zwischen drei und 77 Jahren ums Leben. Nur eines der Opfer, eine 29jährige Spanierin, war keine Einheimische. Statt wie geplant eines der edelsten Hotels Kubas am Folgetag zu eröffnen, wurde landesweit mehr als eine Woche lang getrauert. Zynisch, aber Kubas Tourismusbranche hatte Glück im Unglück: Wären unter den Opfern mehrere Reisegäste gewesen, es hätte das gebeutelte Reisegeschäft der sozialistischen Insel langfristig beschädigt. Am Unfallort gehen derweil die Aufräumarbeiten voran.

Ken Merten schreibt regelmäßig für das Feuilleton von jW und lebt derzeit in Kuba.

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  • Leserbrief von Klaus-Jürgen Hügel aus Kehl ( 8. August 2022 um 14:27 Uhr)
    Im April/Mai bekam ich in mehr als einem halben Dutzend privat betriebener Restaurants in Holguin und Havanna Rechnungen, auf welchen der Endpreis in Peso und (!) in den Devisenwährungen Euro, Kanadischer Dollar und Schweizer Franken ausgedruckt war. Die Devisen-Preise waren allerdings nicht zum offiziellen Umtauschkurs von 25:1 berechnet, sondern etwa 100:1, d. h. DevisenbesitzerInnen haben viermal billiger gespeist. Man konnte auch direkt mit Euro bezahlen, bekommt Restgeld selbstverständlich in Peso zurück. Zumindest, wer in einem privaten Gewerbe legal diese »Regelverletzung« schwarz-auf-weiß dokumentiert, fühlt sich ziemlich sicher vor staatlicher Kontrolle oder gar Strafverfolgung. Bei von mir beobachteten »schwarzen« Tauschaktionen in Straßen und Parks war nirgends Polizei zu sehen, die Transakteure zeigten keinerlei Scheu und hatten – soweit ich dies beurteilen konnte – nichts einzuwenden gegen wenige Zeugen. Tauschende KubanerInnen orientieren sich in ihrer Stadt übrigens an Internetseiten mit angeblich aktuellen Kurstabellen, eine habe ich angesehen und bin mir sicher, dass sie aus den USA kommt. Der von Ken Merten zitierte Wirtschaftsminister Kubas muss den »Schwarzmarkt« natürlich kritisieren, aber Maßnahmen dagegen will/kann er nicht ergreifen. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens die Devisenläden, in denen übrigens nicht mit Cash bezahlt wird, sondern mit einer neuen Debit-Karte, auf welcher nur Devisen gebucht sind. Wer dort einkaufen möchte, braucht Devisen – und besorgt sich ggf. welche. Der zweite Grund folgt aus Überlegungen, deren Resultat zu prüfen wäre. Was tun KubanerInnen mit Devisen – außer in Devisenläden einkaufen zu gehen? Meine kubanischen Freunde in Havanna meinten, Landsleute würden in Kuba Devisen einsammeln, diese ins Ausland bringen, um dann wiederum über Strohmänner auf Kuba Häuser/Appartements zu kaufen. Mag sein, dass das versucht wird, aber größere Bargeldbeträge im Koffer zu schmuggeln, wird allenfalls Diplomaten möglich sein. Man kommt zum Resultat, dass bei allen (!) Formen des Devisentauschs auf Kuba die Devisen beim kubanischen Staat sich einfinden, letztlich auch die »schwarz« getauschten. Es bleibt das Problem, dass der »Schwarzmarkt« dem Staat weniger Devisen einbringt, als nach dem offiziellen Kurs möglich wäre. Aber das ist eine sehr spezielle »Inflation«, und die kubanischen Behörden kommen offenbar zu dem m. E. richtigen Schluss, dass eine Verfolgung des »schwarzen« Devisentauschs sehr aufwendig wäre und der Staat dafür vermutlich einen großen Teil der »schwarz« gewonnenen Devisen unproduktiv einsetzen müsste.

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