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Aus: Ausgabe vom 23.07.2022, Seite 6 / Ansichten

Tretmaschine des Tages: Gorillas

Von Arnold Schölzel
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»Wer rast, gewinnt« (Spiegel): Gorillas schlägt seinen Fahrradkurieren eine Zweiklassengesellschaft vor

Die Zinsen steigen, und die heißesten Geldverbrennungsmaschinen der Welt, im Kapitalpropagandasprech »Startups« betitelt, laufen nicht mehr rund. So geht es auch dem Berliner Lebensmittellieferdienst Gorillas, bekannt durch große Töne seines Chefs Kagan Sümer (»industrieführend«, »hundertprozentige Durchdringung« des Marktes) und besonders miese Arbeitsbedingungen. Denn das ist das Startup-Geschäftsmodell: noch kapitalistischer sein als das Großkapital, d. h. den Ausbeutungsgrad bis zur Sklavenhalterei verschärfen und hoffen, irgendwann mit Apple und Nike gleichzuziehen.

So kündigte es Sümer an, wollte noch im März 630 Millionen Euro frisches Kapital heranschaffen, jetzt beginnt der Rückzug: Laut dem an diesem Sonnabend erscheinenden Spiegel hat er nicht nur 300 Verwaltungsmitarbeiter und 100 Fahrradkuriere hierzulande entlassen, sondern auch Hunderte in Spanien, Italien und Belgien. In Dänemark macht er dicht. Um jeden Preis – wer hätte das im Kapitalismus erwartet – soll auf einmal Profit her. Heißt: Ausbeutungsgrad noch höher schrauben. Laut Spiegel hat also Gorillas dem Betriebsrat den Entwurf einer Betriebsvereinbarung ausgehändigt, die eine Art »Priority Boarding« unter den Fahrradkurieren vorsieht. Schichten würden nicht mehr zwingend von Disponenten vergeben, sondern während strikter Zeitfenster durch die Fahrer selbst gewählt. Kuriere, die zu den schnellsten 25 Prozent gehören, sollen diese Warteschlangen umgehen dürfen und bessere Termine für die Schichtplanung bekommen. Spiegel: »Wer rast, gewinnt.« Optimierte Selbstausbeutung im Hamsterrad. Der Rechtsanwalt des Betriebsrats nennt das »asozial« und symptomatisch: »Wer seinen Fahrern keine höheren Gehälter bieten kann, führt eine Zweiklassengesellschaft ein.« Wird nicht auffallen, gilt in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung überall.

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