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Aus: Ausgabe vom 22.07.2022, Seite 5 / Inland
Verkehrspolitik

Gläserne Bahnfahrer

Verein Digitalcourage verklagt DB-Konzern wegen datengieriger Smartphone-App
Von Ralf Wurzbacher
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Onlineticketbuchung am Bahnhof Hannover

Millionen Bahnfahrer nutzen sie, und seit es das Neun-Euro-Ticket gibt, boomt sie wie nie: die Smartphone-App »DB-Navigator«. Wer sich eine Fahrkarte besorgen oder wissen will, wieviel Verspätung ein Zug hat, welche Anschlussmöglichkeiten es gibt und in welcher Wagenreihung der ICE einfährt – all das lässt sich mit ein paar Klicks erledigen. Aber das Programm kann und macht noch viel mehr, allerdings im Verborgenen. Anhand einer umfassenden Prüfung hat der Bielefelder Verein Digitalcourage »erhebliche Datenschutzprobleme« beim Betrieb des Tools ermittelt. So würden etwa haufenweise Informationen an große Internetkonzerne wie Adobe und Google fließen, gaben die Aktivisten am Mittwoch in einer Medienmitteilung bekannt. Aufgrund der Praktiken werde man gegen die Deutsche Bahn Klage einreichen.

Bahnfahren gehöre zur Grundversorgung, und »diese App nimmt dabei eine wichtige Stellung ein«, erklärte Julia Witte von Digitalcourage. Dass sie allerdings massenhaft personenbezogene Daten weitergebe, sei ein »unakzeptabler Übergriff«. Die zahlreichen Sicherheitslücken hatte der IT-Sicherheitsforscher und Blogger Mike Kuketz schon im April analysiert. Dabei fand er zum Beispiel heraus, dass die App sogenannte Cookies auf dem Handy plaziere und Verbindungen zu Dritten herstelle, noch ehe den Nutzern die verschiedenen Optionen zur Auswahl gestellt werden. Kuketz fragt sich außerdem, warum die Deutsche Bahn persönliche Reisedaten nicht selbst aufbereite, sondern dies Drittanbietern überlässt.

Auch die Stiftung Warentest hat den »DB-Navigator« untersucht und ein »kritisches Datensendeverhalten« beanstandet. Für besonders bedenklich halten die Verbraucherschützer, dass die App Daten an das international agierende Unternehmen Adform mit Sitz in Dänemark verschickt. Dieses vermittelt weltweit maßgeschneiderte Werbung an seine Kunden. In den Datenschutzbestimmungen zur App ist in diesem Zusammenhang von »pseudonymisierten Nutzerprofilen« die Rede, »um gezieltere, nutzungsbasierte Onlinewerbung auszusteuern«. Dafür würden Cookies mit Google, Doubleclick und anderen Plattformen synchronisiert.

Der auf IT- und Datenschutzrecht spezialisierte Anwalt Peter Hense hält diese Praktiken für rechtswidrig. Für den Abruf von Zugverbindungen und die Buchung von Tickets sei die Weiterverwertung persönlicher Daten der Reisenden zu Analyse- und Marketingzwecken nicht »unbedingt erforderlich«, befand er. Überdies entziehe sich die DB ihrer Verpflichtung, die Nutzer um eine »informierte Einwilligung bitten zu müssen«. Die Bahn greife bei den Daten ihrer Fahrgäste »frech zu, obwohl sie höflich fragen müsste«. Hense sieht darin einen »klaren Verstoß« gegen das Telemediengesetz und die EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO).

Gemeinsam mit Kuketz und Digitalcourage hatte der Jurist die Konzernführung Ende April in einem offenen Brief aufgefordert, die Mängel zu entfernen, und dafür eine Frist von zwei Monaten eingeräumt. »Vor dem Hintergrund der marktbeherrschenden Stellung der Deutschen Bahn fallen die aufgedeckten Datenschutzverstöße um so mehr ins Gewicht, weil sie Millionen von Menschen betreffen«, heißt es in dem Schreiben. Allein im Google Play Store wurde der »DB-Navigator« mittlerweile mehr als zehnmillionenmal abgerufen. Eine Vielzahl der Downloads dürfte in den zurückliegenden zwei Monaten erfolgt sein, um das Neun-Euro-Ticket zu erwerben. Seit Verkaufsstart Anfang Juni hat sich vergünstigte Fahrkarte für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) weit über 20 Millionen Male verkauft.

In ihrer Antwort auf den Brief hat die Bahn deutlich gemacht, am Einsatz der Tracker nichts ändern zu wollen. Auch nach Befund der Stiftung Warentest wurden seither keine entsprechenden Anpassungen vorgenommen. Aufgrund dieser Untätigkeit werde man nun die Klage vorbereiten, erklärte Digitalcourage.

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