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Aus: Ausgabe vom 21.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Jazz

Die Probleme der Welt

Kämpferische Töne: Moor Mothers sechstes Album »Jazz Codes«
Von Hannes Klug
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»Sing the song, Lady, sing the song« – Moor Mother (Roskilde, 2022)

Moor Mother hat sich nie groß drum geschert, welches Etikett ihrer Musik angeheftet wird. Das liegt auch daran, dass sie schwer einzuordnen ist: Zu experimentell sind ihre vielschichtigen Klangcollagen, über denen nicht weniger rätselhafte Texte liegen – gesprochene, oft bruchstückhafte Zeilen, die nach allen Seiten für Interpretationen offen bleiben. Dabei verbindet ihre Texte aber immer diese unmissverständliche Haltung: eine Stimme aus der Welt der Benachteiligten und Unterprivilegierten zu sein, die wie sie aus den »Projects« kommen, jenen sozialen Wohnanlagen für die arme, meist schwarze Bevölkerung der USA, in denen auch Camae Ayewa, die sich später Moor Mother nannte, aufgewachsen ist.

In diesem Sinne ist Moor Mothers neues Album »Jazz Codes« auch ein Bekenntnis zu einem Genre, dessen Tradition sie sich verbunden fühlt: in »Woody Shaw« etwa, gewidmet dem Jazztrompeter, der mit 44 Jahren einen tragischen Tod erlitt. In »April 7th« oder »Ode to Mary« ranken sich freigeistige Bläser- oder Pianoimprovisationen um elektronische Klänge, unterfüttert von einem dezenten rhythmischen Fundament. »Sing the song / Lady, sing the song / Sing the song / Let them know, let them know«, lautet das Mantra Moor Mothers, die ihre Botschaften nie plakativ vor sich her trägt, sondern immer in individuelle Erfahrung kleidet. Gleichwohl setzt sie darauf, dass ihre Zeilen auch im Außen widerhallen, jenseits der eigenen Lebenswelt. Denn die Probleme ihrer Community in Philadelphia, davon ist die Aktivistin überzeugt, sind auch die Probleme der Welt, ganz egal, wo man sich befindet: Wohnungsnot, Drogenmissbrauch, Diskriminierung, häusliche Gewalt, you name it.

Manchmal, wie auf »Golden Lady« oder »Dust Together«, findet Moor Mother die Ruhe für süffige Soultöne, die freilich nie zu süßlich werden dürfen – dafür ist die Welt zu sehr von Widersprüchen durchdrungen. In den 18 Songs ist – in punk-inspirierter Kürze – neben den Jazzklängen, die das grundsätzliche musikalische Thema stiften, Platz für zahllose Einflüsse: für die kämpferischen ebenso wie die spielerischen Parolen des HipHop auf »Rap Jasm« (mit Zitat von Outkast), den Blues auf »Blues Away« oder Drum ’n’ Bass in »Barely Woke«, ein leicht entflammbares Stück übrigens, in dem sie unumwunden einen »State of emergency« ausruft.

»Will we ever reach our dreams? / Or get shot by a cop or fiend / I don’t wanna die today, gotta find another way / All eyes on me, I won’t run away, I got something to say«, erklärt Moor Mother ihre eigene Unerschütterlichkeit. Und ist dabei doch fest verwurzelt in organisch gewachsenen, kollektiven Zusammenhängen – der interdisziplinären Arbeit mit Rasheedah Phillips im queeren Duo Black Quantum Futurism und den Kollaborationen mit ihren Mitstreiterinnen und Mitsreitern des ­Jazzkollektivs Irreversible Entanglements.

Moor Mother erobert nach und nach die Bühnen der Welt, wenngleich ihre komplizierten, noise-­lastigen Arrangements zunächst nicht unbedingt mehrheitsfähig scheinen. Kann sein, dass bei ihrer wachsenden Popularität auch die Sehnsucht eines politisch korrekten Publikums nach Authentizität eine Rolle spielt. Aber wen stört das angesichts so kühner, kämpferischer Klangwelten?

Moor Mother: »Jazz Codes« (Anti/Indigo)

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