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Aus: Ausgabe vom 20.07.2022, Seite 2 / Inland
Trockenheit auf dem Acker

»Es ist zu früh für katastrophale Stimmung«

Witterungsbedingungen und Ökoauflagen setzen Bauern zu. Es drohen Ertragseinbußen bei der Getreideernte. Ein Gespräch mit Bernhard Barkmann
Interview: Oliver Rast
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Bei anhaltender Dürre dürfte die Weizenernte deutlich geringer ausfallen (Bad Friedrichshall, 17.7.2022)

Dürre, Hitze, fehlende Niederschläge: Zahlreichen Landwirten in Deutschland machen die hohen Temperaturen arg zu schaffen. Die Situation ist regional aber sehr unterschiedlich. Mit welchem Ertrag aus der Getreideernte rechnen Sie in diesem Jahr?

Bisher habe ich nur die Wintergerste geerntet. Der Ertrag war überdurchschnittlich und von wirklich guter Qualität. Dagegen leidet die Triticale, also die Kreuzung aus Roggen und Weizen, und der Weizen selbst stark unter der anhaltenden Trockenheit. Zudem der Mais, den ich noch im Anbau habe. Unter dem Strich sieht es ertraglich schlechter aus als sonst. Ich rechne mit unterdurchschnittlichen Erträgen, aber da mich die Gerstenernte positiv überraschte, habe ich die Hoffnung, dass es am Ende dann doch besser ausfallen könnte.

Woran werden Sie letztlich Erfolg oder Misserfolg messen?

Am Mais. Der wird zwischen September und November geerntet. Konkret der Silomais im September, das heißt die ganze Pflanze als Maissilage. Das ist dann das Grundfutter für meine Mastbullen. Und der Körnermais bzw. der sogenannte Corn-Cob-Mix, CCM, im Oktober und November. CCM ist ein Gemisch bestehend aus gehäckselter Spindel und gehäckseltem Kolben vom Mais – und wiederum das Futter für meine Mastschweine. Der Mais befindet sich jetzt in vollem Wachstum bzw. sollte aktuell kräftig wachsen. Die Pflanze benötigt derzeit ordentlich Wasser, um die ertragsentscheidenden Korn- und Kolbenanlagen auszubilden. Die konstante Dürre macht mir Sorgen. Aber der eine oder andere Gewitterschauer kann das Blatt noch wenden. Deshalb ist es für Katastrophenstimmung noch zu früh.

Wann wäre die ökonomische Situation für Sie akut? Höfe sterben schließlich im Tagestakt.

Stimmt. Existenzgefährdend wird es für mich, wenn die Maisernte schlecht ausfällt und mir die Futtergrundlage für die Bullen fehlt. Fällt die Ernte insgesamt mies aus, muss ich mehr Kraftfutter für meine Schweine zukaufen. Das ist möglich, weil leicht zu transportieren im Gegensatz zur Silage, aber schmälert, logisch, das Ergebnis. Ein weiterer Faktor ist, dass eine gute Ernte weltweit die Futterkosten insgesamt sinken lassen könnte und die Nutztierhaltung, besonders die Schweinehaltung, wieder wirtschaftlicher wäre.

Die Landwirte, die auf Ackerbau spezialisiert sind, profitieren zur Zeit von den historisch hohen Erzeugerpreisen. Trotzdem, die Verunsicherung ist groß, weil die Kosten für Betriebsmittel wie Dünger, Pflanzenschutz, Diesel, aber auch Maschinen stark gestiegen sind. Falls die Kurse für Raps und Getreide einbrechen für die Ernte 2023, drohen hier riesige Verluste.

Einige Bauernverbände kritisieren die Auflagenlast seitens der EU für Landwirte. Wie sehen Sie das – und welche Auflagen sind besonders hinderlich für hohe Ertragsquoten?

Auflagen bedeuten für Bauern meistens höhere Kosten, die dann den finanziellen Ertrag schmälern, im schlechtesten Fall die Wettbewerbsfähigkeit mindern. Aber es gibt auch Auflagen, die die Ertragspotentiale reduzieren. Hier machen mir die Düngeeinschränkungen in den nitratbelasteten, sogenannten roten Gebieten die meisten Bedenken. Ich liege mit meinen Ackerflächen zu fast 100 Prozent in einem solchen Gebiet und darf nur unter Pflanzenbedarf düngen. Ziel ist die Senkung der Nitratwerte. Diese Maßnahme beruhigt vielleicht die EU-Kommission in Brüssel, aber die Nitratwerte werden dadurch nicht gesenkt. Sinken werden dafür Qualität und Erträge der Erntegüter. Und durch die Unterdüngung dürfte die Konsequenz der Humusabbau im Boden sein, weil durch Mineralisation im Boden Dünger freigesetzt, wertvoller Humus dafür aber abgebaut wird.

Und was ist aus Ihrer Sicht noch problematisch?

Künftig die obligatorische Flächenstillegung von vier Prozent der Ackerfläche eines Hofes. Dies wird zwangsläufig zu weniger Erträgen führen. Sicherlich nicht zu minus vier Prozent, weil die Bauern eher die schlechten Standorte zur Quotenerfüllung nehmen werden. Dennoch, es wird weniger Potential geben. Klar, diese Maßregel soll gut für die Artenvielfalt sein. Dafür soll es dann Ausgleichszahlungen geben. Ob diese für alle Betriebe ausreichen, wird sich zeigen. Hier im Nordwesten werden einige Betriebe diese gar nicht erst beantragen, weil die Kosten für eine Stillegung und weitere Auflagen die Ausgleichszahlungen übersteigen.

Bernhard Barkmann ist Agrarblogger und kleinbäuerlicher Massentierhalter aus dem Emsland (blogagrar.de)

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