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Aus: Ausgabe vom 19.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Rock

Beggars Banquet

Rotwein im Wiener Prater mit Livemusik von den Rolling Stones
Von Eileen Heerdegen
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Gspritzter für 4,50? Die Stones als Inflationstreiber (Wien, 15.7.2022)

»Na, dees is gscheit!« – die Frauen in den roten Streckfauteuils mit Almdudler-Logo würden glatt applaudieren, müssten sie nicht ihre sündteuren Getränke in den im Original-Stones-Sixty-Design gestalteten Plastikbechern festhalten. Ihre bewundernden und vielleicht auch ein wenig neidischen Blicke gelten der Flasche Rotwein, die wir vorausschauend, aber immerhin auch schwer im Rucksack drückend, am Riesenrad vorbei durch Wurschtl- und grünen Prater geschleppt haben.

Normalerweise bietet jeder Wiener Würstlstand halbwegs trinkbaren Wein, das Achtel oft schon für 1 Euro 10. Hier und heute sind die Preise mit handgeschriebener Phantasie überklebt. 4,50 für einen Gespritzten (wir Piefke sagen: Schorle), die Dose Ottakringer zum Preis eines Sixpacks. Wer ist schuld? Alte weiße Männer. Konkret Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und Neu-Drummer Steve Jordan – die berühmteste Rockband alive: The Rolling Stones.

Über 50.000 Menschen können und wollen sich das Erlebnis im Prater-Stadion zu Preisen zwischen 130 und ca. 700 Euro gönnen (ein Schnäppchen, in der Berliner Waldbühne geht’s bei 425 Euro erst los). Für andere ist schon lange Schluss mit lustig, sie durchsuchen die in vorbildlicher Menge vorhandenen Müllcontainer und bitten um die Spende der Pfandbecher.

Zum Helene-Fischer-Konzert hätte ich vor Jahren weit entfernt im 3. Bezirk atemlos durch die Nacht mittanzen können, sofern ich das auch nur ansatzweise gewollt hätte, laut genug war’s. Mit der daraus geborenen Idee, ein Stones-Konzert zwar mit deutlicher Sichteinschränkung, aber immerhin live zu erleben, bin ich an diesem Freitag abend im Prater nicht allein. Gründe, Vergnügungen kreativ handhaben zu müssen, gibt es (für) viele. Von ganz jung bis Künstlerjahrgang sind nicht wenige offensichtliche Hardcorefans dabei, manche hocken direkt auf dem Asphalt des Vorplatzes, Hauptsache möglichst wenige Meter zwischen ihnen und der Band. Es geht los, und juhu, man kann die Songs deutlich und gut hören. »Street Fighting Man« – passend dazu patrouilliert eine kleine Polizeigruppe in Kampfuniform. Noch ein paar Mal an diesem Abend, stets an den merkwürdig eckigen Bewegungen auch später im Dunkel erkennbar. Brezelverkaufswagen werden hin- und hergeschoben, die nimmermüde Müllabfuhr sorgt für Ordnung, und eine Frau in Hellblau tanzt ununterbrochen. Ein junger Mann lässt sich durch die Musik nicht bei der Arbeit am Laptop stören, einer mit grauem Zopf und Hard-Rock-Café-Shirt sucht Kontakt zu diversen Nebensitzenden. Die Stones lassen sich nicht lumpen und servieren alles, was gut und teuer ist. Sogar Dylans »Like a Rolling ­Stone«, und bei »You Can’t Always Get What You Want« blitzt kurz Wehmut auf, es wäre doch ganz schön gewesen, das Duracell-Äffchen in Aktion zu sehen. Egal – beim finalen »Satisfaction« hält es drinnen wie draußen niemanden mehr auf den Sitzen. Und dann: atemlos durch die nächtliche Prater-Hauptallee.

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