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Aus: Ausgabe vom 19.07.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Landwirtschaftspolitik

Dürre und Hitze

Getreideernte: Deutscher Bauernverband erwartet deutliches Ertragsminus. Katastrophenstimmung indes verfrüht
Von Oliver Rast
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Staubtrocken: Aus zahlreichen Böden gerade in Ostdeutschland ist wenig herauszuholen

Die Prognosen werden beinahe im Wochentakt gesenkt: Trockenheit und Hitze fordern ihren Tribut, die Getreideernte dürfte sich hierzulande verringern, in einigen Regionen erheblich. Darauf verwies der Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), Joachim Rukwied, am Montag in einer Meldung via Kurznachrichtendienst Twitter. Unter den klimatischen Bedingungen habe nicht nur die Getreideernte »massiv gelitten«, auch die Futtergewinnung auf dem Grünland. Ferner würden Kulturpflanzen im Ackerbau wie Silomais oder Kartoffeln aufgrund hoher Temperaturen sprichwörtlich daniederliegen. »Wenn es in nächster Zeit keine Niederschläge geben sollte, wird es hier zu großen Einbußen kommen«, warnte Rukwied.

Bereits Ende Juni hatte der DBV einen Ertrag bei der Getreideernte für das laufende Jahr in Höhe von rund 41,2 Millionen Tonnen prognostiziert. Damit liegen die Erwartungen deutlich unter dem Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2020 (44,2 Millionen Tonnen) und auch drei Prozent unter dem Vorjahresergebnis (42,3 Millionen Tonnen), wie das Fachportal Agrar heute Ende Juni errechnet hatte.

Ernteausfälle sind kein »deutsches Problem«, Agraranalysten und Bauernverbände erwarten diese EU-weit. Erträge bei Weizen, Gerste und Mais würden teils in »atemberaubendem Tempo zusammenschrumpfen«, berichtete Agrar heute am vergangenen Freitag. Hinzu kämen die kriegsbedingten Unsicherheiten bei Getreideimporten aus der Ukraine in die EU. Das Land sei schließlich unter den Top ten der wichtigsten Getreideproduzenten weltweit. Die Situation scheint sich indes zu normalisieren, etwas zumindest. Die Ukraine exportiere mittlerweile wieder zirka 1,7 Millionen Tonnen Weizen pro Monat. Vor Kriegsbeginn seien es fünf Millionen Tonnen gewesen, wurde Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) am Sonntag auf dem Finanzportal capital.de zitiert.

Und: Wie sieht die Ertragslage aktuell in hiesigen Landstrichen aus? Nun, für eine Katastrophenstimmung sei es »noch zu früh«, sagte Bernhard Barkmann am Montag zu jW. Der eine oder andere Gewitterschauer könne das Blatt noch wenden, bemerkte der Agrarblogger und kleinbäuerliche Massentierhalter aus dem niedersächsischen Emsland. Richtig sei aber, der Triticale – eine Kreuzung aus Roggen und Weizen – und den Weizenkörnern mache die anhaltende Dürre schwer zu schaffen. Die Erträge bei der Gerste seien hingegen überraschend gut. Unter dem Bilanzstrich komme es auf die Maisernte an, die zwischen September und November eingeholt werde. Falle jene mies aus, »wird das für mich existenzgefährdend«, zumal dann die Futtergrundlage für seine Mastbullen wegfallen würde und Nahrung für die Tierbestände teuer hinzugekauft werden müsste. Eine finanzielle Zusatzbelastung, die zahlreiche Höfe kaum allein stemmen könnten.

Vom Nordwesten zum Nordosten. Die Gerstenernte sei gerade erst durch, sagte Heike Müller, Vizepräsidentin des Bauernverbands Mecklenburg-Vorpommern, am Montag im jW-Gespräch. Und das Ergebnis? »Durchschnittlich, aber erfreulich.« Zugleich schränkte Müller ein: Die seitens der Wetterdienste angekündigten Hitzetage würden zuvorderst dem Sommergetreide, also etwa Mais und Hafer, arg zusetzen. Ein Kernproblem: Infolge der jahrelangen Dürreperioden insbesondere im Osten der Republik sind die Wasservorräte im Boden nach wie vor viel zu gering. Martin Schulz ergänzte gleichentags gegenüber dieser Zeitung: »Die Weizenernte war schon im vergangenen Jahr schlecht.« Die Folgen des Klimawandels bekämen Landwirte »immer mittelbarer zu spüren«, sagte der Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) auf Nachfrage.

Für Maike Schulz-Broers seien Aussagen zu Ertragshöhen und Niederschlagswahrscheinlichkeiten gegenwärtig »rein spekulativ«. Regional viel zu unterschiedlich wären die Witterungsbedingungen, sagte die Vorsitzende der Landwirteorganisation »Land schafft Verbindung« am Montag gegenüber jW. Auch das Bundeslandwirtschaftsministerium von Özdemir will gegenüber jW nichts prognostizieren, keine »modellhaften Annahmen« verlautbaren lassen. Es verweist lieber auf den ministeriellen Erntebericht, der »wie gewohnt Ende August veröffentlicht wird«.

Bis dahin sind es noch sechs Wochen; Zeit also für wenigstens ein weiteres halbes Dutzend neuer Vorhersagen von Agraranalysten und Verbandsvertretern zu potentiellen Erträgen bei der Getreideernte.

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