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Aus: Ausgabe vom 19.07.2022, Seite 1 / Titel
CO2-Ausstoß

Klimarettung war gestern

Petersberger Dialog: Internationale Ziele gegen Erderwärmung rücken in weite Ferne, Krieg gegen Russland hat Priorität
Von Sebastian Edinger
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Dreckschleudern wieder exzessiv betrieben: Laut Umweltorganisation WWF steht das RWE-Braunkohlekraftwerk Neurath (NRW) auf dem siebten Platz der schmutzigsten Kraftwerke in der EU

An starken Worten mangelte es nicht, als Außenministerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) am Montag in Berlin den Petersberger Klimadialog eröffnete. Der »Elan beim Ausbau der Erneuerbaren« lasse nicht nach, die Anstrengungen würden noch verstärkt, man halte am »1,5-Grad-Ziel« fest. Klar ist aber auch: Wenn es darum geht, die geopolitischen Interessen des Westens durch eine weitere Befeuerung des Ukraine-Kriegs voranzubringen, rückt die Klimarettung in der Prioritätenliste weit nach unten.

Dass die Kohlekraftwerke nun wieder hochgefahren werden, lasse sich halt nicht vermeiden, es gehe ja nur um eine »Notreserve«, so Baerbock. Auch Öllieferungen aus Katar und Frackinggas aus den USA sind da opportune Mittel, um der russischen Führung zu zeigen, wo der Hammer hängt. Auch ernsthafter Widerspruch der Grünen-Führung zur durch die EU vorgenommenen Einstufung von Atomenergie als klimafreundlich bleibt aus. Wir verheizen, was wir kriegen können – solange es nicht aus Russland kommt.

Der 2010 von der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ins Leben gerufene Klimadialog dient der Vorbereitung der Weltklimakonferenz, die nächstes Mal Anfang November im ägyptischen Scharm El-Scheich stattfinden soll (COP 27). Der Außenminister des Gastgeberlandes, Samih Schukri, will den Ukraine-Krieg nicht als Ausrede gelten lassen, »um frühere Zusagen nicht mehr einzuhalten, vor allem was die Unterstützung der Entwicklungsländer anbetrifft«, wie er am Montag in Berlin betonte. Das entscheidende Jahrzehnt habe begonnen, deshalb sei es wichtig, »rasch zu handeln und sicherzustellen, dass der Klimaschutz weiterhin ganz, ganz oben auf der internationalen Tagesordnung bleibt«. UNO-Generalsekretär Antonió Guterres ergänzte in Berlin mit drastischen Worten: »Wir haben die Wahl. Entweder handeln wir zusammen oder wir begehen kollektiven Suizid.«

Zuletzt hatten sich die beteiligten Staaten im November im Rahmen des Klimagipfels in Glasgow (COP 26) dazu bekannt, die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen und dazu ihre nationalen Klimaziele bis spätestens zum Jahresende nachzuschärfen. Der britische Politiker und COP-26-Präsident Alok Sharma zog in Berlin jedoch eine ernüchternde Bilanz: »Viele der Versprechungen, die wir gemacht haben, oder die, auf die wir uns verständigt haben, sind einfach nur Worte, Papier«.

Im Ergebnis des Schaufensterdialogs in Berlin, der an diesem Dienstag zu Ende geht, dürften einmal mehr Lippenbekenntnisse zu zukünftigen Zielen stehen, ohne dass hinterher entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Derweil nehmen Hitzewellen, Dürren und sonstige Extremwetterereignisse drastisch zu. Im globalen Süden, insbesondere in Ostafrika, verschärft sich die Hungerkrise rasant – zusätzlich befeuert durch Waffenlieferungen, die den Ukraine-Krieg in die Länge ziehen.

Auch in Deutschland steigen die vom Klimawandel verursachten Schäden. So zeigt eine aktuelle Studie, die das Wirtschaftsministerium herausgegeben hatte, dass die entsprechenden jährlichen Kosten seit 2000 im Durchschnitt bei 6,6 Milliarden Euro lagen. In den letzten Jahren lagen die Schadenssummen demnach jedoch deutlich höher – etwa bei 40,5 Milliarden durch die Extremhochwasser 2021 oder bei 34,9 Milliarden durch die Hitze- und Dürresommer 2018 und 2019. Die realen Kosten liegen ohnehin weit über diesen Zahlen, schließlich lassen sich viele Schäden wie der Verlust an Biodiversität nicht in Geld berechnen.

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  • Leserbrief von Lothar Böling aus Düren (19. Juli 2022 um 11:03 Uhr)
    Das ist mal wieder typisch! Große Töne zu spucken – man halte am »1,5-Grad-Ziel« fest – hat mal wieder Hochsaison. »Die Industrieländer haben eine besondere Verantwortung«, erklärte man lauthals. Und: »Die Klimakrise ist mittlerweile das größte Sicherheitsproblem für alle Menschen auf dieser Erde«, tönte Außenministerin Annalena Baerbock. Siehe »Klimakrise ist größtes Sicherheitsrisiko« bei Tagesschau.de v. 18.7.2022 (www.tagesschau.de/inland/petersberger-dialog-klimakrise-103.html). Die Wahrheit ist allerdings eine andere. Bestes Beispiel: die Ukraine. Wenn doch die Klimakrise »das größte Sicherheitsproblem für alle Menschen« ist, warum fördert man sie dann mit Milliarden? Denn mittels Waffenlieferungen an die Ukraine wird der Klimawandel extrem beschleunigt. Die Waffenlieferungen stärken nämlich einen völlig sinnlosen Widerstand, der eine gewaltige Zerstörung der Ukraine zur Folge hat. Zehntausende könnten noch leben, nichts wäre zerstört worden, wenn die Ukraine keinen Widerstand leisten würde. Eine jede Investition in Rüstung, jeder militärische Konflikt, die Zerstörung ganzer Länder beschleunigen schließlich die todbringende Erderwärmung. Allein die Kosten für den Wiederaufbau der Ukraine belaufen sich bereits auf 720 Mrd. Euro. Und hierbei handelt es sich um Schäden, für die allein die NATO mit ihrer Osterweiterung verantwortlich ist. Ein jeder Wiederaufbau erfordert große Mengen fossiler Energie (Kohle, Öl, Gas), die verbrannt werden müssen, um den hierfür notwendigen Stahl, Zement, Steine usw. herstellen zu können. All dies hätte verhindert werden können, wenn die Ukraine – wie von Russland gefordert – den Beschuss der Zivilbevölkerung des Donbass am 24.2.2022 beendet hätte. Dies aber wollte man nicht. Was also nützt da alles Geschwätz von Klimaschutz, wenn so verbrecherisch gehandelt wird?
  • Leserbrief von Ullrich-Kurt Pfannschmidt (19. Juli 2022 um 10:27 Uhr)
    Bilder wie das obige ärgern mich jedes Mal, denn nichts ist so, wie es auf dem Bild erscheint! Klar, mancher kriegt einen Riesenschreck bei den mächtigen Wolken, die den Himmel so verdunkeln, dass die Landschaft fast in Nacht versinkt (außerdem wurde wohl nach Sonnenuntergang fotografiert). Nicht jeder weiß, dass aus den Kühltürmen Wasserdampf entweicht, und die so entstehenden Wolken sich nicht von »normalen« Wolken unterscheiden. Das eigentliche Problem sind die klimaschädlichen Abgase (z. B. CO2), und die wiederum sind unsichtbar! Natürlich ändert das nichts an der Notwendigkeit, die Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen zu beenden. Aber, liebe Freunde von der jW, vermeidet Bilder, die einen falschen Eindruck erwecken!
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christopher K. aus Minden (19. Juli 2022 um 17:09 Uhr)
      Nun ja, die Wasserdampfwolken hier stehen für die gigantische Menge an Abwärme, die bei der Produktion von elektrischem Strom aus fossilen Energien entstehen (und nebenbei auch bei Atom-/Kernenergie). »Auch nicht ganz unbedeutend« – d. h. genau das fürs Klima: ganz schlecht. Die (zusätzlich zu den »normalen«) entstehenden Wolken verhindern/verringern die Abstrahlung der Wärmeenergie (ursprünglich: in organischer Masse langfristig gespeicherte Sonnenenergie) ins Weltall …
  • Leserbrief von Holger K. aus Hessen (18. Juli 2022 um 21:51 Uhr)
    Es macht sich immer gut, über einen einzulösenden Klimaschutz zu schwadronieren, so was ist nun mal werbewirksam und beeindruckt beachtliche Teile des eher ahnungslosen deutschen Publikums und sicher auch das diverser anderer Staaten. Auf jeden Fall können bis dato damit die Grünen punkten. Ob sie das demnächst immer noch können, darf angezweifelt werden, denn das nun einsetzende »goldenes Nichts« sowie das »silberne Warteweilchen«, wie es in der Geschichte vom »Ländchen Vaduz« persiflierend von einem renommierten Romantiker dargestellt wurde, macht sich langfristig denn doch nicht bezahlt, schließlich muss irgendwann »geliefert werden«, ist Kassensturz angesagt. Und genau da sind dann leere vorgestreckte Hände »im Angebot«.

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