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Aus: Ausgabe vom 13.07.2022, Seite 4 / Inland
Folgen von Krieg und Klimakrise

Dramatische Verschlechterung

Welthungerhilfe legt Jahresbericht 2021 vor. 828 Millionen Menschen haben zu wenig zu essen
Von Kristian Stemmler
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Messbarer Mangel: Schwer unterernährtes Kleinkind in einer somalischen Klinik (Baidoa, 29.6.2022)

Bereits vor der russischen Invasion der Ukraine Ende Februar hungerten vor allem in den Ländern des globalen Südens rund 300 Millionen Menschen. Jetzt treffen die ausbleibenden Weizenlieferungen aus der Ukraine besonders die krisengeschüttelten Länder südlich der Sahara hart. Die ehemalige Sowjetrepublik war nach Russland, Australien, den USA und Kanada zuletzt fünftgrößter Weizenexporteur der Welt. Am Dienstag hat die Welthungerhilfe bei der Vorstellung ihres Jahresberichts für 2021 in Berlin Alarm geschlagen und vor einer Verschärfung der Hungerkrisen über die unmittelbaren Folgen des Ukraine-Kriegs hinaus gewarnt.

Während die Zahl der Hungernden steige, explodierten die Nahrungsmittel- und Transportpreise, erklärte die Hilfsorganisation. Der Krieg in der Ukraine verschärfe »die ohnehin dramatische Ernährungslage«. Jedoch gebe es seit Jahren grundsätzliche Probleme im System der weltweiten Ernährung. Abhängigkeiten müssten reduziert werden. Gegenwärtig hungern der Organisation zufolge etwa 828 Millionen Menschen weltweit. Das Problem stecke auch im System selbst, es brauche einen Kurswechsel, forderte die Welthungerhilfe.

Man blicke auf ein Jahr zurück, in dem sich die weltweite Ernährungslage noch einmal dramatisch verschlechterte, sagte die Präsidentin der Organisation, Marlehn Thieme, am Dienstag in Berlin. Die neuesten Zahlen seien ein »Weckruf an die gesamte Welt«. Auch ein aktueller UN-Bericht zeige deutlich, dass sich ein bereits vor der Coronapandemie und vor dem Ukraine-Krieg erkennbarer Trend fortgesetzt habe und die Zahl Hungernder wieder steige. Die Nahrungsmittelpreiskrise von 2011 sei ein Warnsignal gewesen, auf das zu reagieren versäumt worden sei.

Dem vorgelegten Jahresbericht zufolge seien zuletzt bei der Bekämpfung des Hungers in der Welt kontinuierlich Verbesserungen verzeichnet worden. Jener Trend kehre sich jedoch seit 2014 um. Im vergangenen Jahr seien die Preise für Lebensmittel weltweit teils um 28 Prozent gestiegen. »Durch den Krieg in der Ukraine hat sich die Situation weiter zugespitzt«, sagte Thieme. Besonders Länder wie Jemen, Afghanistan und Südsudan würden das zu spüren bekommen. Aber auch in von Dürre geplagten Gegenden wie Madagaskar und Ostafrika hätten sich die Auswirkungen der Erderwärmung gezeigt, heißt es im Bericht der Welthungerhilfe. Weiterhin größter Treiber für Hunger seien allerdings bewaffnete Konflikte. In acht von zehn Ländern mit einer sehr ernsten oder gravierenden Hungersituation sei dies der Fall, so etwa in Äthiopien oder dem Südsudan.

Bei ihrem jüngsten Treffen einigten sich die Staats- und Regierungschef der sieben größten westlichen Länder (G7) darauf, einmalig umgerechnet rund 4,5 Milliarden Euro in den Kampf gegen den Welthunger zu stecken. Marlehn Thieme zufolge werden global aber zusätzliche 14 Milliarden US-Dollar bis 2030 benötigt, um das Ziel, 500 Millionen Menschen vom Hunger zu befreien, erreichen zu können. Es brauche zudem »eine grundlegende Veränderung unseres Ernährungssystems«, so Thieme. Nur wenn Nahrungsmittel vom Acker zum Teller »ökologisch, nachhaltig und unter sozial tragfähigen Bedingungen« produziert würden, könne die Hungerbekämpfung gelingen.

Aktualisierung vom 13. Juli 2022: In einer vorherigen Version betrug die Zahl der weltweit hungernden Menschen 811 Millionen. Diese entstammt dem Jahresbericht 2021 der Welthungerhilfe. In einer Mitteilung nennt die Organisation jedoch 828 Millionen, nachdem aktuelle Zahlen der Vereinten Nationen berücksichtigt worden seien.

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