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Aus: Ausgabe vom 15.07.2022, Seite 12 / Thema
Rohstofffrage

Erdöl aus Kurdistan

Über die Ceyhan-Kirkuk-Pipeline könnte Öl nach Europa gelangen. Der türkische Krieg und die deutsche Energiepolitik
Von Tim Krüger
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Jährlich 19,9 Millionen Tonnen Rohöl könnten aus dem Nordirak über die Türkei nach Europa geleitet werden – Ölfeld bei Kirkuk (18.10.2017)

Am 17. April 2022 hat die türkische Armee mit einer breit angelegten Invasion in Südkurdistan begonnen. Zehntausende Soldaten und militärisches Gerät sind in Bewegung versetzt worden. Die Truppen versuchen seitdem in die abgelegenen Bergregionen im Norden des Irak vorzudringen. Das türkische Verteidigungsministerium erklärt, Ziel der Operation »Schlosskralle« sei es, die Bewegungsfreiheit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), der das unwegsame Gelände im Norden der Autonomieregion Kurdistan als Rückzugsort und Ausbildungsstätte dient, einzuschränken und die Guerillaverbände der »Volksverteidigungskräfte« (HPG) von der türkischen Grenze zu vertreiben. Es ist kein Novum, dass Ankara versucht, die Besatzungspolitik in den benachbarten Ländern mit dem vermeintlichen »Kampf gegen den Terrorismus« zu legitimieren. Unter dem Deckmantel von »Spezialoperationen« und »Antiterroreinsätzen« hat sich die Türkei seit 2016 weite Teile Syriens einverleibt und den Norden des Irak mit Dutzenden Stützpunkten und Militärlagern überzogen. Dass es der Türkei bei ihren wiederkehrenden Überfällen auf die Nachbarländer bei weitem nicht um den Schutz ihrer »legitimen Sicherheitsinteressen« geht, sondern das militärische Vorgehen fester Bestandteil einer aggressiven Expansionspolitik ist, wird mittlerweile auch von zahlreichen bürgerlichen Beobachtern hierzulande anerkannt.

Es liegt auf der Hand, dass es der politischen Führung in Ankara vor allem darum geht, die politischen Errungenschaften des kurdischen Volks zunichte zu machen und seine regionale Vormachtstellung durch Gebietsgewinne und Annexionen neuer Territorien zu festigen. Die Autonome Selbstverwaltung im Norden Syriens, welche der kurdischen Bevölkerung in Westkurdistan (Rojava) zum ersten Mal die Möglichkeit gab, ihre Geschicke in die eignen Hände zu nehmen, sowie der verfassungsrechtlich gesicherte Status der Autonomieregion Kurdistan im Nordirak waren dem Regime von Präsident Erdogan seit jeher ein Dorn im Auge. Auch wenn die Türkei und die südkurdische Regierungspartei KDP heute ein enges Verhältnis und besonders lebhafte wirtschaftliche Beziehungen pflegen, so sollte dennoch nicht vergessen werden, dass sich die offiziellen Stellen der Türkei weiterhin vehement weigern, die Region auch nur bei ihrem offiziellen Namen zu nennen. Die KDP mag für die Türkei nützliche »Drecksarbeit« im Kampf gegen die kurdische Befreiungsbewegung leisten, doch eine Türkei, die bis heute ihre nationale Identität über die Verneinung aller vom Konstrukt des »Türkischen« abweichenden Vielfalt konstruiert, ist weit davon entfernt, eine kurdische Existenz, ganz gleich wo in der Region, zu akzeptieren.

Langfristige Besatzung

Ein Blick auf die vom türkischen Militär besetzten Regionen Nordsyriens genügt, um zu erkennen, dass es der Türkei um die langfristige Besatzung und Annexion der besetzen Gebiete geht. Girespi, Serekaniye, Afrin, Al-Bab, Dscharabulus und weite Teile der Provinz Idlib werden heute de facto von den Gouverneuren der türkischen Grenzstädte verwaltet. Für Ordnung sorgen der türkische Geheimdienst und Spezialeinheiten von Polizei und Militär. Die Schulbildung findet zweisprachig statt – in Arabisch und Türkisch. Bezahlt wird mit der als offizielle Währung anerkannten türkischen Lira. In den eigenen Medien machen Erdogan und die Vertreter der türkischen Regierung keinen Hehl daraus, dass man die besetzen Gebiete als Teil des »vaterländischen Bodens« betrachtet. So erklärte Erdogan schon am 10. November 2016, in einer Rede anlässlich des 78. Todestags des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk freimütig, dass »die Türkei, größer als die (heutige) Türkei« sei und das türkische Volk nicht in »780.000 Quadratkilometer« passe. Jüngst wiederholte der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu noch einmal die Parole von der »Großtürkei«, die sich nicht in enge Grenzen pressen lasse, als er am 24. Juni von seinen jüngsten Besuchen auf dem Balkan berichtete.

Was anmutet wie anachronistische Lebensraumrhetorik aus dem 20. Jahrhundert, ist blutiger Ernst. Die Vision eines neuen großtürkischen Reiches, dass sein angebliches historisches Erbe beansprucht, bedroht nicht nur die Kurden in der Region, sondern wird zunehmend zu einer Gefahr für alle Anrainer. Dass die legitimen Grenzen der Türkei nicht die international anerkannten Grenzen seien, sondern das im von der türkischen Nationalbewegung im Februar 1920 erklärten Nationalpakt (Misak-i Milli) beanspruchte Territorium umfassen sollten, ist dabei nicht nur die Position von Erdogan und seiner AKP, sondern eint die türkische Parteienlandschaft von der republikanischen CHP bis hin zur offen faschistischen MHP. Der Nordosten Griechenlands, die umstrittenen Inseln in der Ägäis, die Provinzen Mossul und Kirkuk im Nordirak und nach unterschiedlicher Auslegung auch Aleppo und der gesamte Norden Syriens wären demnach Teil des türkischen Staatsgebietes.

Vom Transfer- zum Förderland

Wenn Erdogan und sein Regime heute die Wiedererlangung verlorener Größe beschwören, dann geht es ihnen jedoch um mehr als bloß imperiale Nostalgie und die Mobilisierung nationalistischer Gefühle. Die in der ersten Hälfte der 1920er Jahre verlorenen Gebiete sind Schlüsselregionen in Fragen der Energieversorgung und das entscheidende Sprungbrett für den Aufstieg der Türkei zu einer schlagkräftigen Regionalmacht. Aufgrund ihrer geographischen Lage hat die Türkei sich schon immer als ein Transferland für Güter aller Art, unter ihnen auch fossile Energieträger, angeboten. In Zeiten, in denen die weltweiten fossilen Energievorkommen innerhalb einer Lebenszeit erschöpft sein werden, stellt die Kontrolle von unterirdischen Energiespeichern sowie der Förderung und des Transports von Energie eine scharfe geopolitische Waffe dar. Nicht zuletzt am Beispiel der westeuropäischen Staaten und der Russischen Föderation zeigt sich aktuell sehr deutlich, welche entscheidende Rolle der transkontinentale Energietransport in der global vernetzten Wirtschaftsordnung des 21. Jahrhunderts spielt. Die Transformation der Türkei von einem Transfer- zu einem Förderland ist heute ein wichtiger Etappenschritt des türkischen Großmachtprojekts. Die Erschließung neuer Quellen im Schwarz- und Mittelmeer sowie die Sicherung des Zugangs zu Gas- und Öl im Nordirak haben daher strategische Bedeutung.

Die Ambitionen der Türkei, sich zu einem Drehkreuz für Energie und zu einer verlässlichen Alternativquelle zu mausern, überschneiden sich dabei mit den Interessen der Mehrheit der europäischen Staaten, welche nicht erst seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine nach Alternativen zu russischem Gas und Öl suchen. Dass es früher oder später zur Eskalation zwischen der NATO und der Russischen Föderation kommen würde, das war auch in den westlichen Hauptquartieren und Regierungssitzen schon seit einigen Jahren eine feststehende Tatsache. Während Anfang der 1990er Jahre transatlantische Geostrategen wie Zbigniew Brzezinski noch von einer möglichen »Einbindung« des damals geschwächten ehemaligen Widersachers in das transatlantisch-europäische System träumten, zeigte sich spätestens seit dem Ende der 2000er Jahre und der russischen Intervention in Georgien sowie im Zuge des Krieges in Syrien und in der Ukraine, dass ein wiedererstarktes Russland seinen eigenen Weg gehen werde. Die Abhängigkeit von russischen Energieimporten stellt die europäischen NATO-Mächte dabei vor ein ernstzunehmendes Problem. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem geopolitischen Konkurrenten, der sich anschickt die westliche Weltordnung herauszufordern, kann nicht vom Zaun gebrochen werden, solange der Abbruch aller ökonomischen Beziehungen zwangsläufig den Zusammenbruch der eigenen Wirtschaft zur Folge hätte.

Ohne die Erschließung alternativer fossiler Energiequellen kann die Energieversorgung Europas und insbesondere der Bundesrepublik Deutschland zur Zeit nicht gewährleistet werden. Dass vor Beginn des Krieges noch 55 Prozent der deutschen Gasimporte aus Russland kamen, macht sich jetzt bei der sich anbahnenden Energiekrise in aller Härte bemerkbar. Die Versorgung der europäischen Märkte durch US-amerikanisches Flüssiggas wurde zwar lange Zeit als gangbare Alternative gehandelt, doch ist der logistische Aufwand für den Transport des wertvollen Energieträgers bei weitem höher als bei Gas aus der Pipeline. Unklar ist, ob überhaupt genug Transportkapazitäten zu See zur Verfügung stehen, um eine Versorgung langfristig zu gewährleisten. Spätestens mit dem Katar-Besuch des deutschen Wirtschaftsministers Robert Habeck im März dieses Jahres ist deutlich geworden, dass die Bundesrepublik bei der Suche nach Alternativen ihr Augenmerk auch auf den Mittleren Osten legt.

»Echte Alternative«

Mit Gas aus Katar, Israel und Ägypten soll der europäische Markt in Zukunft gesättigt und die Abhängigkeit von russischen Gasimporten zunehmend verringert werden. Doch scheint auch der Türkei eine besondere Rolle in den Zukunftsplänen zur Sicherung der europäischen Energiesouveränität zuzukommen. So berichtete das Magazin Business Insider unter Berufung auf ein Strategiepapier der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) schon im März, dass die Türkei zum zukünftigen »Energie-Hub für Europa« werden könnte. Das Papier stellt fest, dass »der Ausbau des südlichen Gaskorridors und die Nutzung der Türkei als strategischen Energie-Hub mit Zugang zu Gasvorkommen im Kaspischen Meer und östlichen Mittelmeer echte Alternativen bieten« würde. Auch die Potentiale für den Import von »aserbaidschanischem, turkmenischem, irakischem und in Zukunft auch iranischem Öl und Gas seien noch nicht ausgeschöpft«, so das Magazin.

Die Arbeiterpartei Kurdistans und ihr nahestehende Organisationen haben seit Beginn der neuerlichen türkischen Invasion in Südkurdistan stets betont, dass der Krieg ihrer Auffassung nach in engem Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine und der Frage der europäischen Energiesouveränität steht. So betonte der Kovorsitzende der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans, Cemil Bayik, dass der Krieg der Türkei ein »Krieg der NATO« sei. Der Westen hätte ein enormes Interesse an der Kontrolle der strategisch wichtigen Region, um den Zugriff auf irakisches Gas zu sichern. Das irakische Gas sei jetzt von besonderer Bedeutung, um die Energieversorgung Europas zu garantieren. Bayik: »Diese Gaspipeline verläuft durch Kurdistan. Daher ist es das Ziel dieser Kräfte, diesen Korridor zu kontrollieren (…). Sie glauben, dass sie auf diese Weise in der Lage sein werden, das Gas aus dem Nahen Osten problemlos nach Europa zu transportieren.«

Auch in der Türkei scheint man keinen Hehl daraus zu machen, dass bei der Operation im Norden des Iraks vor allem die Sicherung der Energietransporte in die Türkei im Vordergrund steht. So schrieb das türkische Boulevardblatt Günes schon wenige Tage nach Beginn der Operation offen davon, dass die »Operation« dazu führen könnte, die »Engpässe in der globalen Energiesicherheit zu überwinden«. Den westlichen Akteuren bleibe nach dem Scheitern des »East-Med-Projekts« und den anhaltenden Sanktionen gegen den Iran nur noch die »türkische Route«. Beim »East-Med-Projekt« handelt es sich um ein ägyptisch-israelisch-griechisch-zypriotisches Piplineprojekt, das den direkten Transport durch das Mittelmeer und damit eine Umgehung der Türkei vorsieht. Das Projekt galt lange Zeit als ein vielversprechendes Unternehmen, bis die USA im Januar 2022 ihre Unterstützung für das ihrer Ansicht nach ökonomisch nicht rentable Projekt zurückzogen. Sollten die »instabilen Strukturen im Norden des Iraks beseitigt« werden, so heißt es in Günes weiter, werde der »Energieengpass beseitigt und irakisches und katarisches Gas kann über die Türkei nach Europa transportiert werden«.

Der Artikel stützt sich auf eine am selben Tag veröffentlichte Analyse von Necmettin Acar, Spezialist für internationale Beziehungen und Wirtschaftswissenschaften an der Artuklu Universität von Mardin, welche auf der Seite der staatlichen Nachrichtenagentur Anadulo Ajans (AA) erschien. In seiner Analyse stellt Acar angesichts der aktuellen geopolitischen Verwerfungen und der radikalen Veränderungen an den globalen Energiemärkten fest, dass der Ausschluss Russlands, das 40 Prozent des europäischen Energiebedarfs deckt, dazu geführt habe, dass die »kritischen Akteure der globalen Energiemärkte erneut in den Blickpunkt gerückt sind«. Der Ausschluss des Irans, welcher »17 Prozent der weltweiten Erdgasreserven« und die drittgrößten Ölreserven mit 208 Milliarden Barrel kontrolliere, schränke die »Alternativen auf der Angebotsseite ein«.

Auch die Tatsache, dass der »saudische Kronprinz« sich der US-amerikanischen Forderung nach einer »Erhöhung der Ölversorgung« versperre und sich statt dessen »mit Wladimir Putin über den Verlauf der globalen Energiemärkte« berate, sorgt für »Besorgnis« bei den westlichen Akteuren. Insbesondere »Signale der Regierung in Riad, den Dollar im Ölhandel aufzugeben und auf den Yuan umzusteigen« verdeutliche »den Wandel in der Außenpolitik der mit den USA verbündeten Golfregime«, so Acar weiter. Er schließt daraus, dass der Irak damit heute zum »Schlüssel der globalen Energiesicherheit« geworden sei. So zählt Acar auf, dass der Irak mit »145 Milliarden Barrel Ölreserven an vierter Stell der weltweiten Rangliste« stehe und die »niedrigen Kosten für die Ölförderung« die Attraktivität des Landes weiter erhöhen würden. Zudem hätte der Irak seit Jahren »ernsthafte Probleme« bei der Versorgung der »internationalen Märkte« und sei unter anderem unfähig »einen Tiefwasserhafen zu bauen«, was einen Transport zur See über den Persischen Golf verunmögliche. Zuletzt verfüge der Irak über »reiche (…) unerschlossene Erdgasvorkommen« und läge an »der kritischen Route für den Transport von katarischem Gas nach Europa«. In der Zeit nach 2010, als Europa seine Suche nach »Alternativen zum russischen Gas« verstärkte, »wurde die Route Katar-Irak-Türkei zu einer wichtigen alternativen Energieroute«.

Konvergenz der Interessen

Dabei deckt sich Acars Behauptung mit einer 2010 veröffentlichen Studie der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die als Politikberatungsinstitut der Bundesregierung in Fragen der Geopolitik und globalen Strategie bei Seite steht. Dort heißt es, die »Reserven im Mittleren Osten übersteigen jene im Kaspischen Becken um ein Vielfaches«. Die »umfassende Ausbeutung« der Energievorkommen im Nordirak, werde aber derzeit noch »durch politische Konflikte« behindert. Deshalb sei die »Frage der Erfolgsaussichten der türkischen Politik auch für die EU und ihre Mitglieder relevant«. Über die Ceyhan-Kirkuk-Pipeline, die Öl aus Südkurdistan in die Türkei leitet, könnten jährlich »19,9 Millionen Tonnen Rohöl transportiert werden«. Doch wegen der »politischen Turbulenzen im Irak und des türkischen Krieges gegen die PKK in den südöstlichen Landesprovinzen« sei die Leitung immer wieder unterbrochen, so die SWP. Auch eine mögliche Pipeline zwischen Katar und der Türkei wird in Aussicht gestellt. So wird in der Studie von positiven Gesprächen und »bilateralen Expertengruppen« gesprochen, die den »Bau einer Gaspipeline von Katar in die Türkei prüfen« sollen. Bis heute ist eine Pipeline, die eine direkte Verbindung Katars mit den türkischen Pipelines und von da an weiter nach Europa gewährleisten würde, jedoch höchstens eine Idee auf dem Reißbrett geblieben.

Für Acar stellt die laufende Operation »Schlosskralle« einen Wendepunkt und eine große Chance für die Türkei und den Westen dar. Seiner Meinung nach sei das beste Szenario für den Westen eine »Rückkehr des Iraks auf die globalen Energiemärkte«, um die »Beherrschung der Energiemärkte durch rivalisierende Akteure wie Russland und China« zu umgehen. Daraus schließt Acar, dass der derzeitige Angriffskrieg der Türkei in einer »Atmosphäre begann, in der sich die nationalen Sicherheitsinteressen der Türkei mit den Energiesicherheitsinteressen westlicher Akteure überschneiden«. Die »Säuberung« der Region von »terroristischen Elementen« würde sich positiv auf die Energieexportziele sowohl der kurdischen Regionalregierung als auch der Regierung in Bagdad auswirken – und »die Sicherheit der kritischen Routen (…) in den Westen gewährleisten«. Vor dem Hintergrund der globalen Gemengelage werde der Westen die »Initiativen der Türkei zur Gewährleistung von Stabilität und Sicherheit (…) unterstützen«.

Folgt man der Analyse von Acar, so hat die türkische Regierung es verstanden, sich über das vergangene Jahrzehnt hinweg, strategisch zu positionieren und sich damit heute nicht nur die westliche Unterstützung für ihren rücksichtslosen Krieg gegen die kurdische Zivilbevölkerung zu sichern, sondern auch seine Stellung als Regionalmacht zu festigen. Ob die aktuellen Kräfteverhältnisse und Gleichgewichte Ergebnis einer erfolgreichen Langzeitstrategie sind oder ob die Türkei es schlicht und ergreifend immer wieder verstanden hat, in opportunistischer Manier die sich bietenden Möglichkeiten beim Schopfe zu ergreifen, ist dabei unerheblich. Im Ergebnis erfährt die Türkei weiterhin uneingeschränkten Rückhalt von Seiten der NATO und der europäischen Union. Die Vemutung liegt nahe, dass das eklatante Schweigen sämtlicher europäischer Außenministerien zur türkischen Expansionspolitik im gemeinsamen Interesse zukünftiger europäischer Energiesouveränität begründet liegt.

Rivale Iran

Gleichzeitig spielt die Türkei, sollte es ihr gelingen, die eigene Position als Drehkreuz des Energiehandels und zunehmend größerer Förderer durchzusetzen, den größten Rivalen in der Region, den Iran, kurzerhand aus. Während der Iran durch die westlichen Sanktionen weitgehend isoliert bleibt, werden mit den alternativen Routen Fakten geschaffen, die Teheran, selbst nach Ende der Sanktionen, langfristig am Rande des energiepolitischen Spielfeldes halten könnten. So ist es nicht verwunderlich, dass von iranischer staatlicher Seite und den unzähligen Stellvertreterorganisationen und Milizen der Islamischen Republik ein zunehmend harscher Ton gegenüber der Türkei zu vernehmen ist. War man in der Vergangenheit noch eher dazu geneigt, auch taktische Bündnisse mit Ankara, vor allem im Kampf gegen kurdische Selbstbestimmungsbestrebungen einzugehen, so scheinen sich heftigere politische und militärische Auseinandersetzungen zwischen den beiden Lagern anzubahnen.

Schon im vergangenen Jahr kündigten unterschiedliche Gruppen, welche sich selbst der schiitisch geführten »Achse des Widerstands« zuordnen, militärische Operationen gegen die türkischen Besatzungskräfte an, sollten sich diese nicht umgehend zurückziehen. Seit der türkischen Offensive vom 17. April erschüttern nahezu wöchentlich Raketen- und Mörsereinschläge türkische Stützpunkte im Nordirak. Meist kommt es nur zu geringfügigen materiellen Schäden, doch die Angriffe, zu welchen sich Gruppen aus dem Umfeld der Volksmobilisierungskräften (PMU) bekennen, senden ein klares Signal an Ankara. Offensichtlich ist Teheran nicht ohne weiteres bereit, die türkischen Großmachtansprüche zu akzeptieren. Auch die ambivalente Haltung der iranischen Führung zu einer erneuten türkischen Invasion im Norden Syriens liegt wohl in den Spannungen zwischen den beiden Regionalmächte begründet.

Dass die Frage der fossilen Energieträger eine besondere Rolle im Wettstreit der beiden islamistischen Regime darstellt, zeigte sich im März dieses Jahres in aller Deutlichkeit. In der Nacht auf den 13. März erschütterten schwere Explosionen die südkurdische Hauptstadt Hewler (Erbil). Über ein Dutzend ballistischer Raketen trafen innerhalb kurzer Zeit ein Gebäude in der Nähe des Konsulats der Vereinigten Staaten von Amerika. Während manche einen Fehlschuss vermuteten und glaubten, im US-Konsulat das eigentliche Ziel zu erkennen, zeigen die Videoaufnahmen des Angriffs sehr deutlich, wie die Raketen äußerst zielgenau nacheinander an derselben Stelle einschlagen. Getroffen hat es das weitläufige Anwesen des südkurdischen Unternehmers Baz Karim Barzinji. Barzinji ist der Vorstandsvorsitzende der irakisch-kurdischen Ölfirma KAR Group und einer der reichsten Männer der Autonomieregion. Die Iranischen Revolutionsgarden erklärten am Folgetag stolz, man habe ein »Spionagezentrum« des israelischen Geheimdienstes Mossad ausgeschaltet. Über mögliche Beziehungen Barzanjis zu israelischen Diensten kann zwar spekuliert werden, aber klar ist, bei der verwüsteten Villa handelte es sich keineswegs um ein Spionagezentrum des Mossad. Vielmehr muss in dem Angriff auf Barzanji eine klare Botschaft Teherans gesehen werden, die sich nicht zuletzt auch an die Türkei richtet.

Widerstand der PKK

So hat Barzanjis Firma erst im Dezember 2021 einen Vertrag mit der türkischen Regierung über den Ausbau des Erdgasleitungsnetzes zur türkischen Grenze unterzeichnet, wie die südkurdische Nachrichtenagentur Rudaw im Februar berichtete. Rudaw zitiert einen südkurdischen Regierungsbeamten, der erklärte, dass mit dem Ausbau des Pipelinenetzes »die Infrastruktur für potentielle Gasexporte auf den Weltmarkt in der Zukunft« vorbereitet werden solle. So schreibt Rudaw weiter, dass im Rahmen eines im November 2013 zwischen Erbil und Ankara abgeschlossenen Energieabkommens jährlich »20 Milliarden Kubikmeter Erdgas« aus Kurdistan in die Türkei gefördert werden sollen. Am 6. April schlugen abermals Raketen auf dem Gelände einer Ölraffinerie ein, die ebenfalls zum Besitz der KAR Group gezählt wird. Während einige vorschnelle Analysten schon meinten, in Russland den Drahtzieher hinter den Raketenangriffen zu erkennen, scheint es doch eher wahrscheinlich, dass Teheran sehr gut versteht, welche weitreichenden Folgen für die regionale Machtverteilung ein Erfolg des türkischen Projekts hätte.

Im Moment sieht es danach aus, als könnte das türkische Projekt am Widerstand der kurdischen Verteidigungskräfte scheitern. Seit dem 17. April leisten sich die Guerillaeinheiten der PKK und die türkische Armee heftige Auseinandersetzungen bei hohen Verlusten auf türkischer Seite. Es ist zu erwarten, dass die Kämpfe in der Region über den Sommer weiter an Fahrt aufnehmen werden. Ob Acar mit seiner doch sehr optimistischen Analyse recht behalten und der Westen dem türkischen Staat die erhoffte Unterstützung auch weiterhin zukommen lassen wird, wird die Zukunft zeigen. Die Ergebnisse des NATO-Gipfels in Madrid und die wachsende Gefahr einer türkischen Invasion in Nordsyrien lassen erahnen, dass die NATO auch weiterhin, treue Unterstützerin des türkischen Expansionismus bleiben wird.

Tim Krüger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 24. Mai 2022 über den Krieg der Türkei gegen die kurdische Befreiungsbewegung.

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