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Aus: Ausgabe vom 15.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Im Dienst an der Kundin

Sind gehobene Hotellerie und gelungene Performance das Modell der Sexarbeit oder umgekehrt? Der Spielfilm »Meine Stunden mit Leo«
Von Holger Römers
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Quadratur des Kreises: Der hochprofessionelle Service

In »Meine Stunden mit Leo« spricht der Sexarbeiter Leo (Daryl McCormack) irgendwann so schwärmerisch von seinem Beruf, dass seine Kundin Nancy (Emma Thompson) einwirft: »Das klingt, als sollte es von der Kommunalverwaltung angeboten werden, als Sozialleistung!« Diese ironische sozialpolitische Schlussfolgerung wäre gar nicht absurd, wenn man die Implikation dieses Films, dass die von dem jungen Mann geleisteten Dienste geradezu therapeutisch wirkten, für bare Münze nähme. Allerdings entpuppt sich die Utopie, die Leo mit andächtigem Ernst entwirft, bloß als perfekter – und das heißt: regulierter – Markt, auf dem Sex wie jede andere Ware, ohne Stigma, gehandelt würde. »Stell dir vor, wie zivilisiert das sein könnte«, meint er.

Alles freiwillig

Bekanntlich schert sich die Realität nicht um Hirngespinste, weshalb die Prostitution auch in Ländern, in denen sie konsequenter normalisiert worden ist als am Handlungsort Großbritannien, dem liberalen Wunschbild kaum ähnelt, sondern die sonst verbrämten Mechanismen eines (Arbeits-)Marktes schäbig kenntlich werden lässt. Das gilt erst recht für jenen Großteil des Sexmarktes, wo Frauen sich an Männer verkaufen. Die britische Drehbuchautorin Katy Brand und die australische Regisseurin Sophie Hyde kommen denn auch nicht umhin, genau diesen Umstand in ihrem kammerspielartigen Film, der die üblichen Geschlechtervorzeichen umkehrt, in beiläufigen Dialogsätzen verdruckst anzudeuten. Im Umkehrzug fühlen sie sich offenbar genötigt, den hier abgebildeten Sexkauf vielfältig zu legitimieren.

Bevor Leo später zur oben zitierten Verklärung seines Berufs ansetzt, gibt er also explizit zu Protokoll, dass er sich auf die Transaktion mit Nancy freiwillig einlasse und sich keineswegs erniedrigt fühle. Nancy deutet wiederum an, dass das Honorar des Callboys, der seine Dienste anscheinend als Selbständiger online feilbietet, stattlich sei. Vor allem erweist sich die Protagonistin aber als wirklich bedauernswert, weil ihr verstorbener Gatte nach ihren Angaben der einzige Mann war, mit dem sie Sex hatte, wobei ihr in drei Jahrzehnte lang stur wiederholter Missionarsstellung nie ein Orgasmus beschert wurde.

Hinter der Fassade

Angesichts der feministischen Intention mag verwundern, dass die Figurenzeichnung der pensionierten Religionslehrerin zugleich eine unübersehbare Verklemmtheit zuschreibt. Wenn die betonte Tantenhaftigkeit ihrer Klamotten allmählich einem legeren Pullover und nachlässig hochgestecktem Haar weicht, suggeriert das indes die körperliche Befreiung, die mit den sukzessiven Tête-à-Têtes angeblich einhergeht. Im Kontrast zu Nancy strahlt Leo hingegen von Beginn an eine souveräne Lässigkeit aus, die von ebenso ungewöhnlichen wie eleganten Outfits untermalt wird. Kurzum: Der ansehnliche Kerl erscheint, auch wenn wir vom Sex allenfalls andeutungsweise etwas mitbekommen, als ein wirklicher Meister seines Faches – was nichts anderes heißt, als dass sein gesamtes Auftreten eine gelungene Performance ergibt. Durchaus folgerichtig führt die schlichte Handlung zu der Frage, inwiefern zur »guten« Prostitution ein Blick hinter diese Fassade gehöre, sozusagen auf den Sexarbeiter als Menschen. Und ebenso folgerichtig will die dialogbetonte Dramaturgie diese Frage sowohl verneinen als auch bejahen.

Dass der hochprofessionelle Service, der die Kundin zur Königin adelt, diskret und dennoch herzlich sein könne – diese Quadratur des Kreises verspricht bekanntlich auch die gehobene Hotellerie. Allerdings ist bezeichnend, dass das sichtlich teure Hotel, in dem die Protagonisten sich jeweils treffen, auf jeden wirklich überschwänglichen Luxus verzichtet. Je länger man das stets gleiche Zimmer betrachtet, desto mehr tritt hinter der braven Modernität des Mobiliars, hinter der Neutralität der gedeckten Farben und des diffusen Lichts das betriebswirtschaftliche Kalkül zutage. Insofern ist es zwar überraschend, aber nicht wirklich verwunderlich, wenn man am Schluss des Films die ernüchternde Information erhält, dass der im Foyer kredenzte Kaffee nichts tauge.

»Meine Stunden mit Leo«, Regie: Sophie Hyde, UK 2022, 97 Min., bereits angelaufen

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