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Aus: Ausgabe vom 15.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Haushaltskunde

Der Lärm der Dinge

Von Kristian Stemmler
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»Ihr seid doch irre … Man kann euch keine Minute allein lassen, ohne dass ein mittlerer Aufstand …«

Um fünf Uhr morgens bekam ich einen Anruf von meiner Waschmaschine. »Hilfe, sie will mich töten!« schrie sie mir entgegen. Ich hielt das Smartphone einen halben Meter vom Ohr weg, legte sofort auf, versuchte es zumindest, aber sie quatschte einfach weiter. Erst als ich das Gerät mit Karacho gegen die nächstbeste Mauer geschleudert hatte, war sie nur noch im Schongang zu vernehmen. Es reichte mir trotzdem.

Auf den Knien nach der SIM-Karte suchend, stieß ich an das Bein eines Obdachlosen, der Platte machte. Er knurrte leise, ich aber verstand »Verpiss dich!« und wollte ihn gerade zur Rede stellen, als ich das Smartphone wiederfand, allerdings nur noch die Reste, da es in diesem Moment unter meinem Schuh Anschluss gesucht hatte. Wie ich meinen Plattenspieler jetzt noch erreichen sollte, war mir schleierhaft. Mit Tempo 78 würde es vielleicht gehen, dachte ich bei mir, hatte es vermutlich sogar laut gesagt, denn jetzt richtete sich der Obdachlose auf und fuhr mich an: »Und ich bin auf 180!« – Dabei hatte er ein seltsames Blitzen in den Augen, das mich von ferne an das Flackern einer Neonröhre erinnerte.

»Nun komm mal runter«, machte ich auf cool und ließ mich mit meinem Kühlschrank verbinden, da mir sein Kumpel unter der Hand ein Billighandy zum Telefonieren gereicht hatte. »Was machst du da?!« schrie der nicht so ganz nach Kölnisch Wasser duftende Mann seinen Kumpel an, ich nutzte die Gelegenheit für einen kurzen Smalltalk mit dem Kühlschrank, der ebenfalls in heller Aufregung war. »Was ist denn los bei euch? Ich habe keine Zeit, ich muss gleich im Trocadero auflegen.«

»Ich höre immer Neonröhre«, murmelte er kleinlaut, »meine Lampe ist aus, ich kann nicht mal den Käse mehr sehen, die Tür kriege ich auch nicht mehr zu, aber sonst läuft hier alles ganz gut. Ach ja, die Kaffeemaschine röchelt vor sich hin, aber das kennst du ja. Das Bügeleisen hat eben einen Rettungswagen bestellt …« – »Bitte?!« Jetzt kippte die Stimmung wie ein Weihnachtsbaum, der ein Streichholz zuviel zu sich genommen hatte. »Ihr seid doch irre … Man kann euch keine Minute allein lassen, ohne dass ein mittlerer Aufstand …« In diesem Moment schaltete sich der Mixer ein, ich verstand mein eigenes Wort nicht mehr.

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