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Aus: Ausgabe vom 15.07.2022, Seite 5 / Inland
Krankenhausbewegung

Mit Profitlogik brechen

Aktionsbündnis will Kürzungen in nordrhein-westfälischer Klinik verhindern, weitere Verschlechterung der Versorgung unzumutbar
Von Steve Hollasky, Lemgo
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»Großes Einzugsgebiet«, »chronische Überlastung«: Klinikum Lippe in Lemgo

Regelrecht »geschockt« seien die Kolleginnen und Kollegen des Krankenhauses im nordrhein-westfälischen Lemgo gewesen, als ihnen die Geschäftsführung Anfang Juni mitteilte, dass die Abteilung für Unfallchirurgie und Orthopädie im September dieses Jahres geschlossen werden solle, berichtet am Donnerstag im Gespräch mit jW eine Beschäftigte, die namentlich nicht genannt werden möchte.

Gemeinsam mit dem Krankenhaus Detmold bildet der Standort in Lemgo das Klinikum Lippe, welches als kommunale GmbH geführt wird. Die Teilschließung begründete die Klinikleitung im Juni gegenüber der Lippischen Landeszeitung mit dem Willen von Bundes- und Landesregierung, »einen Wandel der Krankenhauslandschaft zu erreichen«. Ziel sei der Abbau von Doppelstrukturen. Unfallchirurgie und Orthopädie sollten im größeren Detmolder Krankenhaus konzentriert, das Klinikum so wirtschaftlicher aufgestellt werden. Aufgegeben werden soll im Zuge dessen auch das Gelenkzentrum in Lemgo.

Zehn Stunden Wartezeit

Das passe »alles hinten und vorne nicht zusammen«, hält die Kollegin im jW-Gespräch dagegen. Insbesondere mache sich die Belegschaft Sorgen, inwieweit es bei der enormen Überlastung in Detmold zukünftig möglich sein werde, Unfallpatienten angemessen zu versorgen. Schon jetzt gebe es Extremfälle mit Wartezeiten von mehr als zehn Stunden. Werde das Angebot ausgedünnt, werde sich die Versorgung jedenfalls nicht verbessern. »Die Wege werden deutlich länger werden, weil das Einzugsgebiet des Lemgoer Krankenhauses sehr groß ist«, sagt die Beschäftigte. Auch Rettungswagen wären dann »länger unterwegs und damit auch länger mit einer Aufgabe beschäftigt«.

Walter Brinkmann von der Linkspartei im Kreis Lippe kritisiert am Donnerstag gegenüber jW die Geschäftsführung des Klinikums. Es sei »auf jeden Fall eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung« zu erwarten. Mit einer entsprechenden Diagnose im Krankenhaus Lemgo müsse man in Zukunft »nach Detmold und dort weiter aufgenommen und behandelt werden«, so Brinkmann. Wartezeiten und Überbelastung des Personals würden sich noch weiter vergrößern. Das sei »für alle Beteiligten unzumutbar«, hält Brinkmann gegenüber jW fest.

Dann gibt er einen kleinen Einblick in die lokalpolitischen Verhältnisse. Der Geschäftsführer des Klinikums Lippe, Johannes Hütte, habe stets die Rückendeckung des SPD-Landrats Axel Lehmann, so Brinkmann. Und Hüttes Maßnahmen seien häufig nicht allzu beschäftigtenfreundlich ausgefallen. So habe der Betriebsrat mehr als hundertmal per Klage eine korrekte Eingruppierung durchsetzen müssen. Auch zur Bildung eines Konzernbetriebsrates kam es erst nach jahrelangem juristischen Tauziehen vor dem Bundesarbeitsgericht.

»Aufstehen und kämpfen«

Für Arthur Gubar ist klar, dass man sich gegen die Einsparpläne zur Wehr setzen muss. Der Landessprecher der Linksjugend in Nordrhein-Westfalen hat am Donnerstag mit anderen ein Aktionsbündnis ins Leben gerufen. Der »Abbau der Gesundheitsversorgung und die chronische Überbelastung« sind für Gubar »Folge der Einführung von kapitalistischer Profitlogik im Krankenhausbereich«. Insbesondere sorgte die Einführung der Fallkostenpauschalen für Verschlechterungen. Solle die Gesundheit von Kollegen und Patienten im Mittelpunkt stehen, brauche es »einen Bruch mit dem Kapitalismus«, so Gubar.

Das Aktionsbündnis will gemeinsam mit Beschäftigten, Anwohnerinnen und Anwohnern die Schließung der Abteilung im September verhindern. Dafür soll es öffentliche Veranstaltungen und Protestaktionen geben. Die eingangs zitierte Beschäftigte versicherte, vielen Kolleginnen und Kollegen sei klar: »Jetzt muss man aufstehen und kämpfen.«

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