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Aus: Ausgabe vom 16.07.2022, Seite 16 / Feuilleton
Kleine Völker Russlands

Treffen mit der Sonne

Das »Ysyach«-Fest in Jakutien: Heidnische Bräuche verbunden mit sowjetischer Tradition. Ein Besuch in der kältesten Region Russlands
Von Ulrich Heyden, Jakutsk
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Festteilnehmerinnen in traditioneller jakutischer Kleidung (25. Juni)

Sechseinhalb Flugstunden östlich von Moskau liegt die »Republik ­Jakutien« oder »Sacha« wie sich die größte der 85 russischen Regionen seit der Auflösung der Sowjetunion nennt. Anlass für den Besuch ist »Ysyach«, das traditionsreiche Sonnenfest der Jakuten.

Vor 30 Jahren wurde auch das rohstoffreiche Jakutien von der »Parade der Souveränitätserklärungen« erfasst. Nicht wenige westliche Politiker machten sich damals Hoffnung auf eine Schwächung und sogar Auflösung des »übermächtigen« Russlands. Doch die Situation stabilisierte sich. Jakutien ist heute fester Bestandteil der Russischen Föderation. 48,7 Prozent der Einwohner der Teilrepublik sind ­Jakuten, 36,9 Prozent sind Russen. Sie leben friedlich zusammen.

Am 25. Juni fuhr ich mit einem »Meteor«-Tragflächenboot sowjetischer Bauart auf der Lena, einem der längsten Flüsse der Welt, Richtung Norden. In dem etwas rummeligen, kleinen Hafen der Stadt Jakutsk gingen wir an Bord, eine Gruppe von Korrespondenten aus Bulgarien, Deutschland und der Volksrepublik China. Unser Ziel war das jakutische Sonnenfest, das 20 Kilometer nördlich von Jakutsk auf einem großen Areal beim Dorf Us Chatyn stattfand.

Es war windstill. Die Sonne schien. Wassertropfen funkelten an der Scheibe unseres Schiffes, das mit brummendem Motor und 60 Stundenkilometern ruhig über den Fluss glitt. Irgendwo in der Ferne zog das grüne Ufer an uns vorbei. Die Lena hat eine Breite von 1,5 Kilometern. Brücken und Strommasten waren nicht zu sehen. Uns bot sich wohl fast das gleiche Bild wie den russischen Händlern, die vor 400 Jahren die Lena runterschipperten.

An Bord waren, außer uns Ausländern, hohe Beamte der Republik Jakutien in dunklen Anzügen oder in traditionellen schwarz-grauen Jacken mit silbernen Knöpfen und schwarzen Hüten. Zu dieser Männerkleidung gehört auch ein Schweif aus Pferdehaar, mit dem man Mücken verscheuchen kann, und, weil es Tradition ist, ein Messer am Gürtel.

Zehn Meter hohe Jurten

Das letzte Stück zum Gelände des Festes gingen wir zu Fuß, vorbei an großen Park- und Zeltplätzen. Die Stimmung war erwartungsvoll. Ganze Familien mit Kindern und Großeltern waren angerückt. Viele Frauen und Mädchen trugen blütenweiße lange Kleider, weiße Hüte und auf Brust und Stirn traditionellen, silbernen Schmuck.

Über eine mit bunten Stoffstücken geschmückte Holzbrücke gelangten wir schließlich auf das Festgelände. Dort gab es alles Mögliche. Verkaufsstände mit traditionellem Kunsthandwerk, Sportwettkämpfe, Pferderennen und Mas-Wrestling. Bei letzterer Sportart sitzen sich zwei Personen gegenüber und jeder versucht den Stab, den beide Sportler halten, zu sich hinüberzuziehen. Diese Sportart entstand in Jakutien und wurde erst vor kurzem als internationale Sportart anerkannt.

Wir kamen schließlich zum zentralen Platz des Festes, um den sich im Halbkreis zehn Meter hohe Jurten aus Holz gruppierten. Die jakutischen Jurten sind nicht flach, wie die Jurten der Mongolen, sondern laufen nach oben fast spitz zu. In solchen Jurten leben die Jakuten – traditionell Nomaden und Viehhirten – zur Sommerzeit.

Auf dem Festgelände sah man auch mehrere religiöse Säulen und nachgebildete Bäume aus Metall und Holz. Da war zum Beispiel eine verzierte Säule aus Metall, an der Erwachsene, aber auch Kinder standen und sich mit geschlossenen Augen etwas wünschten oder »positive Energie aus der Erde« empfingen, wie mir Wassili, ein 30 Jahre alter jakutischer Jurist erklärte. Die wichtigste Religion unter den Jakuten sei der Tengrismus, erklärte Wassili. Das bedeute »die Achtung vor der Erde, der Natur, den Geistern, den Vorfahren, dass man die Herdfeuer schützt und sich vor dem Sonnengott verbeugt«.

Der Tengrismus hat einen starken Naturbezug. Die Jakuten empfinden sich als Nachkommen der Aiyy-Götter, angeführt vom Sonnengott Jurjung Aar Tojon. In der Vorstellung der Jakuten gibt es die obere, mittlere und untere Welt, welche durch den riesigen Baum Aal Kuduk Mas verbunden sind. Die Götter leben in der oberen Welt, die Menschen und Naturgeister in der mittleren und die Dämonen in der unteren Welt. Heilige Orte, Berge, Bäume und Flüsse haben ihren eigenen Geist und werden verehrt.

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»Positive Energie aus der Erde empfangen«: Religiöse Säulen sind zentraler Bestandteil jakutischer Tradition (Tscherski, 14.9.2021)

Dunkle gegen helle Kräfte

Die erste große Veranstaltung fand auf einer großen Wiese vor einer überdachten Tribüne statt, auf der mehrere tausend Menschen Platz fanden. Es wurden verschiedene Szenen aus dem jakutischen Epos Oloncho gespielt. Darsteller liefen in langen Reihen – verkleidet als jakutische Störche – über den Platz und schlugen mit den großen schwarz-weißen Flügeln. Frauen in pelzbesetzter jakutischer Kleidung tanzten, und Krieger führten in eiserner Rüstung kämpferische Bewegungen aus. Zum Schluss zogen Bauern ihre Ochsen und Pferde über den Platz.

Die »heidnischen« Elemente des Festes wurden im Laufe der Sowjetzeit fast verdrängt. Das »Ysyach« wurde zu einem Fest der Erfolge der sozialistischen Gesellschaft. Man besang die Soldaten der Roten Armee, die über die »dunklen Kräfte«, die deutschen Okkupanten, siegten.

Nach der Auflösung der Sowjetunion besann man sich wieder auf den religiösen Ursprung des Festes. Etwas Nationalistisches hat das Fest heute nicht. Im Gegenteil. Die sowjetische Tradition wurde in die Veranstaltung integriert. So wurde das Fest in diesem Jahr dem 100. Jubiläum der »Autonomen Sozialistischen Sowjetischen Republik Jakutien« und dem 390. Jubiläum der Stadt Jakutsk gewidmet. Mit der Gründung von Jakutsk begann die Zugehörigkeit von Jakutien zu Russland.

Zwar ist Jakutien mit knapp einer Million Menschen nur schwach besiedelt. Aber das »Ysyach«-Fest hat überregionale Bedeutung. Auf der Eröffnungsfeier am 25. Juni sprach nicht nur das Oberhaupt von Jakutien, Aisen Nikolajew, sondern auch das Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tatarstan, das mit großer Delegation angereist war, ein Vertreter der russischen Präsidialverwaltung und ein Konsul der Volksrepublik China. Der Konsul redete in gutem Russisch, sehr emotional und humorvoll, was bei den Zuschauern gut ankam und mit viel Zwischenapplaus bedacht wurde.

Nach den Ansprachen der offiziellen Vertreter begann der religiöse Teil der Feier. Ein Algyctschyt – also ein Priester – bat die Götter um Schutz und einen Segen für die Menschen. Immer wieder rief er über die Lautsprecheranlage, »Uruij tuskul«, was so viel heißt wie: »Erfolg soll sie begleiten!« Die Zuhörer antworteten freudig mit den gleichen Worten.

Der Priester besprengte immer wieder die Flammen eines Holzfeuers mit Kumys, vergorener Stutenmilch. Diese Milch gilt als heilig und als Zeichen von Üppigkeit. Kumys wird als irdische Verkörperung eines »himmlischen Milchsees« verehrt.

Zum Abschluss der Zeremonie liefen die Zuschauer in die Mitte des großen Platzes und bildeten – indem sie sich an den Händen fassten – Kreise. Es begann der Jahrhunderte alte Sonnentanz, bei dem sich der Kreis zu Gesang und Schaukelschritt der Teilnehmer langsam drehte.

Ein kosmisches Gefühl

In der Nacht zum 26. Juni – die Nacht war hell – gab es dann einen weiteren Höhepunkt, »das Treffen mit der Sonne«. Die Zeremonie fand am Rande des Festgeländes statt, wo man einen Blick auf die umliegenden Wiesen und Wälder hatte. Ein paar kleine Pferde und eine einfache Holzhütte rundeten das stimmungsvolle Bild ab.

Erwartungsvoll verfolgten die Menschen eine weitere Gebetszeremonie eines Priesters, der von weißgekleideten Helfern umgeben war. Diese schwenkten Behältnisse, aus denen Rauch aufstieg. Die Augen der über 1.000 Versammelten waren auf den Horizont gerichtet. Als dann um 2.30 Uhr örtlicher Zeit eine orangefarbene Sonne am Horizont aufstieg, breiteten die Menschen ihre Arme kreisförmig aus, so als wollten sie die wärmenden Strahlen in sich hineinleiten.

Das »Treffen mit der Sonne« war mit nichts vergleichbar, was ich bisher erlebt habe. Obwohl ich die Arme nicht ausbreitete, fühlte ich mich doch als Teil eines friedlichen Ganzen, das über die Erde hinausreicht. Um mich herum sah ich Menschen unterschiedlichen Alters und sozialen Status. Der positive Bezug zur Sonne schaffte ein Gefühl der Einigkeit und Harmonie.

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Nah dran: Beim »Ysyach«-Fest spielt die Begrüßung der Morgensonne eine besondere Rolle (Nuoragana, 5.9.2021)

Die Andacht wurde auf Jakutisch gehalten. Nur gelegentlich wechselte die Moderatorin ins Russische. Jakutisch klang in meinen Ohren fast Türkisch. Man muss wissen: Jakutisch gehört zu den Turksprachen. Ursprünglich stammen die Jakuten aus dem südsibirischen Gebiet um den Baikalsee, wo auch andere Turkvölker leben. Im 15. Jahrhundert wanderten die Jakuten dann mit ihren Viehherden nach Norden.

220.000 Menschen sollen in diesem Jahr das große Fest besucht haben. Natürlich hatte es auch etwas von einem Rummel. Aber es gab einzigartige Momente, die ich nicht vergessen werde, die entspannten Gesichter an der »Säule der Wünsche« und die glücklichen Gesichter bei den Tänzen in der hellen Nacht.

Jakutien umfasst von seiner Fläche ein Fünftel von Russlands Territorium. Mit drei Millionen Quadratkilometern ist die Region etwa so groß wie Indien. Die Republik ist reich an Bodenschätzen, Gold, Edelsteine, Öl, Gas und Kohle. Der Diamantenabbau begann in den 1950er Jahren, nachdem russische Geologen in der Tundra Lagerstätten des edlen Steines fanden. Heute ist Russland der weltweit größte Produzent von Naturdiamanten.

Mit Temperaturen von bis zu minus 60 Grad Celsius im Winter ist Jakutien die kälteste Region Russlands. Der Boden ist gefroren und taut im Sommer nur bis zu einer Tiefe von zwei Metern auf. In der kurzen Zeit von Juni bis August werden Kartoffeln angebaut. Erst im vergangenen Jahr wurde in der Hauptstadt Jakutsk ein Komplex von Gewächshäusern fertiggestellt. Sie sind das ganze Jahr über in Betrieb und haben eine Außenhaut aus einer hauchdünnen Fluorpolymerfolie, die kältebeständig ist und das komplette Sonnenlicht durchlässt.

Die Gewächshäuser sind wichtig für eine vitaminreiche Ernährung, denn die Stadt Jakutsk ist bisher nicht direkt an das russische Fernstraßennetz angeschlossen. Eine Brücke, welche die Stadt Jakutsk mit der auf der anderen Seite der Lena befindlichen Fernstraße A 360 verbinden soll, ist erst in Planung.

Träumereien vom Zerfall Russlands

Seit Russlands Einmarsch in der Ukraine wird in westlichen Kreisen wieder über den möglichen Zerfall Russlands gesprochen. Nach Meinung einiger russischer Liberaler ist der Zerfall des großen Landes die einzige Möglichkeit, damit Russland sich nicht andere Länder einverleiben kann. Von russischen Liberalen heimlich erwünscht ist, dass Russland auf die Größe schrumpft, die das Land hatte, bevor es im 16. Jahrhundert begann, Sibirien und den Kaukasus zu erobern.

Der bekannte US-Journalist Casey Michel schrieb kürzlich in der Zeitschrift The Atlantic einen Aufsatz unter dem Titel »Russland entkolonisieren«. Der Westen müsste »das Projekt von 1991 zu Ende führen«. Michel erinnert an die erste Hälfte der 1990er Jahre, als es nicht nur im russischen Nordkaukasus, sondern auch in Tatarstan und Jakutien einen Drang nach Unabhängigkeit von Moskau gab.

Doch wie der liberale russische Politologe Alexander Kynew in der deutschen Fachzeitschrift Osteuropa ausführt, ist ein Auseinanderbrechen Russlands nicht wahrscheinlich, da der Kreml die Regionen über verschiedene Kanäle und die häufige Umbesetzung von Gouverneursposten seit 2004 streng kontrolliere. Auch weil es seit 2004 keine Direktwahl der Gouverneure mehr gibt, könnten sich keine eigenständigen regionalen Eliten mehr bilden, so Kynew. Die Republik Jakutien – so der Politologe – gehöre zwar zu den neun Republiken in Russland, wo die Titularnation eine Mehrheit stellt. Einer Abspaltung Jakutiens stände aber im Wege, dass die Region im Gegensatz zu den kaukasischen Teilrepubliken »keine Landgrenze mit einem anderen Staat, sondern lediglich die Küste des Nordpolarmeers als Außengrenze« hat.

Den Göttern des Tengrismus dürften die Spekulationen westlicher Politologen und Journalisten egal sein. Soviel aber steht fest: Wer über Sibirien spricht, sollte es auch besuchen.

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  • Leserbrief von Armin Christ (16. Juli 2022 um 10:00 Uhr)
    »Wie die Jurten der Mongolen« – richtig ist, dass diese mobilen Häuser bei den Turkvölkern Jurt(e) heißen, bei den Mongolen heißen sie allerdings Gert. Mal wieder ein Beispiel westlicher Kulturignoranz, leider auch hier in der jw.

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