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Aus: Ausgabe vom 11.07.2022, Seite 8 / Ansichten

Zu ehrlich gewesen

Ukrainischer Botschafter abberufen
Von Reinhard Lauterbach
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Wird die Bundesregierung bestimmt nicht vermissen: Der zukünftige Exbotschafter Andrij Melnyk am 20. April in Berlin

Einigen wird Andrij Melnyk in Berlin fehlen: nämlich der Kriegshetzerfraktion der deutschen Politik- und Medienszene. An der Spitze vertreten durch Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt von Bündnis 90/Die Grünen, die dem scheidenden ukrainischen Botschafter nachrief, er habe sich »mit voller Kraft für sein Land eingesetzt« und sei »eine unüberhörbare und unermüdliche Stimme für eine freie Ukraine« gewesen. Die Äußerung, die ihn jetzt wohl das Amt gekostet hat – die Verherrlichung des Nationalistenführers und Nazikollaborateurs Stepan Bandera in einer der Talkshows, die ihn so gern einluden –, spielte Göring-Eckardt mit den Worten herunter, sie sei in dieser Frage »anderer Ansicht« als Melnyk. Als ginge es darum, ob man zum Beispiel gern Leberwurst isst. Das ist eine indirekte Legitimierung des ukrainischen Faschismus als »andere Meinung«, die man aber zweifellos haben dürfe. Von allen Tabubrüchen der Grünen ist diese Verharmlosung nur der letzte, der noch kaum jemandem aufgefallen zu sein scheint. Vielleicht, weil er kein Einzelfall ist: im Spiegel schrieb eine Franziska Davies, »die Deutschen« sollten in dieser Situation »den leidenden Ukrainern keine Ratschläge erteilen«. Ein Rest an historischem Respekt als unerbetener Ratschlag? An Leute, die man ansonsten noch braucht, obwohl oder vielmehr genau, weil sie halt so drauf sind?

Formal gesehen hatte Melnyk mit der Aussage sogar recht, Bandera habe keine Juden umgebracht. Das hat Adolf Hitler persönlich ja auch nicht getan. Aber ebensowenig wie diesen kann diese Tatsache Bandera und den ukrainischen Nationalismus von der politischen Verantwortung für die Untaten entlasten, zu denen seine Anhänger die deutsche Besatzungsherrschaft genutzt haben. Es stimmt, dass Bandera persönlich den Großteil der Kriegszeit in einer Prominentenbaracke in Sachsenhausen interniert war. Denn sein Streben, im Schatten des deutschen Vormarsches eine unabhängige Ukraine auszurufen, deckte sich nicht mit den Plänen der Nazis für das besetzte Osteuropa. Aber als die Westukraine bereits von der Roten Armee befreit worden war, erinnerten sie sich an ihn und besprachen mit ihm im Oktober 1944 im Reichssicherheitshauptamt die Option eines Krieges nach dem Krieg. Woran der BND in den 1950er Jahren gern anknüpfte, vermittelt durch den baltendeutschen Professor Gerhard Mende, der Bandera im »Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete« und danach in einer Dienststelle des Bundesinnenministeriums als eine Art Führungsoffizier betreut hatte.

Man muss es Melnyk lassen: Er hat seine Regierung würdig repräsentiert. So sind sie drauf in Kiew, trotz eines Präsidenten mit jüdischen Wurzeln. Und genau dies: Dass ein Verbleib Melnyks auf seinem Posten die Verfasstheit seines Landes auf die Dauer allzu kenntlich gemacht hätte, dürfte der Grund dafür sein, dass er jetzt abberufen wurde.

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  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus 12105 Berlin (11. Juli 2022 um 08:50 Uhr)
    NATO und EU-Politik für soziale Bevorzugung der Flüchtlinge aus der Ukraine. Warum werden Flüchtlinge aus der Ukraine finanziell und sozial besser gestellt – in Bildung und Ausbildung, auf dem Gesundheits-, Arbeits- und Wohnungsmarkt – als andere Migranten und Flüchtlinge, aber auch als die heimische Bevölkerung? – Etwa, weil sie, mit ihren Soldaten und Söldnern, einen geopolitischen und wirtschaftspolitischen NATO-Stellvertreterkrieg für die USA und EU-Deutschland gegen Russland (und vorsorglich China) führen?
  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude Russland (11. Juli 2022 um 04:48 Uhr)
    »Dass ein Verbleib Melnyks auf seinem Posten die Verfasstheit seines Landes auf die Dauer allzu kenntlich gemacht hätte, dürfte der Grund dafür sein, dass er jetzt abberufen wurde.« Genau das ist es. Es könnte in Deutschland dann auffallen – dass wesentlich höhergestellte Beamte, Politiker und Militärs als Melnyk in der Ukraine genau die gleiche Haltung zum faschistischen Massenmörder Bandera haben, der die Ukraine frei von Russen, Polen, Juden und anderen Minderheiten morden wollte —, dass die russische Bevölkerung im Donbass bei 14.000 Toten seit 2014 ebendiese Erfahrung aktuell gemacht hat –, dass Straßen nach Bandera benannt und zahlreiche Denkmäler für ihn errichtet wurden (unter anderem mit Geld, welches aus der deutschen Partnerstadt Freiburg gespendet wurde). Vielleicht findet sich auch noch eine deutsche Stadt, die für ein Denkmal für Heydrich in Prag spendet. An seinem Grab kann man jedenfalls in Berlin noch Blumen niederlegen, so wie Melnyk an Banderas Grab in München. Für den Nazikollaborateur Wlassow steht in Prag schon ein Denkmal. Dass nicht nur Bandera, sondern auch andere ukrainische Kriegsverbrecher und Hitlerkollaborateure der ukrainischen Jugend, die in Schulbüchern von der ersten Klasse an gegen Russland verhetzt wird, als Helden dargestellt werden – dass Melnyks Meinung in der Ukraine nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Bandera ist dort Nationalheld. Peinlich, aber nur folgerichtig nach der in Deutschland eben nicht stattgefundenen gründlichen Aufarbeitung der Zeit von 1933 bis 45,war das deutsche Schweigen zu dem allen. Dass Melnyk jetzt gehen musste, ist das Verdienst Polens und Israels. Weder die USA noch die BRD hatten nach 1945 Berührungsängste mit Faschisten, wenn es gegen die UdSSR und jetzt gegen Russland ging, wenn irgendetwas auch nur entfernt nach Sozialismus roch (Indonesien – Suharto, Chile – Pinochet). Deutschland und ukrainische Nazis – die alten Verbündeten sind wieder die neuen.
  • Leserbrief von Ronald Prang aus Berlin (10. Juli 2022 um 21:42 Uhr)
    Ein strammer Antikommunist hat Deutschland verlassen, dass ihm nun diejenigen Tränen nachweinen, die von CDU/CSU und AfD als Linke bezeichnet werden, ist nicht verwunderlich. Die ehemaligen Umweltschützer und Pazifisten müssen ihre neoliberale Neuausrichtung beweisen. Der nationale Kapitalismus hat ausgedient, heute lassen sich die Probleme der Menschheit nur noch global beherrschen, insoweit ist der Nationalismus heute das »Opium fürs Volk«. Gehört also heute dem Neoliberalismus, zu dem die »Grünen« lange gehören, die Zukunft? Haben wir Linken, mit unseren Grabenkämpfen und dem Untergang des real existierenden Sozialismus die Chance zur Gestaltung einer humanen Gesellschaft verspielt? Wir befinden uns wieder in einer Situation wie vor 100 Jahren: Inflation, immer stärkere Verarmung immer größerer Teile der Menschheit und Krieg, wohin man schaut, jetzt auch in Europa. Die Rechten in Deutschland sind, nicht nur national, hervorragend vernetzt – Justiz, Polizei und Militär sind längst unterwandert. In der Partei Die Linke träumt man vom »warmen Sessel« auf der Regierungsbank und verspielt den Sitz im Parlament. In Großbritannien hat es, nach Austritt aus der EU, gerade Boris Johnson aus der »Kurve getragen«, in den USA tanzt wieder Trump in den Sonnenschein. In Frankreich stehen sich Links und Rechts direkt gegenüber. Nur im antikommunistischen Deutschland streiten die linken Kräfte, in akademischen Zirkeln, über den richtigen Weg zur Macht. Wann fangen wir endlich an, uns um das Potenzial an Wählern zu bemühen? Wann fangen wir an, den Wähler dort »abzuholen« wo er steht. Wir müssen die gewinnen, die nicht akademisch gebildet sind, die aus der Gesellschaft Ausgestoßenen, die Armen, die Ungebildeten, da liegt unsere Zukunft. Wollen wir wieder zu lange warten? Einfach mal wieder W. Reich »Massenpsychologie des Faschismus« lesen, seine Analyse passt perfekt zum Erfolg der AfD. Seine Ziele sind nicht meine, das ändert nichts an der Qualität seiner Analyse des Aufstiegs.
  • Leserbrief von Richard (10. Juli 2022 um 21:34 Uhr)
    Es ging nicht nur um die Verfasstheit seines Landes. Die gesamte westliche Medien- und Politszene dürfte sich zum Ende hin dann doch entblößt gefühlt haben. Ich sag’s mal so: Der Westen hat in Vietnam und Co nicht nur gegen (!) etwas gekämpft (angeblich gegen den Kommunismus, viel eher aber die Selbstbestimmtheit der Menschen und der Völker, speziell in ehemals Indochina, später u. a. auch bei der Beseitigung von Patrice Lumumba oder noch später auch bei z. B. Gaddafi, der eine afrikanische Union ausrufen und eine vom Gold gedeckte Währung einführen wollte), nein. Der Westen hat vor allem für (!) etwas gekämpft: die internationale Durchsetzung des Faschismus. Melnyk hat diese Ideologie zu offen zum Ausdruck gebracht bzw. ein Tabu gebrochen. Bei Antisemitismus hört der Spaß auf. Den gleichen Hass »nur« gegenüber den Russen zu propagieren, geht in der westlich-faschistischen Ideologie voll in Ordnung. Da reicht es zu einer Erkenntnis selbst dann nicht, obwohl im Zweiten Weltkrieg etwa fünfmal so viele Russen ermordet wurden als Juden. Auch da ging es ja um Vernichtung … Der Westen hat fertig. Die Grünen demonstrieren ihre faschistische Rassenideologie besonders unappetitlich. Siehe eine Baerbock, die eine Madeleine »mir sind es 500.000 tote Kinder wert« Albright als ihr Vorbild betrachtet.

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