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Aus: Ausgabe vom 09.07.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Abstrakt oder konkret

Der Philosoph Fritz Kumpf legte 1968 eine Untersuchung der Imperialismusanalysen verschiedener Theoretiker vor. Ein Auszug
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Grenzen des Imperiums: Aufstand der indischen Armee gegen die britischen Besatzer 1857 (Holzstich, London, ca. 1880)

Wenn das auf der Konzentration des Kapitals entstandene Monopol das Wesen des Imperialismus bildet, so bedeutet das, dass es in seinem Wesen auch der historische Ausgangspunkt ist. Das heißt nicht, dass alle anderen Momente des Imperialismus sich erst zeitlich nach der Entwicklung des kapitalistischen Monopols herausgebildet haben. Verschiedene Elemente, wie die territoriale Aufteilung der Welt, die Kapitalausfuhr, gab es natürlich schon vor dem Imperialismus. Eine abstrakt historische Untersuchung kann daher den Ursprung des Imperialismus in anderen Erscheinungen, z. B. in der Kolonialpolitik, sehen. So liegt schon in der Bestimmung des Wesens des Imperialismus durch Kautsky (»Imperialismus … besteht in dem Drange jeder industriellen kapitalistischen Nation, sich ein immer größeres agrarisches Gebiet zu unterwerfen und anzugliedern«) die Tendenz, den Imperialismus nicht aus seinem ökonomischen Wesen, sondern aus einem abstrakten Ausdehnungsdrange herzuleiten. Weil (Karl) Kautsky (1854–1938, österreichisch-tschechischer marxistischer Theoretiker, jW) den wirklichen Ausgangspunkt des Imperialismus nicht fasst, kann er auch das System des Imperialismus nicht begreifen. Deshalb ist er u. a. nicht in der Lage, bestimmte Oberflächenerscheinungen in ihrem inneren Wesen zu begreifen. Das gilt z. B. für die Erfassung des Wesens des Ersten Weltkrieges.

Auch (John Atkinson) Hobson (1858–1940, englischer Ökonom, veröffentlichte 1902 den Band »Imperialismus«, jW) ist nicht in der Lage, den objektiv-realen Ausgangspunkt für die Analyse des Gesamtsystems des Imperialismus zu finden. Er geht von einer ausführlichen Behandlung der Kolonialpolitik aus, was angesichts Englands als dem Hauptgegenstand der Untersuchung verständlich, theoretisch aber dennoch falsch ist. Wohl führt er die Riesendimensionen der Kolonialpolitik auf wirtschaftliche Ursachen zurück. Er sieht die wirtschaftliche Wurzel des Imperialismus vor allem in der Investitionstätigkeit. Das Inland bietet nicht mehr genügend Anlagemöglichkeiten, darum strömt es nach außen und wird somit zu einem mächtigen Hebel imperialistischer Expansion. »Daher kommen wir zu dem Schluss, dass der Imperialismus das Bestreben der Machthaber der Industrie ist, den Kanal, durch den ihr überschüssiger Reichtum abfließt, dadurch zu verbreitern, dass sie im Ausland Märkte und Investitionsmöglichkeiten zur Aufnahme der Güter und Kapitalien suchen, die sie im eigenen Lande nicht verkaufen oder verwerten können.« (John A. Hobson: Imperialism. London 1938, Seite 85) Damit werden von Hobson bestimmte wirkliche Sachverhalte erfasst. Da er aber nicht von der Konzentration der Produktion und dem durch sie erzeugten Monopol ausgeht, ist ihm in nicht geringem Grade schon vornherein methodologisch der Weg zu einer adäquaten Erfassung des Imperialismus als eines ganz bestimmten Systems versperrt.

Mängel in der Beherrschung der dialektischen Methode machen sich diesbezüglich auch in Rosa Luxemburgs Imperialismusanalyse bemerkbar. Sie ist sich in ihrer Arbeit »Die Akkumulation des Kapitals«, in der sie sich die Aufgabe stellt, auch eine Erklärung des Phänomens Imperialismus zu geben, der Bedeutung des Historischen durchaus bewusst. (…) Mit der historischen Untersuchung will Rosa Luxemburg auf folgende, den eigentlichen Ausgangspunkt bildende Frage eine Antwort geben: »Wie ist es möglich, dass die planlos vor sich gehende Versorgung des Marktes mit Produktionsmitteln und Arbeitskräften, wie die planlos und unberechenbar sich ändernden Absatzbedingungen dem Einzelkapitalisten die jeweilig seinen Akkumulationsbedingungen entsprechenden, also in einem bestimmten Quantitätsverhältnis wachsenden Mengen Produktionsmittel, Arbeitskräfte und Absatzmöglichkeiten sichern?« (…) Eine konkret historische Untersuchung des Imperialismus hätte von dem spezifischen Ausgangspunkt des Imperialismus auszugehen gehabt, von wo aus natürlich auch eine historische Betrachtungsweise in bestimmten Grenzen möglich gewesen wäre. Die historische Untersuchung Rosa Luxemburgs führt uns aber nicht an diesen Punkt heran, so dass die Analyse des Imperialismus an der Abstraktheit leidet, die schon die zitierte Fragestellung aufweist, in der das Spezifikum der zu untersuchenden gesellschaftlichen Verhältnisse in keiner Weise anklingt. Das alles zeigt seine Ergebnisse in der schon erwähnten Bestimmung des Imperialismus durch Rosa Luxemburg (»Der Imperialismus ist der politische Ausdruck des Prozesses der Kapitalakkumulation in ihrem Konkurrenzkampf um die Reste des noch nicht mit Beschlag belegten nichtkapitalistischen Weltmilieus.«), die in ihrer Grundstruktur (der Trennung der politischen Sphäre von der ökonomischen Grundlage) gewisse Gemeinsamkeiten mit der Definition von Kautsky aufzuweisen hat.

Fritz Kumpf: Probleme der Dialektik in Lenins Imperialismusanalyse. Eine Studie zur dialektischen Logik. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1968, Seiten 98–100

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