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Aus: Ausgabe vom 09.07.2022, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Sport und Politik

»Die olympische Friedensidee muss neu belebt werden«

Über die Münchner Sommerspiele von 1972 und die Bedeutung von sportlichen Großereignissen. Ein Gespräch mit Helmut Digel
Interview: Andreas Müller
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Vorfreude auf die Sommerspiele 1972: Test der Anzeigetafel im Münchner Olympiastadion

Zuletzt sind reihenweise Olympiabewerbungen aus Deutschland – Winterspiele in München oder Sommerspiele in Hamburg – gescheitert. Grund war vor allem der energische Protest der Einwohner. Wie stand es um Vorbehalte und Bedenken der Bevölkerung rund um die Olympischen Sommerspiele von München 1972?

Heute wäre eine Bewerbung ohne Bürgervotum wohl undenkbar. Als das NOK (Nationales Olympisches Komitee, jW) der Bundesrepublik unter Führung von Willi Daume Anfang der 60er Jahre seine Bewerbung beim IOC (Internationales Olympisches Komitee, jW) eingereicht hat, wurde dieser Schritt von der deutschen Öffentlichkeit so gut wie gar nicht wahrgenommen. Dieser Vorgang wurde als eine Angelegenheit des NOK, der Stadt München und des Bundeslandes Bayern angesehen. Die Idee, dass bei einer derartigen Bewerbung im Vorfeld zwingend eine Volksbefragung stattzufinden habe, gab es zu dieser Zeit noch nicht. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die sinnvollen Ziele, die München mit den Spielen verfolgte, die Einwohner damals überzeugt hätten und dass diese Bewerbung sicher eine deutliche Mehrheit auch im gesamten Bundesgebiet gefunden hätte.

Wie haben Sie die Atmosphäre im Lande und in der Gastgeberstadt damals erlebt?

Schon der Bau des architektonisch einmaligen Olympiastadions hatte nicht nur die Münchner Bevölkerung fasziniert, sondern erzeugte im gesamten Land bis hinauf nach Kiel, wo ja die Olympischen Segelwettbewerbe stattfinden sollten, eine Vorfreude auf ein Ereignis, bei dem sich Deutschland zum ersten Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als weltoffener und freundlicher Gastgeber präsentieren konnte. Die Baustelle für den Olympiapark und das Stadion mit seiner futuristischen Dachkonstruktion habe ich mir mehrmals aus nächster Nähe angesehen. Vor allem hatte mich dieses Dach sofort in seinen Bann gezogen, das ja später zum weltweiten Vorbild für viele solcher Glaskonstruktionen geworden ist.

Wie nahe dran waren Sie damals am Geschehen? Was war bei »München ’72« Ihre spezielle Aufgabe?

Vor den Spielen gab es einen besonderen wissenschaftlichen Kongress, an dem ich als wissenschaftlicher Assistent von Ommo Grupe, der die Leitung innehatte, einige der internationalen Referenten betreuen durfte. Dieser Kongress mit dem Titel »Sport in unserer Welt – Chancen und Probleme« fand im Auftrag des Organisationskomitees für die Spiele vom 21. bis 25. August statt und ist wohl bis heute die größte wissenschaftliche Veranstaltung, die es jemals aus Anlass von Olympischen Spielen gab. Die Spiele selbst habe ich dann zu Hause in Tübingen am Fernseher von morgens bis abends verfolgt. Die Helden dieser Spiele sind mir bis heute in Erinnerung geblieben. Ich denke dabei an Leichtathletin Heide Rosendahl, an das Duell der Speerwerfer zwischen dem Letten Janis Lusis und Klaus Wolfermann, an den Schwimmer Mark Spitz und seine sieben Goldmedaillen. Ich denke auch an Waleri Borsow, der über 100 Meter und 200 Meter zum Sieg sprintete, und natürlich an die Erfolge der DDR-Mannschaft, die im Medaillenspiegel hinter der Sowjetunion und den USA einkam – einen Platz vor dem Team der Bundesrepublik.

Was muss man sich unter einem solchen wissenschaftlicher Kongress des IOC vorstellen?

Willi Daume sah in dieser Veranstaltung in Verbindung mit den Spielen eine informierende, reflektierende und kritische Instanz, bei der sich Wissenschaft nicht nur als angewandt und Praxis bezogen in der Betreuung von Athleten auszeichnet, sondern die Spiele aus allen denkbaren Perspektiven auf einen Prüfstand zu stellen vermochte. Dieser Anspruch spiegelte sich schon in der enormen Zahl von insgesamt 2.200 Kongressteilnehmern aus 72 Ländern wider. 100 herausragende Wissenschaftler aus 30 Ländern waren der Einladung als Referenten gefolgt. Zugleich gab es rund um den Kongress die Ausstellungen »100 Jahre deutsche Ausgrabungen in Olympia«, »Sport und Medizin« sowie zum Thema Literatur und Sport.

Welchen »Nährwert« versprachen sich IOC und Gastgeber von solchen Veranstaltungen?

Mit seinen Ideen sah sich Willi Daume in der Tradition von Pierre de Coubertin. Olympische Spiele waren für ihn immer mehr als nur ein bloßes sportliches Ereignis. Der olympische Sport war für ihn ein bedeutsamer Teil einer Kultur einer modernen Gesellschaft, wie sie überall in der Welt erwünscht sein sollte. Deshalb zeichneten sich die Münchner Spiele durch eine Symbiose von Kunst, Literatur, Architektur, Wissenschaft und olympischem Sport aus, wie sie meines Erachtens weder zuvor noch danach bei Olympischen Spielen der Neuzeit angetroffen werden konnte.

Zum Programm Olympischer Spiele gehörten früher auch Wettbewerbe auf kulturellem Gebiet, bei denen es ebenso um Medaillen ging wie bei den sportlichen Vergleichen. Warum sind diese Facetten inzwischen aus dem Programm verschwunden?

Bei den wenigen Spielen, bei denen es solche Wettbewerbe gab, fanden diese leider nicht jene Beachtung, die man sich für sie gewünscht hätte. Durch die Dominanz des Sportprogramms, durch die ständige Ausweitung der Spiele und durch die zunehmenden kommerziellen Interessen ist es zur Vernachlässigung dieser wichtigen Programminhalte gekommen. Gerade vor diesem Hintergrund war es für Daume ein äußerst wichtiges Anliegen, den kulturellen Charakter der Olympischen Spiele mit neuen Akzenten zu versehen.

Sie meinen, bei Spielen mit zunehmend mehr Sportarten sowie einer größeren Zahl von Teilnehmern, Funktionären und Presseleuten sei fürs »Nichtsportliche« immer weniger Platz gewesen? Und dass das wissenschaftlich-kulturelle Begleitprogramm auf immer weniger Interesse gestoßen wäre?

Bei fast allen Olympischen Spielen nach 1972 wurde immer wieder versucht, dem Vorbild von München zu folgen. Doch angesichts der gefährlichen Ausweitung des olympischen Wettkampfprogramms und der massenmedialen Aufwertung der Athletinnen und Athleten und ihrer Wettkämpfe wurden die zum Teil durchaus beachtlichen kulturellen Programme der jeweiligen Gastgeber meist nicht mehr wahrgenommen. Vor allem auch deshalb, weil die Besucher der Spiele gar keine Zeit mehr zum Besuch solcher Kulturveranstaltungen und Ausstellungen finden konnten. Und wenn die Besucher während der Spiele untereinander zusammenkommen, dann treffen sich die Deutschen im »Deutschen Haus«, die Italiener in der »Casa Italia«, die Österreicher im »Haus Austria«, die Schweizer im »Schwyzer Hus« etc. Eine Begegnung mit der Kultur des Gastgebers findet auf diese Weise so gut wie gar nicht mehr statt.

Überschattet wurden die Spiele vor 50 Jahren von den Schreckensbildern des Attentates vom 5. September, bei dem elf israelische Athleten und Trainer, ein Polizist und fünf der palästinensischen Geiselnehmer ums Leben kamen. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Wie fast alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland habe ich ab der ersten Nachricht wie gelähmt die Berichte über das Attentat im Fernsehen verfolgt. Nach den Naziverbrechen, die wir Deutschen gegenüber unseren jüdischen Mitbürgern und gegenüber vielen Menschen und Nationen in der ganzen Welt begangen hatten, war es ja das besondere Anliegen der Münchner Spiele, uns der Welt als eine neue Gesellschaft zu präsentieren, die weltoffen und gastfreundlich ist und die aus den Fehlern der Vergangenheit die notwendigen Lehren gezogen hat.

Wie war Ihnen zumute, als der damalige IOC-Präsident Avery Brundage bei der Trauerfeier verkündete, die Spiele müssten weitergehen?

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Ich teilte die Meinung, dass angesichts der besonderen Ideen des »Modernen Olympismus« die Spiele fortgesetzt werden müssen. Für mich war schon damals klar und ist es bis heute geblieben: Die besondere Botschaft von Olympischen Spielen ist die des »Friedens auf Zeit«. Diese Idee muss man gegen alle Widerstände verteidigen.

Brundage gehört für mich zu jenen Präsidenten, deren Wirken eher kritisch zu beurteilen ist. Meines Erachtens ist es auch ein Fehler, dass man den mittlerweile berühmten Satz »The Games must go on« nur mit ihm verbindet. Er verkörperte ja nicht allein und als einziger die IOC-Exe­kutive. Es war nicht zuletzt auch Willi Daume, der eine Fortsetzung der Spiele befürwortete und die Auffassung vertrat, dass gerade angesichts des Attentats und im Gedenken an die israelischen Opfer die Friedensbotschaft des Sports aufrechtzuerhalten sei.

Was würden Sie heute anders machen als die Organisatoren damals?

Sicherheitsvorkehrungen, wie sie heute bei Olympischen Spielen üblich sind, gab es damals noch nicht. Man sollte das jedoch nicht als einen Fehler der damaligen Organisatoren bezeichnen. Ich bin dankbar dafür, dass ich noch eine Zeit erleben konnte, in der man in ein Flugzeug ohne elektronische Kontrollen und ohne Videoüberwachung einsteigen konnte und in der man einen Olympiapark wie in München ohne ständige Überwachung bewundern konnte. Ich würde mir wünschen, dass jüngere Menschen in der näheren Zukunft solche Bedingungen wieder antreffen und zum Beispiel Olympia für sie im besten Sinne wieder greifbarer werden könnte.

Was können heutige Bewerbungen und Bewerber von »München ’72« lernen?

München hat für mich auf einmalige Weise gezeigt, dass man städtebauliche Visionen mit der Ausrichtung von Olympischen Spielen Wirklichkeit werden lassen kann, dass notwendige Modernisierungsprozesse durch die Spiele für die jeweiligen Ausrichterregionen angestoßen werden können und dass man eine ganze Nation für die Schönheit der Spiele begeistern kann. Mit der »IOC Agenda 2020 und 2020 +5« lassen sich nun, nach vielen Fehlern, die in der Vergangenheit gemacht wurden, zukünftig auch in anderen Ländern dieser Welt Spiele nach dem »Münchner Modell« durchführen. Allerdings ist dabei erforderlich, dass der Aufwand sich in vertretbaren Grenzen hält, dass die Kosten von den Ausrichtern verantwortungsvoll kalkuliert werden und sich im Ergebnis dessen Einnahmen und Ausgaben in einer Balance bewegen.

Sportlich stand im deutsch-deutschen Spannungsverhältnis vor 50 Jahren die beinharte Auseinandersetzung zwischen den Mannschaften der DDR und der Bundesrepublik im Vordergrund – oder ist es gar nicht so gewesen?

Die Spiele in München fanden inmitten des Kalten Krieges statt. Die politische Systemauseinandersetzung war demzufolge unverkennbar. Dies gilt vor allem für das deutsch-deutsche Prestigeduell, bei dem die DDR unter sportlichen Gesichtspunkten eindeutig als Sieger hervorging.

Im Rückblick und der Nachbereitung scheinen die DDR-Medaillen ab 1972 nicht das Ergebnis knallharten Trainings, sondern zuerst das Resultat von Doping und Manipulation …

Die heute noch weitverbreitete Annahme, dass jeglicher sportliche Erfolg der DDR auf einen staatlich verordneten Medikamentenmissbrauch zurückzuführen ist, war und ist weder angemessen noch weiterführend. Mit Blick auf das nach wie vor ungelöste Dopingproblem des olympischen Sports waren die Spiele von München ohne Zweifel auch »Dopingspiele«. Dies gilt für die Sowjetunion und die USA gleichermaßen wie für Großbritannien, die Bundesrepublik und die DDR.

Wie ist aus Ihrer persönlichen Sicht die bisherige Aufarbeitung der deutschen Sportgeschichte seit 1945 einzuschätzen? Was ist gut, was weniger gut gelaufen?

Die Entwicklung des Sports seit 1945 in beiden deutschen Staaten bis 1990 und die weitere gemeinsame Entwicklung ist sehr gut erforscht. Die Erkenntnisse sind einer breiten Öffentlichkeit allerdings nach wie vor nicht bekannt. Somit wird diese Entwicklung häufig mit Vorurteilen und einseitigen Bewertungen diskutiert, die der Sache nicht gerecht werden.

Was braucht es für eine objektive Bewertung?

Leider schreitet die »Boulevardisierung« der Massenmedien immer weiter voran. Hintergrundberichterstattung auf der Grundlage guter Recherchen ist immer seltener geworden. Und Sport als ständiges Thema eines jeden guten Feuilletons deutscher Tageszeitungen ist kaum noch eine Realität, sondern höchstens noch eine Wunschvorstellung von Leuten wie mir, die deswegen der Naivität bezichtigt werden.

In Nordrhein-Westfalen existiert noch immer das Paradoxon einer Olympia-Bewerbungsgesellschaft mit Michael Mronz an der Spitze, obwohl die Rhein-Ruhr-Region für die Ausrichtung der Sommerspiele 2032 längst das Rennen gegen Brisbane in Australien verlor und offiziell keine neue Bewerbung von deutscher Seite existiert. Wie groß ist Ihre Hoffnung, noch einmal Olympische Spiele in Deutschland mitzuerleben?

Bei uns fehlt es am gemeinsamen Willen, aufrichtig Olympische Spiele ins Land holen zu wollen. Will man sie wirklich, so bedarf dies einer vertraulichen Vorbereitung. Der Bundespräsident und der Bundeskanzler mit seiner Regierung müssen genauso hinter einer deutschen Bewerbung stehen wie sämtliche Parteien im Bundestag. Eine finanzielle Absicherung der Bewerbung ist dabei eine selbstverständliche Voraussetzung. Erst wenn es dieses Fundament gibt, verträgt eine Bewerbung des DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund, jW) eine massenmediale Öffentlichkeit. Eine kostenintensive Volksabstimmung, die immer von den jeweils relevanten Tagesthemen abhängig ist und bei der meist eine fachliche Expertise keine Rolle spielt, würde sich dann vermutlich erübrigen.

Heute meint jeder nachgeordnete Sportfunktionär, seine Ideen über zukünftige Spiele in Deutschland im Fernsehen, in den Tageszeitungen und in den sozialen Medien vortragen zu müssen, nur um seiner eigenen Eitelkeit gerecht zu werden.

Helmut Digel … (Jahrgang 1944) ist Sportsoziologe. Von 1993 bis 2001 war er Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes und in dieser Zeit zugleich Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) sowie von 2001 bis 2007 Vizepräsident des Internationalen Leichtathletikverbandes (IAAF), dessen Council er von 1995 bis 2015 angehörte. Von 2002 bis 2010 leitete der emeritierte Professor das Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen

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