Dein Abo für den heißen Herbst!
Gegründet 1947 Sa. / So., 1. / 2. October 2022, Nr. 229
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Dein Abo für den heißen Herbst! Dein Abo für den heißen Herbst!
Dein Abo für den heißen Herbst!

Nachteil Euro

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
Lucas_Zeise_Logo.png

Der Euro ist vor drei Tagen mit 1,015 US-Dollar auf ein Zwanzigjahrestief gefallen. Kein Grund, sich darüber zu wundern. Denn es gibt viele Gründe für die Schwäche der Währung der Euro-Zone. Erstaunlicher ist vielmehr, dass die beiden wichtigsten Währungen der Welt so wenig zueinander schwanken und der Euro-Kurs in Dollar gerechnet sich mehrere Jahre lang in einer engen Spanne zwischen 1,15 und 1,22 bewegte. Das ist beim Handel mit Rubel/Dollar oder Türkische Lira/Dollar schon etwas anders. Der Kursrutsch des Euro in den vergangenen zwölf Monaten von rund zehn Prozent geschieht beim Rubel oder der Lira locker schon mal an einem Tag. (Wobei anzumerken ist, dass der Rubel seit März mehr spektakuläre Gewinne verzeichnet hat als Abstürze.) Auch das Pfund Sterling ist sehr viel beweglicher, wie man zum Beispiel beobachten konnte, als der britische Premier Boris Johnson am Mittwoch abend von seiner Partei abserviert wurde und das Pfund nach einigen Wochen der Schwäche einen Sprung nach oben von fast fünf Prozent hinlegte.

Die Schwächeperiode des Euro begann im vergangenen Jahr, als deutlich wurde, dass die USA dank satter Konjunkturprogramme der Biden-Regierung einen lebhafteren Wiederaufschwung nach der Coronarezession erleben würden und dass die Zinsen in den USA in Reaktion auf die in beiden Währungsräumen kräftig anziehende Inflation früher und stärker steigen würden als in Westeuropa. Der Krieg in der Ukraine, vor allem aber die immer schärfer werdenden Wirtschaftssanktionen der NATO und der anderen mit den USA verbündeten Staaten verschärften das Bild. Der schon zuvor kräftig gestiegene Ölpreis hatte die Inflation zuvor auf beiden Seiten des Atlantiks in ähnlicher Weise angeheizt. Die Sanktionen des Westens und die hektischen Bemühungen der EU-Staaten, sich von russischem Erdgas unabhängig zu machen, führten aber zu rasanten weiteren Steigerungen des Erdgaspreises. Sie treffen die europäischen Länder, insbesondere Deutschland, mit besonderer Härte, weil der seit langem bestehende Standortvorteil relativ preiswerter Energieversorgung aus Russland aufgegeben wird.

Das Wort Rezession taucht in den Medien jetzt zwölfmal so häufig wie vor noch drei Monaten, vermeldet die Agentur Bloomberg. Der Kupferpreis, ein klassischer Frühindikator für die Weltkonjunktur, ist auf ein Rekordtief gesunken. Sogar der von Sonderfaktoren hochgehaltene Erdölpreis ist zuletzt etwas zurückgefallen. Während die drohende Rezession in den USA aber »nur« als Folge der Kaufkraftverluste durch die gestiegenen Preise und die gestiegenen Zinsen für Investitionen und Hausbau erscheint, kommt auf Euro- und EU-Europa, besonders aber das ökonomisch starke Deutschland, die Selbstverstümmelung durch knapp und superteuer werdende Energie hinzu. Der Kursrutsch des Euro spiegelt diesen relativen Nachteil EU-Europas gegenüber den USA bisher nur unvollkommen wider. Die Euro-Schwäche dürfte andauern.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

Dein Abo für den heißen Herbst!

in Zeiten der sozialen Verwerfungen braucht es ein Korrektiv, das die Propaganda der Herrschenden in Wirtschaft und Politik aufzeigt. Deshalb: jetzt das jW-Abo abschließen!

Ähnliche:

  • »Öl, das die Welt braucht« (Tanker vor Anker im Bundesstaat Anzo...
    16.06.2022

    Berlin hofft auf Maduro

    Venezolanisches Öl könnte PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt retten – sofern die USA nicht blockieren
  • Zerstörte Natur: Laut einer Studie ist der Anstieg der weltweite...
    15.06.2022

    Vollgas für Fracking

    Um unabhängig von russischen Energieimporten zu werden, setzt EU auf LNG. US-Industrie im Goldrausch, Umweltverbände laufen Sturm
  • Nicht das erste Mal: Griechenland beschlagnahmt im April den Tan...
    01.06.2022

    Schiffe kapern

    US-Regierung raubt mit Zustimmung Griechenlands – und vermutlich auch der EU – iranisches Erdöl

Mehr aus: Kapital & Arbeit