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Aus: Ausgabe vom 09.07.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Krieg und Kult

Warenästhetik des Krieges

Militarisierung von Konsumgütern und Reklame für den Tod als verlockendes Sonderangebot
Von Susann Witt-Stahl
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Shopping für die Freiheit: Supermärkte geben sich dieser Tage patriotisch

Das Gemetzel in der Ukraine entwickelt sich zum Verkaufsschlager und effizienten Werbeträger. Wer in Kriegszeiten auf Shoppingtour nach Modeartikeln verpackt in Militarismus und Hasspropaganda sucht, dem ist ein prall gefüllter Warenkorb garantiert. Am Inhalt hat sich in den vergangenen hundert Jahren wenig geändert. Schaltete Asbach Uralt 1917 eine Zeitungsannonce mit einer Cognacflasche als Kanone, die gegen den französischen Feind gerichtet war, bietet heute ein britischer Händler im Internet Poster mit der Aufschrift »Keep calm and kill all Russians!« an. Amazon wirbt mit einer »NATO-Edition« in Blau-Gelb für den Beitritt der Ukraine zu dem transatlantischen Militärpakt und verhökert auch Sticker und Notizbücher mit dem Symbol der Rechter-Sektor-Milizen. Ukra-Faschokrieger-Merch geht derzeit auch bei anderen Onlineversandriesen, wie Redbubble und Zazzle, weg wie geschnitten Kommissbrot: Bei Wish ist das T-Shirt mit dem Emblem der »Misanthropic Division« des »Asow«-Regiments seit Wochen ausverkauft.

Vor »Heldentaten ist vorherige Kräftigung anzuraten«, heißt es in Karl Kraus’ »Die letzten Tage der Menschheit« in einem Werbeslogan für eine fiktive »Diana-Kriegs-Schokolade«. »Lass langsam sie im Mund zerfließen, du stärkst dich und kannst dabei schießen.« Heute überbietet die Realität die Satire von damals: Die Firma »Preussisch Süß« hält mit einer »Ukraine-Schokolade«, verpackt in hellblauem Papier, bedruckt mit dem Landkartenumriss inklusive Krim, zum stolzen Preis von 4,90 Euro für eine 50-Gramm-Tafel den Widerstandswillen auf deutschen Sofas wach. Der Erlös geht laut Hersteller an »Vostok SOS« – eine NGO, die mit Regime-Change-Denkfabriken wie National Endowment for Democracy zusammenarbeitet. Bis ein Shit-Sturmangriff in den sozialen Medien seine Offensive ausbremste, mobilisierte ein geschäftstüchtiger Wirt in Bamberg mit blaugefärbtem Bier für den totalen Alkoholvernichtungskrieg – fünf Euro kostete der halbe Liter, nur ein Euro ging davon an Hilfsorganisationen. Cleverer vermarkten Berliner Filmemacher mit einem reißerischen Videotrailer, unterlegt mit Sirenengeheul und der ukrainischen Nationalhymne, ein »Solibier« von einer Brauerei aus Lwiw. »Alkohol trinken und Gutes tun«, warb der Welt-Nachrichtensender, denn mit dem Verkauf soll »Unterstützung« finanziert werden für »Menschen im Krieg«, darunter auch die für ihre mafiaähnlichen Strukturen berüchtigten Freiwilligenbataillone.

Unzählige Designer, Maler und Fotografen vor allem aus der Westukraine wollen kreativen Kriegsdienst leisten. »Kunst kann helfen, den Kampf zu gewinnen«, meint das Art-Dopomoga-Kollektiv aus Kiew, das unter anderem selbst entworfene Textilien und Plakate mit patriotischen Motiven anbietet: ein Mix aus Folklore, infantilem Fantasy- und Kriegernostalgiekitsch (»Asowstal. Helden aus Stahl«), aufgeladen mit apokalyptischer Feuer-und-Blut-Romantik, aufgerüstet mit dem NATO-Emblem und US-Sternenbannermuster sowie Durchhalte- und Racheparolen: »Aus jeder Träne wird eine Patrone gegossen.«

Die Heroisierung der Durchschnittlichkeit von Kulturindustrieprodukten gelingt vorzüglich, wenn diese von der Aura eines alle Sinne stimulierenden Stahlgewitters eingehüllt werden. »Walhalla ist ein Warenhaus« (Karl Kraus). In Kriegszeiten vollzieht sich eine Uniformierung des Angebots und der Werbung mit nationalen Symbolen – gegenwärtig dem Dreizack der Ukraine –, martialischen Gesten und moralinsäuregetränkten Imperativen, durch die alle gewöhnlich zum atomistischen Nebeneinander und zur Konkurrenz gegeneinander verdammten Mitglieder einer Gesellschaft zu einer schlagkräftigen Kampfeinheit zusammengeschmiedet werden. Die Reklame mit ihrer aufdringlichen, aber freundlichen Empfehlung geht im Kaufbefehl von Propaganda auf, die alle Verbraucher als »Universal Soldiers« für den Konsum auch noch des übelsten Ramschs rekrutiert – bis Verzicht, Hunger, sogar Zerstörung und Tod als begehrenswerte Genussmittel und Frieden als Ladenhüter wahrgenommen werden.

Die Militarisierung der Kultursphäre und des Lebensalltags in der rasenden Geschwindigkeit, wie sie gegenwärtig im Ukraine-Krieg vonstatten geht, ist nur möglich, weil der, äußerlich betrachtet, hohe Zivilisationsgrad der modernen Welt nichts als Schein ist. »Was an Zusammenarbeit der Gesellschaftsmitglieder, an vollem Einsatz der entwickelten Produktivkräfte möglich ist, das lässt sich innerhalb des Kapitalismus nur in Form des Krieges realisieren«, heißt es in Wolfgang Fritz Haugs »Kritik der Warenästhetik«. Besonders für den krisengeschüttelten Neoliberalismus und seine Kultur gilt, was Siegfried Kracauer einst über Hitler sagte: Den Frieden duldet er nur als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.

Hintergrund: NATO-Pop

Immer mehr westliche Musiker inszenieren ihre Auftritte mit nationalen und militaristischen Symbolen. Paul McCartney tobte auf dem Glastonbury-Festival Ende Juni mit einer riesigen Ukraine-Flagge über die Bühne, flankiert von Fahnenträgern, die den Union Jack und die Stars and Stripes schwenkten. Um seinen NATO-Patriotismus zu demonstrieren, strich die Beatles-Legende zudem den Hit »Back in the U. S. S. R.« aus seinem Repertoire. Die US-amerikanische Singer-Songwriterin Billie Eilish küsste bei einem Konzert in Bonn die ukrainische Fahne, begleitet von »Slawa Ukrajini!«-Gekreische entzückter Fans. In nationalistischem Pathos des neuen Lieblingswaffenbruders des Westens suhlten sich auch Madonna, Lady Gaga, U2, Bon Jovi, Harry Styles und Peter Gabriel. Bei dem Spektakel »Charity Marathon Save Ukraine. #StopWar« mit Sting, Craig David, Within Temptation, Alan Walker und Fatboy Slim wurden Kampfjets, Panzer, sogar eine Flugverbotszone und damit faktisch ein dritter Weltkrieg gefordert – »bis zum Sieg«, wie es hieß, während bei den Liveschalten in europäische Metropolen immer wieder die rot-schwarze Fahne der Banderisten zu sehen war. Hauptmedienpartner war der Sender 1+1 des ultrarechten ukrainischen Oligarchen Igor Kolomojskij. David Gilmour und Nick Mason, der Rest von Pink Floyd, produzierten ein schwülstiges Kriegsmusikvideo mit Landserromantik, eingesammelt wurden das nationalistische Volkslied »Oi, u luschi tscherwona kalina« und die Nationalhymne der Ukraine. Russland hingegen dürfe man in keinem Fall mehr »romantisieren«, findet Klaus Meine, Sänger der Scorpions. Folglich hängt die Band ihre Ukraine-Fähnchen nach dem »Wind of Change« und singt statt der Zeilen »I follow the Moskva down to Gorky Park« der ersten Strophe der Ode an »die Wende« nur noch »Now listen to my heart, it says Ukrainia«. (sws)

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