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Aus: Ausgabe vom 07.07.2022, Seite 16 / Sport
Schach

Wenn Favoriten sterben

Schach-WM-Kandidatenturnier in Madrid: Jan Nepomnjaschtschi aus Russland gewinnt, dem zweiten Platz könnte noch große Bedeutung zufallen
Von Peter Köhler
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Blieb als einziger ungeschlagen: Jan Nepomnjaschtschi

Manche Schachspieler können zehn und mehr Züge vorausberechnen; in einem Endspiel, wenn nur noch wenige Steine auf dem Brett sind, locker auch vierzehn. Hingegen vorhersagen, wie sie in einem Turnier abschneiden, in dem sie beispielsweise vierzehn Partien zu spielen haben, konnte noch niemand. Auch Schachjournalisten können es selbstverständlich nicht. Das jüngste Kandidatenturnier zur Weltmeisterschaft, in dem acht sogenannte Supergroßmeister doppelrundig den Herausforderer des norwegischen Weltmeisters Magnus Carlsen ausspielten, ist der Beweis.

Als Favoriten gehandelt wurden ein 19jähriger Jungstar, der in Frankreich lebende Iraner Alireza Firouzja, und der Chinese Ding Liren (29). Gewonnen aber hat der Russe Jan Nepomnjaschtschi (32) – derselbe, der schon im letzten Jahr gegen Carlsen um die Krone kämpfte und deutlich unterlag. Ding kam immerhin auf Platz zwei, Firouzja endete mit letzter Kraft als Sechster.

Gegen beide zeigte sich »Nepo« in Hochform. Gleich in der ersten Runde des im prächtigen Santoña-Palast zu Madrid ausgetragenen Turniers (das am Montag abend zu Ende ging) schlug er Ding und remisierte gegen ihn ohne Mühe im zweiten Durchgang; Firouzja besiegte er sogar in beiden Turnierhälften souverän. In der zweiten Begegnung gelang ihm dabei eine Glanzpartie, die das Wunderkind so gründlich aus der Bahn warf, dass es nach einer schlaflosen Nacht am nächsten Tag gegen Hikaru Nakamura (34) sang- und klaglos einging.

Der US-Amerikaner, der sich lange Zeit mehr im Internet getummelt hatte als in den Turniersälen und durch Streaming zum Millionär wurde, war 2021 in die Arena zurückgekehrt, hatte den Grand Prix in Berlin gewonnen und zählte zum erweiterten Favoritenkreis; mit dem Usbeken Teimour Radjabov kam er auf dem geteilten Platz drei ein. Er war so etwas wie Firouzjas Nemesis: In der dritten Runde hatte er einem furiosen Angriff des jugendlichen Helden widerstanden und remisieren können – am nächsten Spieltag, dem vierten, wurde der entkräftete Iraner von Nepomnjaschtschi zum ersten Mal auseinandergenommen. Der deprimierte junge Meister feierte überhaupt erst in der neunten Runde seinen ersten Sieg.

Dem auf der Weltrangliste gleich nach Carlsen kommenden Ding fehlte pandemiebedingt die internationale Spielpraxis. Aber er berappelte sich nach der Startniederlage, kam immer besser in Schwung und stieß in Runde elf nach dem dritten Sieg hintereinander auf den zweiten Platz hinter dem von Anfang an führenden Nepomnjaschtschi vor. Er schien den Russen ernsthaft gefährden zu können, als ihm plötzlich die Puste ausging und er gegen den überraschend starken Radjabov verlor und seine Ambitionen auf den Turniersieg begraben musste. Mit einer unerwarteten Energieleistung in der letzten Runde vermochte er jedoch im direkten Duell um Platz zwei Nakamura zu schlagen.

Nur Fünfter wurde der als Mitfavorit gehandelte Italoamerikaner Fabiano Caruana (29), der das WM-Duell mit Carlsen in London 2018 unentschieden gehalten hatte und erst im Stechen, wenn Schnellpartien gespielt werden, unterlag. Sein Spiel war unausgeglichen: Vielleicht fehlte seiner Vorbereitung diesmal die nötige Tiefe, nachdem er und sein langjähriger Mitarbeiter Rustam Kasimdschanow, der manchen als »bester Sekundant der Welt« gilt, sich 2021 getrennt hatten.

Ebensowenig in den Kampf um die vorderen Plätze eingreifen konnten die beiden Außenseiter, die sich jedoch wacker schlugen: der für seinen originellen Stil geschätzte Ungar Richard Rapport (26) und der Pole Jan-Krzysztof Duda (24), der Carlsen schon manches Mal in Schrecken versetzen konnte und vor zwei Jahren dessen Rekordserie von hintereinander 125 nicht verlorenen Partien beendet hatte.

Weit besser als erwartet schnitt aber Teimour Radjabov ab. Mit 35 der Älteste und einst ein Wunderkind wie Firouzja, hatte sich der Aserbaidschaner nach einer in toter Remisstellung erlittenen deprimierenden Niederlage gegen den damaligen WM-Anwärter Carlsen im Kandidatenturnier 2013 – der sich dann im Duell gegen den Inder Viswanathan Anand den Titel holte – vom Schach ziemlich zurückgezogen. Er hat sich endlich erholt, schlug in Runde zwölf den favorisierten Ding mit einem Turmopfer und hatte plötzlich selber Chancen auf Platz zwei.

Dabei war er bloß durch einen Freiplatz ins Turnier gekommen – dank des in der Ukraine geborenen Russen Sergej Karjakin, der 2016 Herausforderer Carlsens war und ihm wie später Caruana erst im Tie-Break unterlag. Der Dummkopf wurde disqualifiziert, nachdem er den russischen Einmarsch in sein Heimatland gefeiert hatte. Hätte er sich wie Turniersieger Nepomnjaschtschi distanziert, hätte er anstelle von Radjabov unter der Flagge des Weltschachbundes antreten können.

Einigen der besten Spieler war es nicht gelungen, sich für Madrid zu qualifizieren. Es fehlten vor allem der Schönspieler Maxime Vachier-Lagrave aus Frankreich und der Armenier Lewon Aronjan. Letzterer schafft es einfach nicht nach ganz oben. 2018 war er im Kandidatenturnier als Favorit gestartet und wurde letzter. Diesmal scheiterte er bereits in der Qualifikation.

Nepomnjaschtschi blieb als einziger ungeschlagen, stand bereits vor dem letzten Spieltag als Sieger fest und belegte mit Vorsprung den ersten Platz. Er hat sich offenbar von der Schlappe gegen Carlsen erholt, und ein zweites Duell um den Titel ist ihm sicher – aber gegen wen, ist ungewiss.

Der amtierende Weltmeister Carlsen hatte angedeutet, nur gegen Firouzja antreten zu wollen, andernfalls die mühevolle Vorbereitung auf einen neuerlichen, seinen sechsten WM-Wettkampf zu scheuen und den Titel kampflos abzugeben. Es wäre ein Novum in der Schachgeschichte. Lediglich der deutsche Weltmeister Emanuel Lasker hatte einst auf seinen Titel verzichten wollen, doch bestand der Kubaner José Raúl Capablanca auf einem Match, das er dann 1921 überlegen gewann.

Tritt Carlsen nicht an, würden der Erst- und der Zweitplazierte des Kandidatenturniers um die Weltmeisterschaft spielen. So wurde das Turnier ganz zuletzt noch einmal spannend, denn in der Schlussrunde duellierten sich die beiden Spieler, die Zweiter werden konnten: Nakamura und Ding. Der Chinese siegte und darf hoffen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Benjamin B. aus Benjamin Brosig, Bern ( 6. Juli 2022 um 22:17 Uhr)
    Der Artikel zum Kandidatenturnier 2022 enthält einen größeren Fehler: Radjabov war fürs letzte Kandidatenturnier qualifiziert, ist aber wegen der Coronasituation nicht angereist und hatte darauf gedrängt, es zu verschieben. Er wurde durch MVL ersetzt. Als das Turnier dann in der Tat abgebrochen werden musste, nachdem Russland coronabedingt seine Auslandsflüge einstellen wollte, hat man ihn nicht mehr ins Turnier aufgenommen, aber ihm einen Platz im nächsten Kandidatenturnier zugesprochen. Der Ersatz für Karjakin (der von der Krim kommt und die Ukraine wohl nicht als sein Heimatland sehen dürfte) ist nicht Radjabov, sondern Ding. Er qualifizierte sich über die höchste ELO-Wertung, ein Qualifikationskriterium, das bei diesem Turnier in seiner ursprünglichen Variante im Ggs. zu den vorhergehenden Turnieren nicht angewandt worden war. Als Karjakin dann für ein halbes Jahr von der Teilnahme an allen FIDE-Veranstaltungen ausgeschlossen wurde (und wohl auch danach Probleme haben dürfte, auf die meist einladungsbasierten Spritzenturniere in Europa eingeladen zu werden), griff dieses Kriterium. Ding hatte allerdings noch nicht genügend Partien im Qualifikationszeitraum gespielt, welche dann der chinesische Schachverband für ihn sozusagen kurzfristig organisierte. Titelverzicht im weiteren Sinne gab es auch bei Robert James Fischer aus den USA, der nicht gegen Karpov antrat, weil seine etwas exzentrischen Bedingungen für die Regeln des Wettkampfs nicht vollumfänglich erfüllt worden waren. Im Ggs. zu Kasparov, der sich später seinen eigenen Weltmeisterschaftskampf organisierte, trat Fischer dann gar nicht an und Karpov wurde kampflos Weltmeister (wobei die finale Runde der Kandidatenwettkämpfe gegen Kortschnoi von der Länge her umfangreicher war als die heutigen Weltmeisterschaften). Was Carlsen angeht, so hat er später wohl überhaupt (selbst im Falle Firouzjas) eine Verteidigung seines Titels infrage gestellt. Das mit Firouzja war seine erste Äußerung zu dem Thema.