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Aus: Ausgabe vom 07.07.2022, Seite 15 / Medien
Erfundene Geschichte

Mit Dreck gegen links

Schmutzkampagne in der französischen Presse: Zwei LFI-Abgeordnete Opfer von Verleumdungen und Lügen. Rechter Politiker als »Informant« enttarnt
Von Hansgeorg Hermann
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Die erfundene Geschichte hat das Magazin am 23. Juni in die Welt gesetzt

Politische Schmutzkampagnen gehören in sogenannten liberalen Demokratien zum Geschäft. In Deutschland seit Konrad Adenauers Wirken gegen den vermeintlich »von Moskau gesteuerten« Sozialdemokraten Willy Brandt, in den USA nicht erst seit den Attacken eines Richard Nixon und von dessen »Sicherheitsberater« Henry Alfred Kissinger gegen »Linke« im Allgemeinen und Gegner des Vietnamkrieges im Besonderen. Frankreich erlebte in diesen Tagen einen Angriff auf die Linke, der sich eher auf der untersten Etage der für Verleumdungen und Lügen zuständigen Sektion des parlamentarischen Alltags abspielte. Alexis Corbière, Abgeordneter der Fraktion La France insoumise (LFI) und seine Lebensgefährtin Raquel Garrido, Deputierte derselben Formation, hätten eine junge Frau aus Algerien – angeblich ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis – schamlos als Putzfrau und Kindermädchen ausgebeutet. Fazit nach einigen Tagen lauten Geschreis in den bürgerlichen Medien: alles erstunken und erlogen.

Die Geschichte hatte am 23. Juni das Magazin Le Point in die Welt gesetzt. Eine Wochenzeitschrift, die bisweilen durchaus Lesbares aus der Politik produziert, in der Regel aber sogenannte Homestorys macht, in denen das Leben »Prominenter« in Bild und Text vermeintlich detailliert abgebildet wird. Vom Staatspräsidenten bis zur Knallcharge im Theater, alle sind im Point irgendwann und irgendwie wichtig. Besonders, wenn sich die Leser anschließend empört abwenden können, weil es nicht nur Schönes, Trauriges oder Erstaunliches zu berichten gibt, sondern immer mal wieder auch Ekelhaftes. Zuständig für das Widerliche im öffentlichen Leben von Politikern sei »im Point«, berichteten Pariser Tageszeitungen in der vergangenen Woche, der Journalist Aziz Zemouri.

Der hatte aufgeschrieben, wie »eine 36 Jahre junge Algerierin«, auf dem Arbeitsmarkt ohne die erforderlichen Papiere aufgetaucht, von dem Politikerpaar schwer ausgebeutet worden sei. Die Frau, bereits 2008 mit einem Studentenvisum in die Republik eingereist, sei von Corbière und Garrido quasi aufgesammelt und in den Haushalt eingegliedert worden. Zum Putzen, einerseits, und als Kindermädchen für den drei Köpfe zählenden Nachwuchs der vielbeschäftigten Volksvertreter andererseits. Zemouris Erzählung bot Intimes aus dem Hause Corbière, ernste Gespräche zwischen Raquel Garrido und der nicht namentlich genannten Gehilfin, wörtliche Zitate: »Wir geben dir ein Dach über dem Kopf«, habe Garrido der um pünktliche und faire Entlohnung nachsuchenden Frau entgegnet, »wir geben dir Arbeit – entweder, du bist dankbar dafür, oder ich nehme jemand anderen, und damit Schluss.« Zemouris Lagebericht vom Wohnort des Paares im Pariser Vorort Bagnolet beschrieb, wie das »Mädchen« dort »Tag und Nacht schuftete«.

In der Zweitwohnung Corbières, im Zentrum der Haupstadt, habe sie sich um die Kinder gekümmert, die angeblich dorthin ausgelagert wurden, weil sie nicht in der Banlieue, sondern in Paris selbst eingeschult werden sollten. Eine bekannte und berüchtigte Spezialität des französischen Bildungssystems, das die Kinder nach Wohnlage auf die besseren oder schlechteren Schulen verteilt und so die Aufstiegschancen des Nachwuchses quasi nach Herkunft und Einkommen der Eltern vorsortiert.

»Alles ist falsch«, wehrten sich Garrido und Corbière tags darauf zunächst bei Twitter. Nur, um wenig später Klage einzureichen wegen Verleumdung und übler Nachrede. In der Tat war an der Geschichte gar nichts wahr, wie – wiederum einen Tag später – die Chefredaktion von Le Point einräumen musste. Gekoppelt mit einer zerknirschten »einfachen und ernsthaften« Bitte um Entschuldigung. Den LFI-Politikern und auch der Justiz reicht das allerdings nicht. Denn die Regel in diesem Geschäft, die Schlussfolgerung aus bewiesener Lüge ist meist nicht die Bereinigung einer Sache, sondern das Wissen, »dass irgendwas immer hängenbleibt«. Der Journalist Zemouri, den die Chefredaktion fürs erste aus dem Verkehr zog, nannte als eine seiner Informationsquellen Jean-Christophe Lagarde, einen Politiker der bürgerlichen Rechten, dem Garrido bei den jüngsten Parlamentswahlen im Juni den Wahlkreis abgenommen hatte.

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