75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Montag, 8. August 2022, Nr. 182
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 07.07.2022, Seite 12 / Thema
Kunstgeschichte

Doppelte Rettung

Der Kunsthändler Bernhard Böhmer bewahrte zahlreiche Werke Ernst Barlachs vor der Zerstörung. Seinen Sohn aber retteten andere
Von Horsta Krum
imago0083574873h.jpg
Ernst Barlachs »Schwebender Engel« (Aufnahme: London, 4.6.2018)

Der Beginn des Großen Vaterländischen Krieges ist in Magnitogorsk dargestellt, der Stadt mit den wichtigen Stahlwerken: ein Arbeiter übergibt einem Soldaten ein Schwert. Sie halten das Schwert zwischen sich, waagerecht über ihren Köpfen. Es ist noch keine Kampfsituation. Sachlichkeit, fast Ruhe gehen von diesem Denkmal aus. Ganz anders die Darstellung des Krieges selbst: sie ist voller Bewegung, Dynamik – so beweglich und dynamisch wie eine Statue nur sein kann. Eine Frau, »Mutter Heimat«, kämpft mit gezogenem Schwert. Das Denkmal befindet sich in Wolgograd, damals Stalingrad, wo die erste kriegsentscheidende Schlacht zwischen der Wehrmacht des faschistischen Deutschland und der Roten Armee stattfand. Das dritte Denkmal, das zu diesem »Triptychon«¹ gehört, befindet sich in Berlin im Treptower Park. Der Soldat hat das Schwert gesenkt, der Krieg ist zu Ende. Auf dem Arm hält der Soldat ein Kind, ein Mädchen. Das Modell war die kleine Tochter des Stadtkommandanten Alexander Kotikow. Die Darstellung besitzt einerseits symbolischen Charakter: Jetzt endlich, mit dem Sieg über den Faschismus, kann eine neue Generation in Frieden aufwachsen. Aber darüber hinaus steht hinter dem Denkmal mit dem Kind auch eine ganz konkrete Geschichte.

Verhinderter Selbstmord

Ende April 1945 rücken Truppenteile der Roten Armee nach Güstrow südlich von Rostock vor. Als sie Anfang Mai den Heidberg erreichen, fällt ihnen eine Frau auf, die aufgeregt gestikuliert und auf ein Haus weist. Ein Soldat geht mit ihr in das Haus und sieht dort drei leblose Personen, zwei Erwachsene und ein Kind. Die Frau zeigt auf das Kind, da sie sich anders nicht verständlich machen kann. Der Soldat packt den Jungen, reißt ihn hoch, schüttelt ihn kräftig, stößt ihm so lange einen Finger in den Rachen, bis sich das Kind erbricht. Es lebt! Die Frau muss jetzt darüber wachen, dass das Kind nicht wieder in einen tiefen Schlaf versinkt.

Das Kind ist ein zwölfjähriger Junge: Peter Böhmer, Sohn des Kunsthändlers Bernhard Böhmer und seiner Frau Hella. Beide haben sich am Vorabend mit Zyankali vergiftet. Die Frau, die die toten Eltern und das Kind gefunden hat, ist Marga Böhmer, die geschiedene Frau des Bernhard Böhmer. Die Eltern hatten Marga in ihre Selbstmordabsichten eingeweiht. Sie war tieftraurig und erschrocken, dass auch Peter sterben sollte, denn zwischen beiden gab es eine tiefe, vertrauensvolle Bindung. Peter Böhmer wacht am nächsten Morgen aus tiefer Bewusstlosigkeit auf. Er sieht Marga und einen russischen Offizier, die an seinem Bett sitzen. »Er soll brechen und immer wieder brechen. Nur nicht einschlafen. Auf keinen Fall schlafen.«²

Reichlich zwanzig Jahre vorher hatten sich die Eheleute Marga und Bernhard Böhmer auf dem Güstrower Heidberg niedergelassen. Beide hatten Bildhauerei studiert und wollten den Bildhauer Ernst Barlachs kennenlernen. Nach Barlachs anfänglicher Zurückhaltung entstand eine enge Freundschaft: Barlach verließ seine dunkle, ungesunde Wohnung und zog in Böhmers Haus auf den Heidberg. Böhmer half ihm bei schwerer körperlicher Arbeit, die die großen Skulpturen erforderte. Ein Foto zeigt ihn, wie er die große, schwere Holzskulptur des Magdeburger Ehrenmals bearbeitet, die 1929 aufgestellt wurde. Bald sah Böhmer ein, dass sein künstlerisches Talent an Barlachs Fähigkeiten nicht heranreichte, gab die Bildhauerei auf und wurde Barlachs Sekretär.

Die Freundschaft zwischen ihnen dauerte auch, als die Eheleute sich einvernehmlich scheiden ließen und Marga die Lebensgefährtin Barlachs wurde. Neben dem »Böhmer-Haus« entstand das sogenannte Atelierhaus mit Barlachs Werkstatt und einer geräumigen und großzügig geschnittenen Wohnung, in die Bernhard Böhmer mit seiner zweiten Frau Hella zog. Ihr Sohn Peter wurde 1933 geboren. Im benachbarten »Böhmer-Haus« lebten Barlach und Marga, die auch nach dem Tode Barlachs 1938 dort wohnen blieb. Peter Böhmer fühlte sich an diesem Ort genauso zu Hause wie in der elterlichen Wohnung.

So wuchs der Junge mit vier erwachsenen Bezugspersonen auf. Als er über das Kleinkindalter hinausgewachsen war, bestaunte er Barlachs Arbeiten. Zwar verblasste die Erinnerung an den Künstler allmählich – er starb, als Peter fünf Jahre alt war –, aber Peter verbrachte viel Zeit im Atelier; sah auch gern zu, wenn Marga Tierplastiken modellierte.

Bernhard Böhmer wurde durch seine zweite Heirat 1931 sehr reich. Er war immer öfter unterwegs – nicht nur für Barlach, sondern auch für den Kunsthandel, den er sich nebenbei als Broterwerb aufgebaut hatte und den er nach seiner Heirat erheblich ausweiten konnte. Böhmer bereiste deutsche und ausländische Großstädte, manchmal mit seiner Frau. Dann engagierten sie für ihren Sohn eine Kinderschwester. Marga schrieb an eine Freundin: »Unser Bübchen von nebenan sitzt mal wieder schon einige Wochen alleine. Die von der Heidbergkolonie 14 sind zum Wintersport gefahren nach Partenkirchen, und denken Sie nur, die lebensfrohe Kinderschwester nimmt dreimal die Woche an einem Reitkurs teil (…). Da ich die Schwester nicht bei Böhmers anmeiern mag, das Bübchen andererseits auch nicht dadurch zu kurz kommen soll, ziehe ich nun mit ihm durch den Wald.«³

In der Schule und durch die Gespräche der Erwachsenen wird Peter manches über den Krieg erfahren haben; aber insgesamt lebte er doch unbelastet und sorgenfrei – auch während der 1940er Jahre, als Kinder aus Städten in ruhigere Orte geschickt wurden, um den Bombardierungen zu entgehen. Wer auf dem Güstrower Heidberg zu Hause war, merkte davon nicht viel.

Aus Angst vor den »Russen«

Peters Kinderjahre endeten abrupt Ende April, Anfang Mai 1945. Die Eltern hatten ein Auto mit Anhänger gepackt, damit sie zu dritt die Stadt Güstrow in Richtung Westen verlassen könnten, wenn die Rote Armee sich näherte. In der Lüneburger Heide, in Schnega, war ein Bungalow vorbereitet. Von Marga ist keine Aussage dokumentiert, ob die Böhmers ihr vorgeschlagen hatten mitzukommen. Aber auch im Falle eines solchen Vorschlages wäre sie wohl am Heidberg geblieben – zu sehr war sie mit dem Ort, den beiden Häusern und mit Barlachs Werken verbunden, von denen viele dort lagerten.

Ende April merkten Böhmers, dass die Gelegenheit zur Flucht verpasst war. Für diesen Fall hatten sie Zyankali besorgt. Jahrzehnte später erzählte Peter Böhmer dem Historiker Hans Prolingheuer: »Und am 3. Mai hat mein Vater dann gesagt: ›Es hat keinen Zweck mehr. Wir nehmen uns das Leben.‹« Prolingheuer: »Hat er mit Ihnen darüber gesprochen?« Böhmer: »Ja, das hat er mir ganz klar gesagt. Er hat auch gesagt – na gut, ich war ja zwölf Jahre alt –: ›Die Russen schneiden die Ohren ab …‹«⁴ So willigte der Junge in den Selbstmord ein. Aber statt Zyankali gaben ihm seine Eltern Barbiturate und eine Morphiumspritze – in der vagen Hoffnung, dass er auf diese Weise vielleicht überleben könne, falls er rechtzeitig gefunden würde. Und sie waren sich sicher, dass Marga alles tun würde, um Peter zu retten. Als sich beim Anmarsch der Roten Armee die Einwohner in ihre Häuser zurückzogen und manche ein weißes Betttuch aus dem Fenster hängten zum Zeichen, dass für sie die Kriegshandlungen zu Ende seien, da rannte Marga hinaus, um von den rollenden Panzern Hilfe zu holen.

Die Werkstatt, Barlachs Atelier mit den vielen Werkzeugen und dem Flaschenzug, eignete sich ausgezeichnet als Reparaturwerkstatt für die Rote Armee. Das ganze Haus ist größer und komfortabler als das Nachbarhaus. Deshalb hatte Bernhard Böhmer richtig vermutet, dass die Soldaten zunächst das größere Atelierhaus besetzen würden. Also verbrachten die Eltern mit ihrem Sohn den letzten gemeinsamen Abend im kleineren Haus, wo Marga sie fand und der Soldat den Jungen wiederbelebte.

Der Offizier, den Peter nach dem Aufwachen wahrnimmt, ist im Atelierhaus einquartiert. Er sorgt dafür, dass sein Bett und die Dinge, die der Junge um sich haben möchte, ebenfalls ins Atelierhaus gebracht werden. Allmählich gewinnt Peter Vertrauen zu seinem Mitbewohner und überwindet seine Angst, die die jahrelange Propaganda den Deutschen eingeflößt hatte und die der Grund war, weshalb Peter den Selbstmordabsichten seiner Eltern zustimmte.

Marga allerdings hat berechtigte Angst, wie andere Frauen auch. Peter Böhmer erinnert sich, wie der Offizier eingriff, wenn Soldaten sich an Marga vergreifen wollten: »Dann lief ich zu ihm und sagte ihm: ›Da sind wieder Kameraden! Komm mal, die wollen wieder…!‹«⁵ Was in den ersten Maitagen 1945 geschah, hat Marga Böhmer nie mehr losgelassen, tagsüber nicht und nicht im Schlaf – bis sie 1969 starb. Aber die Tatsache, dass Peter Böhmer gerettet wurde, gab ihr Kraft weiterzuleben und sich für Barlachs Rehabilitierung und den Fortbestand seiner Werke einzusetzen. Eine Gedenktafel an der Güstrower Gertrudenkapelle erinnert an ihr Engagement.

Die Rettung des Kindes Peter Böhmer hatte für sowjetische Offiziere einen großen symbolischen Wert. In ihrem Land waren Kinder vor den Augen der Mütter ermordet worden. Dagegen setzten die Offiziere ihre Botschaft: Wir kommen nicht als Rächer; für die unzähligen Verbrechen der Wehrmacht und der SS soll nicht die deutsche Zivilbevölkerung büßen, vor allem nicht wehrlose Kinder. Mit dem Denkmal im Treptower Park haben sie diese Botschaft in Stein meißeln lassen.

Die beiden anderen Denkmäler in Magnitogorsk und in Wolgograd entstanden später; sie symbolisieren den vergangenen Krieg gegen die Sowjetunion. Aber das Berliner Denkmal mit dem Kind und dem gesenkten Schwert stellt mehr dar als nur das Ende des Krieges: Es öffnet den Weg in die Zukunft.

Nachdem sich Peter Böhmer erholt hatte, tat die sowjetische Seite einen weiteren Schritt: Einige Offiziere sprachen mit Marga und Peter, der ja keine Eltern mehr hatte. »Und dann kamen Offiziere und haben da eben verhandelt. Die wollten mich mitnehmen nach Moskau: ›Der hat es da gut! Geben Sie uns den Jungen!‹«⁶ Der Vorschlag kam wohl zu überraschend, so dass Marga und Peter ablehnten.

Peters Eltern waren nicht die einzigen, die sich während dieser Zeit das Leben nahmen. In Güstrow verübten etwa 500 Einwohnerinnen und Einwohner Suizid. Viele von ihnen glaubten der Nazipropaganda, die die »Russen« als grausame Untermenschen dargestellt hatte. Manche von ihnen wussten aber auch, wenigstens in Ansätzen, wie die deutsche Wehrmacht und die SS in der Sowjetunion gewütet hatten und fürchteten Rache für diesen Krieg, der, anders als die Kriege gegen westliche Länder, als Vernichtungskrieg geplant und durchgeführt worden war.

Eine widersprüchliche Figur

Warum wollte Bernhard Böhmer auf keinen Fall der Roten Armee begegnen? Hatte er besondere Gründe, sich und seine Frau zu vergiften, ihr Kind auf den gemeinsamen Tod vorzubereiten und – falls es überleben würde – ihm ein lebenslanges schweres Trauma zuzufügen?

Die Geschichtsschreibung berichtet über Bernhard Böhmer als einen ambivalenten, widersprüchlichen Charakter. Aber das trifft keinesfalls auf die Jahre vor 1933 zu. Ohne ihn hätte Barlach die schwere körperliche Arbeit nicht bewältigen können, die die großen Skulpturen erforderten. Böhmer erledigte auch den gesamten Geschäftsverkehr, nachdem Barlachs Kunsthändler Paul Cassierer 1926 gestorben war. Dazu gehörte, dass er über Aufträge verhandelte, beispielsweise über Denkmäler, die von offizieller Seite gewünscht wurden oder von Privatpersonen, wie dem Hamburger Industriellen und Kunstsammler Hermann Reemstma.

Barlach wusste diese Freundschaft zu schätzen. Von einer Reise schrieb er an Marga: »Ich danke Böhmer für seine Geschäftigkeit zu meinem Besten«, und bat, Grüße an ihn auszurichten.⁷ Aber so sehr dem Künstler Barlach diese Freundschaft nützte, so zwiespältig erlebte er sie als Mensch, besonders nach Böhmers Eheschließung. Weihnachten 1933 schrieb Barlach: »In unserm Häuschen halten wir auf Stille, aber drüben, wo jetzt Böhmer wohnt, steht alles in Flor und Herrlichkeit (…). Das Geld rumort und prasst, und wenn es heißt: non olet, so sage ich: Es stinkt doch! Ich wenigstens rieche es, und möge es sich noch so penetrant parfümieren, es schlägt durch die Wände und verdirbt Nord-, West-, Süd- und Ostwind.«⁸

Schon vor dem Jahr 1933 merkte Barlach, wie sich langsam das Kunstverständnis in Deutschland änderte, deutlich erkennbar in Thüringen. Bereits 1925 wurde das Bauhaus aus Weimar vertrieben und siedelte sich in Dessau an. In Thüringen folgte dann der nächste politische Schritt, als der Landtag den NSDAP-Reichstagsabgeordneten Wilhelm Frick zum Innen- und Volksbildungsminister wählte. Der verkündete seine Absichten klar im Amtsblatt des Thüringischen Ministeriums für Volksbildung: Der Kulturbetrieb solle im Sinne der »Erhaltung und Erstarkung des deutschen Volkstums« geführt werden; fremde Kulturen seien nicht zu dulden.⁹

imago0160414349h.jpg
Symbol der Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden – der Rotarmist mit dem Kind auf dem Arm (Sowjetisches Ehrenmal, Berlin, 9.5.2022)

Barlach erhielt seltener Aufträge. Nur im Frühjahr 1933 erfuhr er noch einmal offizielle Wertschätzung, als einige seiner Skulpturen zur Weltausstellung nach Chicago geschickt wurden. Auch Emil Nolde und einige andere, später von den Nazis als »entartet« diffamierte Künstler waren dort vertreten. Danach erlebte Barlach immer häufiger Anfeindungen, und der Begriff »entartete Kunst« tauchte gelegentlich auf. Marga fing Schmähbriefe und telefonische Beschimpfungen ab. Böhmer protestierte mehrmals auf offizieller Ebene. Er hatte unter anderem Kontakte zu Joseph Goebbels, dem Reichspropagandaminister, der ein heimlicher Bewunderer des »nordischen Expressionismus« war und von Böhmer zwei kleine Barlach-Plastiken als Geschenk erhalten hatte. Im Juni 1935 schrieb Böhmer an Goebbels und beschwerte sich als »berufener Vertreter der Interessen Ernst Barlachs« über Reichsstatthalter Friedrich Hildebrandt, der sich rühmte, »das liberalistische Treiben eines mecklenburgischen Künstlers, der Kriegerdenkmäler in der übelsten, verzerrten, bolschewistischen Weise schuf, unterbunden« zu haben. »Er ist uns innerlich fremd, und deswegen gibt es keine Gemeinschaft zwischen uns und ihm.«¹⁰

Ausverkauf der Moderne

1937 wurde die »entartete Kunst« aus den Museen und anderen Ausstellungen entfernt, darunter mehr als 600 Werke Barlachs. Hitler, Goebbels und Hermann Göring, der Chef der Luftwaffe, beschlossen, dass die Kunstwerke nicht vernichtet, sondern gegen harte Devisen, US-Dollar und Schweizer Franken, ins Ausland verkauft werden sollten. Vier zuverlässige Kunsthändler wurden mit dem Verkauf beauftragt, unter ihnen selbstverständlich: Bernhard Böhmer.

Die Verkaufsausstellung im Berliner Schloss Niederschönhausen war nicht öffentlich zugänglich, sondern den vier Kunsthändlern und gelegentlich auch anderen ausgesuchten Personen vorbehalten. Es gab Gemälde, Aquarelle, Skizzen, Holzschnitte und Skulpturen zu kaufen, von bekannten Künstlern wie Emil Nolde, Franz Mark, Lyonel Feininger, George Grosz und von manchen weniger bekannten – und natürlich Werke von Ernst Barlach. Nach und nach kaufte oder tauschte Böhmer so viele Barlach-Werke, wie er konnte. Von den vier Kunsthändlern traf er die breiteste Auswahl, indem er Werke von über 170 Künstlern kaufte oder tauschte, darunter auch Werke von unbekannten Künstlern, die keine Aussicht auf Weiterverkauf hatten.

Barlach litt bereits an Depressionen. Sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich. Immer öfter wurde er belästigt. Er und Marga konnten die Situation kaum noch ertragen. Sie wollten weg, für immer. Böhmer besaß mehrere Autos und fuhr ihn und Marga im November 1937 zu Freunden, wo sie sich wohlfühlten. Danach erfüllten sie sich Barlachs Wunsch, Weihnachten und den Jahreswechsel im Harz zu verbringen. Barlach wurde so krank, dass er bald nicht mehr vor die Tür gehen konnte. Böhmer holte beide ab und brachte sie nach Güstrow zurück. Dort verschlimmerte sich Barlachs Zustand weiter, so dass Böhmer ihn und Marga in eine Privatklinik nach Rostock fuhr. Marga blieb bei ihm, und allmählich ging es ihm etwas besser, aber nur vorübergehend. Am 24. Oktober 1938 starb er – völlig entkräftet.

In das Gedächtnisbuch trug Böhmer ein: »Es ist nicht auszudrücken, was er mir war und was ich ihm an Dank schuldig bin (…). In den Jahren unserer gemeinsamen Tätigkeit wurde unser Verhältnis für mich von einem starken verwandtschaftlichen Gefühl getragen, das alle Unterschiede persönlicher Art auf eine freie Weise überbrückte. Immer war es die Stimme des Vaters, die zu mir sprach«.¹¹

Wie unterschiedlich auch immer die Einschätzungen sind, die Kunsthistoriker über Böhmer abgeben: Ihm verdanken wir, dass die meisten Werke Barlachs gerettet wurden, dazu Werke anderer Künstler. Auch dass wir heute den »Engel«, den »Schwebenden«, überhaupt kennen, verdanken wir Böhmer. Diese Bronzeskulptur war ein öffentlicher Auftrag für ein Ehrenmal, gewidmet den Toten des Ersten Weltkrieges. 1927 wurde es im Güstrower Dom eingeweiht. »Mein Bronzeengel hängt unter dem Domgewölbe und tut es so bewegungslos, als täte er’s schon hundert Jahre«, schrieb Barlach. Der Engel hat das Gesicht von Käthe Kollwitz; das hatte Barlach gar nicht geplant, es sei ihm »hineingekommen, ohne dass ich es mir vorgenommen hatte.«¹²

Vier Abgüsse

1937 erfuhr Barlach, dass der Engel entfernt und abtransportiert worden war, um eingeschmolzen zu werden. Es hatte nicht einmal eine staatliche Verordnung gebraucht. Die Schweriner kirchliche Behörde fasste ihren Beschluss in vorauseilendem Gehorsam. Ein Jahr nach Barlachs Tod ließ Böhmer einen Zweitguss herstellen und schickte ihn an einen Freund zur sicheren Aufbewahrung. Nach 1945 stellte dieselbe Firma, die bereits für Barlach und 1939 für Böhmer gearbeitet hatte, noch einen dritten und vierten Guss her, so dass Barlachs schwebender Bronzeengel heute an drei Orten zu sehen ist: im Güstrower Dom, dem Originalort, im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum in Gottorf und in der Kölner Antoniterkirche.

Bernhard Böhmer hatte geplant, mit seiner Familie dem Bronzeengel zu folgen und an dessen Aufbewahrungsort das Kriegsende abzuwarten. Das ist den Böhmers nicht gelungen. Aber ihr Sohn Peter hat überlebt wie auch der Engel. Er ist nicht nur an seinen Ursprungsort zurückgekehrt, sondern fand drei Orte, wo er schwebt – »so bewegungslos, als täte er’s schon hundert Jahre«.

Anmerkungen:

1 Der griechische Begriff stammt aus der christlichen Ikonographie. Meist handelt es sich um Altäre, die aus einem großen Bild in der Mitte und zwei beweglichen Flügeln bestehen.

2 Zit. n. Ditte Clemens: Marga Böhmer, Barlachs Lebensgefährtin, Schwerin 1996, S. 108

3 Ebd., S. 51f.

4 Hans Prolingheuer: Hitlers fromme Bilderstürmer, Kirche und Kunst unterm Hakenkreuz, Berlin 2001, S. 338

5 Ebd., S. 237

6 Ebd., S. 339

7 Clemens, a. a. O., S. 34

8 Ebd., S. 51

9 Zit. n. Hildegard Brenner: Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus, Reinbek bei Hamburg 1963, S. 23

10 Zit. n. Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933–1945. Ausstellungskatalog, hg. v. Christine Fischer-Defoy u. Kaspar Nürnberg, Berlin 2011, S. 26 f.

11 Zit. n. Clemens, a. a. O., S. 78

12 Zit. n. Antje Löhr-Sieberg; Annette Scholl (Hg.): Barlachs Engel, Stimmen zum Kölner Schwebenden, Köln 2011, S. 17

Horsta Krum schrieb an dieser Stelle zuletzt am 26. März 2021 über den Diebstahl italienischer Kunst durch die Nazis.

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.

Ähnliche:

  • Die nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Zweite Polnische Repub...
    04.07.2022

    Doppelbödiger Journalismus

    Die Artikel der sowjetischen Agentin Ilse Stöbe zeigen, wie eine falsche Minderheitenpolitik Hitlers Kriegspläne stützte
  • Von langer Hand geplanter Überfall, aber als Notwehr getarnt – M...
    31.08.2019

    Weltenbrand entfacht

    Vor 80 Jahren überfiel die Deutsche Wehrmacht Polen. Damit begann der bisher verheerendste Krieg der Menschheitsgeschichte
  • Georg Solti – geboren am 21. Oktober 1912 in ...
    01.12.2012

    Im Takt der Zeit

    Der Dirigentenjahrgang 1912 im Spannungsfeld von Musik, Politik und Markt