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Aus: Ausgabe vom 07.07.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
EU-Sanktionen

Moskau – Berlin – Warschau

Bundesregierung stimmt Bevölkerung auf Energiearmut ein, aber Deutschland exportiert viel russisches Gas nach Polen
Von Ralf Wurzbacher
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»Einbahnstraße gen Osten« – Erdgasverdichterstation im brandenburgischen Mallnow

Hilfe, unser Gas wird knapp! Während die Ampelregierenden die Menschen auf eine Herbst- und Winterzeit bei gedrosselter Heizung und mit Kaltwasserduschen einschwören, sieht man im benachbarten Polen Väterchen Frost ziemlich gelassen entgegen. Dort nämlich sind die Gasspeicher zu über 97 Prozent gefüllt, was innerhalb der Europäischen Union den zweithöchsten Wert markiert. Davor plaziert ist nach aktuellen Daten des Verbandes Gas Infrastructure Europe (GIE) nur noch Portugal mit glatten 100 Prozent, während mit gehörigem Abstand an dritter Stelle Dänemark mit knapp 80 Prozent rangiert. Weit abgeschlagen mit einem Füllstand von etwas mehr als 62 Prozent liegt Deutschland im tristen Mittelfeld, während die EU-Gesamtkapazitäten zu 59 Prozent ausgelastet sind.

Aber Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Schließlich fürchtet Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), der ohnehin nur noch zähe Zufluss aus Russland könnte schon bald komplett zum Erliegen kommen. Die Lieferungen über Nord Stream 1 mussten wegen des Fehlens einer Siemens-Turbine, die im Gefolge der antirussischen Sanktionen in Kanada festsitzt, bereits reduziert werden. Und ab dem 11. Juli wird der Transport über die Ostseepipeline aufgrund der dann beginnenden jährlichen Wartung gänzlich eingestellt. Ob die Versorgung nach Abschluss der Arbeiten wieder reaktiviert wird, steht in den Sternen. Habeck mutmaßt, Kremlchef Wladimir Putin könnte den Hahn auf Dauer zugedreht lassen, um die Preise in Deutschland hoch zu halten und so »die Einheit und den Zusammenhalt des Landes zu zerstören«.

Warum aber ist die BRD so anfällig für die Putin unterstellten sinistren Pläne, wogegen Polen, das schon seit Monaten kein Erdgas mehr vom russischen Gasprom-Konzern bezieht, aus dem Vollen schöpfen kann? Eine Antwort darauf ist einigermaßen irritierend: Tatsächlich erhält Warschau weiterhin große Mengen zur Deckung seines Bedarfs aus Russland, allerdings nicht direkt, sondern über den Umweg Deutschland. Allein im ersten Halbjahr 2022 flossen nach den Zahlen des Energiedienstleisters Gascade 20 Terawattstunden (TWh) über die sogenannte Jamal-Europe-Leitung aus deutschen Landen in Richtung Polen. Das allein entspricht der Hälfte der polnischen Reservekapazitäten und über 13 Prozent der Gesamtmenge an Erdgas, die in den ersten sechs Monaten 2021 über die von Westsibirien über Belarus ins brandenburgische Mallnow verlaufende Pipeline befördert wurden.

In Mallnow betreibt die Gascade Gastransport GmbH eine sogenannte Verdichterstation, von wo aus das Gas über die Jagal-Leitung ins innerdeutsche Netz eingespeist wird. Aber es führt eben auch ein Weg zurück über die Grenze, weil Jamal in beide Richtungen funktioniert. Zuletzt jedoch war Mallnow Ausgangspunkt einer Einbahnstraße gen Osten. Praktisch kein Gas floss in die Bundesrepublik, um so mehr aber nach Polen – und dies in einer stattlichen Größenordnung. Liefe es anders, also normal, wären die deutschen Gasspeicher um rund acht Prozent voller und die Preise für das knappe Gut wohl nicht ganz so astronomisch hoch wie aktuell und wohl noch mehr in naher Zukunft.

Die sogenannten Leitmedien schweigen sich über diese Zusammenhänge aus. Zuletzt Ende April hatte der Focus über das »Pipeline-Paradox« berichtet: »Putins Gas fließt jetzt über Deutschland nach Polen.« Der Beitrag war allerdings weit davon entfernt, die Vorgänge zu skandalisieren. Dabei erscheint das durchaus angebracht. Während die Bürger hierzulande aus sogenannter Solidarität mit der Ukraine demnächst bibbern müssen, verdienen sich deutsche Importeure eine goldene Nase damit, eigentlich für den heimischen Markt vorgesehenes Gas zu überhöhten Preisen auf dem Spot- und Future-Markt an Polen zu verticken.

Wohlgemerkt unterstützt Deutschland damit die schon vor dem Ukraine-Krieg formulierten Ambitionen der polnischen Regierung nach energiepolitischer Unabhängigkeit vom riesigen östlichen Nachbarn. Den Großteil seines Bedarfs will Warschau künftig über die neu gebaute Baltic Pipe aus Norwegen decken, die jedoch erst frühestens im kommenden Oktober einsatzfähig sein wird. Bis dahin, und dies schon seit Weihnachten des Vorjahres, bedient man sich an russischem Gas aus deutschen Speichern. Habeck setzt für dasselbe Ziel – bloß kein Gas mehr aus Russland – lieber auf schmutziges US-Frackinggas und Öl von despotischen Scheichs in Nahost. Alternativ könnte er Druck auf Polen ausüben, damit Jamal im Normalbetrieb wieder als ergänzende Quelle nutzbar wird. Das gefiele den deutschen Exporteuren nicht, würde aber Otto Normalverbraucher weiterhelfen. Wobei: »Frieren für die Freiheit« (Joachim Gauck) ist für manche vielleicht immerhin herzerwärmend.

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